Autor Thema: Sengende Hitze  (Gelesen 4462 mal)

Harry

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Sengende Hitze
« am: 16. November 2005, 18:18:41 »
Sengende Hitze


MacGyver seufzte genußvoll. Es war herrlich wieder einmal richtig ausschlafen zu können. Das erste Mal seit Wochen! Und zum ersten Mal war ihm auch wieder rundherum warm. Sogar seine Füße konnte er endlich wieder fühlen. Er lag ausgestreckt auf seinem Sofa, eingewickelt in eine flauschige Decke und genoß die wohlige Wärme, die ihn durchflutete. Wie schmerzlich er sie während seines letzten Einsatzes vermißt hatte!

Zwei Wochen waren vergangen seit die Phoenix Foundation die Funkverbindung mit ihrer Forschungsstation am Nordpol verloren hatte. Pete war deshalb in großer Sorge gewesen und hatte MacGyver gebeten, der Sache auf den Grund zu gehen. Es stellte sich bald heraus, daß Petes Befürchtungen nicht unberechtigt gewesen waren. Durch eine Explosion waren die Ölvorräte der Eisstation in Flammen aufgegangen und die Stromgeneratoren völlig zerstört worden. Sogar das Notstromaggregat hatte unter der Explosion gelitten. Die vierköpfige Mannschaft war völlig von der Außenwelt abgeschnitten. Um sich warmzuhalten hatte sie sich im mit Kerzen beleuchteten Aufenthaltsraum häuslich eingerichtet und in Decken eingewickelt. MacGyvers Ankunft löste große Erleichterung und Freude unter ihnen aus. Für einen Mann mit seinen Talenten war die Reparatur des Notstromaggregats eine Kleinigkeit und bereits nach zwei Stunden funktionierten das Funkgerät und die Beleuchtung wieder. Doch trotz größter Mühe gelang es ihm nicht, die Hauptgeneratoren wieder in Gang zu bringen. Es gab eben einige Dinge, die einfach nicht zu reparieren waren! Am darauffolgenden Tag kam zu allem Unglück noch ein Schneesturm auf und machte eine Evakuierung unmöglich. Es dauerte zehn lange, kalte Tage und Nächte bis sich der Schneesturm endlich gelegt hatte und die ersehnten Ersatzgeneratoren eintrafen. Noch nie zuvor in seinem Leben hatte MacGyver so sehr gefroren.

‘Hoffentlich schickt mich Pete in den nächsten fünfzig Jahren nicht nochmals in eine solche Eiswüste. Meinen geplanten Skiurlaub werde ich jedenfalls ausfallen lassen. Jetzt wäre ein Urlaub auf Tahiti das Richtige für mich.’
MacGyver stellte sich vor, wie er, nur mit Blumengirlande und Badehose bekleidet, den Strand entlang schlendern würde. Fast konnte er den warmen, weichen Sand unter seinen bloßen Füßen spüren. In der einen Hand würde er eine Kokosnußschale halten, die mit süßen Säften gefüllt war. Die andere Hand würde auf der Schulter eines wundervollen Mädchens mit schwarzen, langen Haaren liegen, das ihren Arm um seine Hüfte geschlungen hatte und sich zärtlich an ihn schmiegte. Amüsiert über seine Fantasterei begann er zu grinsen.

“Mac, bist du zuhause?”
“Was?” MacGyver zuckte heftig zusammen.
Die unerwartete Störung holte ihn abrupt in die Realität zurück. Nur ungern löste er sich von seiner Tagträumerei. Er stöhnte und rieb sich die Augen.
“Mac, entschuldige! Ich habe dich doch nicht etwa aufgeweckt? Das wollte ich nicht!” Pete Thorntons Stimme klang zerknirscht.
“Hallo, Pete. Ich habe nicht mehr geschlafen.” MacGyver setzte sich langsam auf und reckte seine Arme.
“Ich habe gerade versucht, mir mein nächstes Urlaubsziel vorzustellen. Es muß ein Ort sein, an dem man noch nie etwas von Eis und Schnee gehört hat. Ein Ort mit viel Sonne, warmem Sand und wundervoller Umgebung.” Er war sich durchaus bewußt, daß Pete die eigentliche Bedeutung der ‘wundervollen Umgebung’ nicht verstehen konnte.
“Aber das trifft sich ja wunderbar!” entfuhr es Pete. Er tastete mit seinem weißen Stock nach einem Stuhl und ließ sich vorsichtig auf ihm nieder.
“Eigentlich wollte ich nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen. Aber da du es schon einmal ansprichst: was sagst du zu einem Ausflug nach Afrika?” Pete strahlte erwartungsvoll.
“Ein Ausflug? Du meinst doch damit sicher einen neuen Auftrag? SCHON wieder?” stöhnte Mac. “Erst vor ein paar Stunden habe ich den Bericht über den letzten deiner sogenannten Ausflüge abgeliefert. Ich habe zwei lange Wochen im absoluten Nichts verbracht und mich dabei auch noch fast zu Tode gefroren. Weißt du, was das für mich bedeutet - sich wochenlang nur aus Dosen zu ernähren?” MacGyvers Stimme klang vorwurfsvoll.
“Ich weiß, daß nicht alles so gelaufen ist, wie wir ... äh ..  wie ICH es mir vorgestellt hatte.” Pete fühlte sich in die Defensive gedrängt. “Ich dachte die ganze Angelegenheit wäre in zwei Tagen erledigt. Wenn ich vorher gewußt hätte, wie ernst die Lage ist, hätte ich die Mannschaft natürlich sofort evakuieren lassen anstatt noch länger zu warten.”
“Schon gut,” murmelte MacGyver. Er war bereits wieder besänftigt. “Den Schneesturm konnte keiner voraussehen. Aber Pete - bitte glaub’ mir. Ich bin fix und fertig. Ich brauche dringend eine Pause.”
“Ich verstehe.” Pete war sichtlich enttäuscht. “Ich weiß, du hast deinen Urlaub wirklich verdient. Aber ich hatte gehofft...” Er führte den Satz nicht zu Ende. “Ich werde mir eben jemanden anderen suchen müssen. Obwohl ich immer noch der Meinung bin, daß du der Geeignetste dafür bist.”
“Pete, bitte! Nächstes Mal gern! Aber laß mich diesmal aus dem Spiel.” Als ob er seinen Worten Nachdruck verleihen wollte streckte sich MacGyver wieder auf dem Sofa aus und griff zu Fernbedienung seines Fernsehers. “Ich werde mich in den nächsten Stunden keinen Meter von dieser Couch wegbewegen.”
Pete erhob sich. Er überlegte fieberhaft, wie er MacGyver doch noch dazu bringen könnte könnte, den Auftrag anzunehmen. “Aber einen kleinen Gefallen könntest du mir trotzdem noch tun,” sagte er schließlich, und fügte schnell hinzu: “Nein, nein, nicht sofort. Aber im Laufe der Woche.”
“Worum handelt es sich jetzt noch, Pete?” MacGyver verlor langsam die Geduld.
“Erkläre wenigstens deiner Vertretung die Funktionsweise des Hygro-Spektrometers, den du mit Ken James zusammen entwickelt hast. Ich würde Ken fragen, aber er ist zur Zeit nicht erreichbar.” Gespannt hielt Pete den Atem an.
Abrupt setzte sich MacGyver wieder auf. “Der Hygro-Spektrometer? Soll er endlich eingesetzt werden?” Begeisterung klang in seiner Stimme. “Warum hast du mir das nicht gleich gesagt? Darauf warte ich doch schon seit Monaten!”
Pete grinste erleichtert. “Du hast mich doch nicht ausreden lassen. Ich sagte dir doch bereits, daß es niemand Geeigneteren gibt als dich.” Er setzte sich wieder.
“Also, Pete, spuck’ es aus! Worum geht es nun genau?” Jetzt war es MacGyver, der drängte. “Wie du weißt, hat der Hygro-Spektrometer alle Labortests mit großem Erfolg bestanden. Vor einigen Wochen haben wir deshalb die Versuche ausgeweitet und ihn in Trockengebieten der Vereinigten Staaten getestet. Im Llano Estacado haben wir mit seiner Hilfe in über 50 Metern Tiefe mehrere Wasseradern geortet. Allerdings war es uns dort wegen der ungünstigen Bodenbeschaffenheit nicht möglich derart tiefe Brunnen zu bohren. Es fehlt uns also immer noch der endgültige Beweis, daß auch tatsächlich Wasser vorhanden ist. Und leider ist der Beweis unbedingt notwendig, sonst kann die Phoenix Foundation den Spektrometer nicht patentieren lassen. ” Pete machte ein bedrücktes Gesicht und fügte leise hinzu: “Wir dürfen jetzt keine Zeit mehr verlieren.”
MacGyver war überrascht. “Wieso plötzlich diese Eile, nachdem die Tests monatelang hinausgeschoben worden sind?”
“Weil vor drei Wochen in das Phoenix Labor eingebrochen wurde und die Baupläne des Spektrometers gestohlen worden sind,” erwiderte Pete gereizt. Der bloße Gedanke daran machte ihn wütend. “Wer immer die Pläne jetzt hat - er wird alles daransetzen, uns zuvorzukommen und das Patent zu erhalten. In diesem Fall kann ER die Marktpreise bestimmen und es besteht die Gefahr, daß sich nur die reicheren Länder den Spektrometer leisten können.”
“Ich verstehe. Und wo soll der abschließende Beweis erbracht werden?”
“In Algerien. Dort wird gerade ein neues Entwicklungshilfeprojekt gestartet, bei dem eine größere Zahl von Bewässerungsbrunnen gebohrt werden soll. Ich möchte, daß wir unser elektronisches Wunder dort einsetzen und geeignete Stellen für Bohrungen ausfindig machen.”
“Pete, du weißt doch wie sehr mir der Spektrometer am Herzen liegt. Vergiß, was ich vorhin zu dir gesagt habe. Wann soll es los gehen?” MacGyver grinste unternehmungslustig. Von Erschöpfung war ihm nichts mehr anzumerken.

***********

Die kleine einmotorige Maschine setzte zur Landung an. Unwillkürlich klammerte sich MacGyver mit beiden Händen krampfhaft an den ausgedienten Autosessel, der ihm während des Fluges als Sitzgelegenheit gedient hatte. Die Beine weit gespreizt stemmte er seine Füße fest gegen den Boden, um ein Umkippen des schwankenden Sitzes zu verhindern. Er war schweißgebadet, und das nicht nur wegen der brütenden Hitze, die im Flugzeug herrschte. Die vergangenen zwei Stunden waren alles andere als ein Spazierflug gewesen. Verglichen mit diesem maroden Ungetüm flog man in Jacks ausgedienten Maschinen erster Klasse.

Der Pilot, ein kleinwüchsiger, dunkelhaariger Algerier mit Namen Ben Ahmed, war nur aufgrund seiner Mütze als Angehöriger seiner Zunft zu erkennen. Ansonsten hätte man ihn mit seinem ölverschmutzten, grauen Kaftan für einen Mechaniker halten können. Er hatte MacGyver auf dem Flughafen von Algier in Empfang genommen und ihn zu seiner Maschine geführt. Die großen Kisten mit den sorgfältig verpackten Bauteilen des Hygro-Spektrometers schob er dabei eifrig vor sich her. Ununterbrochen redete er munter auf MacGyver ein, der jedoch außer seinem eigenen Namen und ‘Phoenix Foundation’ kein Wort von alledem verstand. Der Redeschwall endete erst, als sie an dem kleinen Flugzeug ankamen, das so aussah, als ob es bereits bessere Tage gesehen hätte. Viel bessere!
MacGyver blieb erschüttert stehen. Als er jedoch den zärtlichen und stolzen Ausdruck in Ben Ahmeds Gesicht sah, mit dem dieser sein ‘Flugzeug’ betrachtete, riß er sich zusammen. Mit einer einladenden Handbewegung wurde er zum Einsteigen aufgefordert. Er zögerte, brachte es jedoch nicht fertig, den erwartungsvoll blickenden Algerier zu enttäuschen. Auf irgendeine Weise erinnerte ihn dieser an Jack. MacGyver holte tief Luft und kletterte auf den Kopilotensitz. Schließlich war er bereits von Jack einiges gewohnt - schlimmer konnte es bestimmt nicht werden! Doch das war bloßes Wunschdenken, wie sich bald herausstellen sollte.

Sie hatten kaum die Hälfte des Fluges hinter sich, als sich plötzlich das regelmäßige Dröhnen des Motors in ein ohrenbetäubendes Stakkato verwandelte.
MacGyver, tief versunken in den überwältigenden Anblick der unter ihnen liegenden und beinahe endlos erscheinenden Sanddünen, fuhr erschreckt zusammen. Unwillkürlich streckte er seine Hand zum Türgriff aus und hielt sich daran fest.
“Was ist das?” schrie er dem Piloten zu. “Was ist mit dem Motor los?” Seine nervösen Worte gingen im Getöse des Maschinenlärms unter.
Ben Ahmed schien in keiner Weise besorgt zu sein. Gelassen betätigte er einige am Steuerpult angebrachte Schalter. Erst als der Motor auf einen Schlag verstummte und das Flugzeug anfing an Höhe zu verlieren, warf er seinem Passagier einen Blick zu, in dem dieser nun doch eine leichte Beunruhigung zu erkennen glaubte.
Dann geschah alles sehr schnell. Das Flugzeug ging plötzlich in den Sturzflug über und die goldgelben Sanddünen sausten in beängstigendem Tempo auf sie zu. MacGyvers Magen verkrampfte sich und sein Herz trommelte wild. Er fing an zu schwitzen und hielt unwillkürlich die Luft an. Sich noch fester an den Türgriff klammernd beobachtete er die Aktivitäten des Piloten mit weit aufgerissenen Augen. Dieser zog verbissen an verschiedenen Hebeln und schlug dann mehrmals mit der flachen Hand kräftig gegen die Konsole. Und tatsächlich - MacGyver konnte es kaum fassen - sprang der Motor plötzlich wieder an. Es war auch höchste Zeit! Ben Ahmed konnte das Flugzeug gerade noch rechtzeitig emporziehen bevor es sich in den weichen Sand bohrte. Er stieß einen freudigen Schrei aus und grinste MacGyver triumphierend an.
MacGyver fühlte sich benommen. Es dauerte eine geraume Weile, bis sich sein Herzschlag wieder einigermaßen normalisiert hatte und er wieder frei atmen konnte. Das war knapp gewesen! Er wünschte sich plötzlich nichts sehnlicher, als in einem von Jacks Flugzeugen zu sitzen und gelobte stillschweigend, sich nie wieder über deren ‘kleine Eigenheiten’ zu beschweren.

MacGyvers Anspannung löste sich erst vollständig, nachdem die Maschine überraschend sanft auf der kleinen, staubigen Landebahn von Ohanet aufgesetzt hatte und vor einem kleinen Hangar zum Stillstand gekommen war. Er öffnete die Tür und kletterte mit steifen Gliedern hinaus ins Freie. Obwohl es schon später Nachmittag war und die Sonne bereits einen großen Teil ihrer Kraft verloren hatte, traf ihn die brütende Hitze wie ein Faustschlag.
Er wandte sich um und nahm seine Reisetasche aus den Händen von Ben Ahmed in Empfang. Dann zeigte er auf die Kisten mit den Apparaturen und versuchte dem Piloten durch Handzeichen deutlich zu machen, daß er sie in den Hangar bringen solle.
“Ben, chargez la caisse avec l’équipement de monsieur MaGivér directement dans ma voiture, s’il vous plaît.” Eine angenehm klingende weibliche Stimme ließ MacGyver überrascht herumfahren. Er sah sich einer gutaussehenden Frau Mitte dreißig gegenüber, bekleidet mit weiten beigefarbenen Hosen und weißem Shirt. Ihr braunes, schulterlanges Haar hatte sie mit Hilfe eines Haargummis zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Sie lächelte MacGyver freundlich zu und streckte ihm ihre Hand entgegen.
“Bienvenu, Monsieur MaGivér. Comment était vôtre vol?” MacGyver, der ihre Hand ergriffen hatte und den Händedruck erwiderte, sah sie verständnislos an.
“Verzeihen sie bitte!” Er grinste verlegen. “Mein Französischkenntnisse bestehen leider nur aus zwei Worten: ‘merci’ und ‘s’il vous plaît’.”
Sein Gegenüber schaute ihn verdutzt an, warf dann den Kopf zurück und lachte.
“Ich glaube, es ist an mir, mich zu entschuldigen, Monsieur MaGivér. Wie gedankenlos von mir! Mein Name ist Michelle Bonnet. Ich bin die Leiterin des Bewässerungsprojekts. Herzlich Willkommen in Ohanet.”
Ihr Englisch war fehlerlos, aber ihre französische Herkunft war nicht zu überhören. Wie bezaubernd sie seinen Namen aussprach! MacGyver fand ihren Akzent entzückend.
“Vielen Dank. Ich freue mich, sie kennenzulernen. Pete hat mir bereits über die großartige Arbeit erzählt, die sie hier in Afrika leisten.”
“Pete hat sicher wieder maßlos übertrieben.” Michelle lächelte, sichtlich erfreut über dieses Kompliment.
“Wenn wir im Camp sind, werde ich ihnen die Einzelheiten meines Projekts mitteilen. Sobald Ben ihre Ausrüstung in meinen Jeep verladen hat, können wir losfahren. Es wäre gut, wenn wir es noch bis zum Einbruch der Dunkelheit schaffen würden.” Sie schaute besorgt in Richtung der untergehenden Sonne. “Es ist gefährlich, nachts allein durch die Wüste zu fahren.”

Die Fahrt durch die karge Wüstenlandschaft machte auf MacGyver einen bedrückenden Eindruck. Die rote Kieswüste erstreckte sich bis hin zum Horizont und weit und breit konnte er kein Anzeichen von Leben entdecken. Nur einige dornige Sträucher säumten hin und wieder den Fahrweg.
Michelle fuhr in zügigem Tempo und konzentrierte sich ausschließlich auf das Lenken des Jeeps. Geschickt wich sie den Schlaglöchern aus, die sich auf der Piste zeigten. Als Wegmarkierung dienten ihr Blechschilder mit der Kilometerangabe und leere Benzinfässer, die in regelmäßigen Abständen am Rand der Piste aufgestellt waren.
MacGyver genoß das Schweigen, das seit Beginn ihrer Fahrt geherrscht hatte. Das Brummen des Motors und die holprige Straße hätten eine Unterhaltung ohnehin unmöglich gemacht.
Das Fahrzeug wirbelte den trockenen Wüstensand heftig auf und zog ihn als dichte Staubwolke hinter sich her. Trotz der geschlossenen Fenster fand der feine Sand seinen Weg in das Wageninnere und überzog die beiden Insassen mit einer roten Staubschicht. MacGyver schloß seine brennenden Augen. Seit er vor 24 Stunden zu dieser Reise aufgebrochen war, hatte er keinen Augenblick geschlafen. Von bleierner Müdigkeit übermannt, empfand er das Holpern des Jeeps bald nur noch als sanftes Schaukeln. Das laute Motorengeräusch entfernte sich und wurde leiser und leiser.

Es war bereits finstere Nacht als Michelle den Jeep vor einer kleinen Holzbaracke zum Stehen brachte. MacGyver erwachte mit einem Ruck.
“Wir sind da, Mr. MaGivér. Willkommen in meiner bescheidenen Behausung!”
MacGyver, noch völlig trunken von Schlaf, stieg aus dem Wagen und reckte seine zerschlagenen Glieder. Ihn fröstelte. Es dauerte einige Sekunden bis er vollständig wach war. “Wohnen sie hier draußen etwa ganz allein?” fragte er verwundert, während er sich den Staub von Jacke und Hose klopfte.
Michelle lachte. “Nein, natürlich nicht. Ganz in der Nähe stehen noch weitere Hütten. Dort wohnen mein Vorarbeiter Tarek und seine Frau Lea, die mir im Haushalt zur Hand geht. Außerdem sind bereits drei einheimische Arbeiter für das Bewässerungsprojekt eingestellt worden. Natürlich werden es noch wesentlich mehr Leute sein, sobald die ersten Brunnen gebohrt sind.”
Michelle zögerte und fügte dann nachdenklich hinzu: “Im Moment hängt noch alles davon ab, ob und wie schnell sie in der Lage sein werden, geeignete Bohrstellen zu finden.”
Sie schaute MacGyver prüfend an. “Ich schlage jedoch vor, wir besprechen die weiteren Einzelheiten morgen früh. Sie sind sicher todmüde nach der langen Reise! Während Lea uns noch etwas zu Essen bereitet, zeige ich ihnen, wo sie sich frisch machen und schlafen können.”
MacGyver erhob keinen Widerspruch. “Wo kann ich meine Ausrüstung unterbringen?”
“Lea wird einen der Arbeiter benachrichtigen. Er wird ihre Geräte in den Lagerschuppen einschließen. Dort sind sie sicher aufgehoben.”
Eine Stunde später lag MacGyver bequem auf einer Pritsche in der eigens für ihn freigeräumten Vorratskammer. Trotz seiner Erschöpfung fiel es ihm schwer, sofort einzuschlafen. Seine Gedanken kreisten um Michelle.
Was zog diese hübsche, junge Frau mitten in die Wüste? Sie machte auf ihn einen sensiblen Eindruck und strahlte trotzdem eine Selbstsicherheit und Entschlossenheit aus, die MacGyver in Erstaunen versetzten. Er freute sich darauf sie näher kennenzulernen.

MacGyver wurde am späten Vormittag durch laute Stimmen geweckt. Er hörte zunächst eine Frauenstimme - war es Michelle?- etwas auf französisch sagen, woraufhin ihr mehrere männliche Stimmen aufgeregt antworteten. Das hörte sich beinahe nach einem Streit an! Schnell stand MacGyver auf und schlüpfte in seine Hosen. Er goß Wasser aus einem bereitstehenden Kanister in eine Schüssel und wusch sich damit hastig Gesicht und Hände. Der Wüstenstaub, der ihm von Kopf bis Fuß anhaftete, juckte unangenehm. Wie hätte er jetzt eine Dusche genossen! Aber in dieser Gegend war Wasser Mangelware und beinahe noch wertvoller als Gold. Schließlich war er ja gerade wegen diese Problems hierher gekommen!
Einen Augenblick später trat MacGyver aus der Barackentür und fand Michelle inmitten einer heftigen Diskussion mit einigen Afrikanern. Sie schienen äußerst erregt zu sein und redeten heftig gestikulierend auf Michelle ein. Als Michelle ihren Gast bemerkte, kam sie ihm mit besorgter Mine entgegen.
“Guten Morgen, Mr. MaGivér. Ich hoffe, sie haben gut geschlafen.” Sie wartete die Antwort nicht ab sondern fuhr gleich fort: “Leider gibt es sehr schlechte Nachrichten. Jemand ist vergangene Nacht in unser Lagerhaus in Algier eingebrochen und hat die gesamte Bohrausrüstung gestohlen.” Ihre Stimme klang düster. “Die größeren Geräte, die nicht einfach fortgetragen werden konnten, haben sie unbrauchbar gemacht.”
“Das tut mir leid!” erwiderte MacGyver betroffen. “Weiß man bereits, wer dafür verantwortlich sein könnte?”
“Nein. Die Polizei hat keinerlei Hinweise gefunden.” Michelle wirkte verbittert: “Sie würden die Hinweise aber auch dann nicht finden, wenn man sie ihnen auf einem goldenen Tablett servieren würde.” Ihre Augen funkelten zornig.
MacGyver war von Michelles heftiger Reaktion überrascht. Sie bemerkte seinen erstaunten Blick und fuhr fort:
“Glauben sie mir, ich weiß wovon ich rede! Das ist nicht das erste Mal, das mir so etwas passiert! Vor zwei Jahren in Ghana hat man unsere gesamte Ausrüstung in die Luft gesprengt. Hätte die Phoenix Foundation uns damals nicht finanziell unter die Arme gegriffen, wäre alles gescheitert. Man sollte meinen, daß die Bevölkerung unseren Bewässerungsprojekten gegenüber positiv eingestellt wäre. Leider ist das meist nicht der Fall! Viele empfinden fremde Hilfe als Einmischung und können uns nicht schnell genug wieder loswerden. Da bilden auch die einheimischen Polizisten keine Ausnahme! Unterstützung erhalten wir nur von den Regierungsparteien, und das auch nur deshalb, weil sie die Beziehungen zu den reichen Industrieländern nicht gefährden wollen. Wie kann man nur so kurzsichtig sein!” Michelle schüttelte verärgert den Kopf.
“Vielleicht kann ihnen die Phoenix Foundation diesmal wieder helfen?” versuchte MacGyver sie zu beruhigen. “Ich bin sicher, daß Pete alles in seiner Macht Stehende tun würde, um sie zu unterstützen. ”
Michelles Gesicht hellte sich etwas auf. “Glauben sie wirklich? ”
“Natürlich! Pete war voll des Lobes, als er mir über ihre Arbeit in Afrika erzählt hat. Und schließlich besitzt Phoenix diesmal sogar ein eigenes Interesse am Erfolg dieses Projekts. Lassen sie den Kopf nicht hängen! Ich glaube bestimmt .. nein!...ich bin mir sogar sicher, daß ihnen die Foundation diesmal wieder beistehen wird.”
Michelle hatte ihre Selbstbeherrschung schnell wiedergefunden. MacGyver hatte ihr einen möglichen Ausweg gezeigt, der sie wieder zuversichtlich stimmte.
“In Ordnung! Ich werde noch heute nach Algier fahren, um zu überprüfen, ob einige der Geräte vielleicht doch noch zu gebrauchen sind. Von dort aus werde ich mich dann mit Pete in Verbindung setzen. Morgen abend bin ich wieder zurück.” Sie zögerte.
“Es tut mir so leid, daß ich sie hier allein lassen muß! Ich habe sie noch nicht einmal im Lager herumgeführt. Aber ich bin sicher, Lea wird sich gut um sie kümmern. Sie und Tarek sprechen Englisch, so daß sie mit der Verständigung keine Probleme haben dürften. Außerdem kennt Tarek diese Gegend wie seine Westentasche und wird ihnen als Führer behilflich sein.”
“Machen sie sich um mich keine Sorgen. Ich komme gut allein zurecht.” MacGyver war zuversichtlich. “Und ich kann ganz gut mit einem Kompaß umgehen.” Er grinste.
“Bitte unterschätzen sie die Wüste nicht!” erwiderte Michelle ernst. “Auch erfahrene Wüstenläufer haben sich schon verirrt. Versprechen sie mir, auf keinen Fall ohne Tarek in die Wüste zu fahren!”
“Versprochen!”

MacGyver brachte den Nachmittag damit zu, die einzelnen Teile des Hygro-Spektrometers zusammenzubauen und zu justieren. Das wichtigste Teil war ein kernmagnetischer Resonanz-Spektrograph, dessen Meßspektrum so verändert worden war, daß er auch Radiowellen wahrnehmen konnte. MacGyver konnte kaum erwarten, das Gerät endlich in Einsatz zu bringen.
Gemeinsam mit Ken James hatte er drei Jahre lang an seiner Entwicklung gearbeitet. Sie hatten an beiden Enden einer langen Metallschiene jeweils vier parallel angeordnete batteriebetriebene Feldspulen installiert. Durch den Stromfluß wurde entlang der Schiene ein so starkes magnetisches Feld erzeugt, daß es noch bis in 200 Meter Tiefe die Wasserstoffkerne in Wassermolekülen magnetisieren konnte. Die magnetisierten Wasserstoffkerne wurden durch Beschallung mit Radiowellen bestimmter Frequenz angeregt und produzierten daraufhin ein typisches Absorptionsspektrum. Es war allein MacGyvers Idee gewesen, dieses Lichtspektrum durch den zusätzlichen Einsatz eines Lasers in ein längerwelliges Radiowellen-Spektrum umzuwandeln und dadurch auf der Erdoberfläche meßbar zu machen. So war es möglich geworden, Wasser bis in 200 Metern Tiefe elektronisch zu orten.

Nach dem Abendessen, das im wesentlichen aus Fladenbrot und Ziegenkäse bestanden hatte, wurde MacGyver von Tarek durch das Lager geführt. Der Rundgang war rasch beendet. Michelles Baracke und den Lagerschuppen kannte er ja bereits. 100 Meter weiter befanden sich die kleinen Lehmhütten der Arbeiter und eine Krankenstation, über deren Eingangstür ein großes, rotes Kreuz prangte. MacGyver hatte eine primitive Praxis mit veralteter Ausstattung erwartet, wurde jedoch angenehm überrascht. Der Behandlungsraum unterschied sich kaum von den Arztpraxen daheim. Die offensichtlich neue Einrichtung entsprach dem modernsten Standard und verlieh dem Raum eine angenehme, freundliche Atmosphäre.
“Wer hat die Station eingerichtet?” fragte er Tarek.
“Madame Bonnet. Sie meint, daß das Krankenhaus besonders wichtig ist. Vor allem, wenn später noch viele andere Arbeiter hier leben. Und falls neues Ackerland gewonnen wird, werden auch viele Familien hierherkommen. Madame Bonnet möchte, daß der Arzt dann immer hier bleibt und er nicht nur kommt, wenn jemand krank ist.” In Tareks Worten klangen Bewunderung und Zuneigung für seine Arbeitgeberin.
MacGyver fühlte eine Welle von Sympathie für diese Frau in sich aufsteigen. Was veranlaßte sie nur dazu, auf die Sicherheit und Annehmlichkeiten der westlichen Zivilisation zu verzichten und sich für Menschen einzusetzen, die sie gar nicht kannte?

Am nächsten Morgen war es endlich soweit. Tarek und MacGyver verluden die einzelnen Teile des Spektrometers auf die Ladefläche eines Geländewagens und brachen auf. Zunächst fuhren sie mehrere Kilometer den Fahrweg entlang, auf dem MacGyver bei seiner Anreise gekommen war. Dann verließen sie die Hauptroute und steuerten auf eine am Horizont sichtbare Erhebung zu. Der rotsandige Untergrund wurde immer holpriger und die beiden Insassen des Wagens wurde kräftig hin- und hergeschüttelt. MacGyver machte sich Sorgen um die empfindlichen Meßgeräte auf der Ladefläche. Tarek wich den größten Schlaglöchern zwar geschickt aus, konnte aber trotzdem nicht verhindern, daß MacGyver, der ihn um mindestens 20 cm überragte, sich am Wagendach mehrmals heftig den Kopf anstieß.
Die Zahl der Sträucher nahm zu je weiter sich der Jeep der Erhebung näherte. Von Nahem stelle sie sich als riesiges Gebirge aus Sand und Geröll heraus, das jedoch stellenweise außergewöhnlich dichten Pflanzenbewuchs aufwies.
Entgegen MacGyvers Befürchtungen hatten die Meßinstrumente die holprige Fahrt unbeschadet überstanden. Am Fuß des Gebirges nahm er die erste Messung vor, doch das Ergebnis war enttäuschend: der Meßfühler des Spektrometers bewegte sich um keinen Millimeter.
Sie fuhren weiter am Rand des Gebirges entlang und führten weitere Tests durch. Das Aus- und Einladen der schweren Meßinstrumente war äußerst mühsam und nahm jedesmal eine geraume Zeit in Anspruch. Die brütende Hitze erschwerte ihnen die Arbeit noch zusätzlich. MacGyvers Hemd war vom Schweiß völlig durchnäßt. Er war froh über die großzügig bemessenen Wasserrationen, die Tarek mitgenommen hatte. Denn kaum daß er seinen Durst einigermaßen gestillt hatte, klebte ihm die Zunge schon wieder am Gaumen.
Am späten Nachmittag brachen sie die Suche schließlich ab. Ihre Bemühungen waren vergeblich gewesen. Es gab weit und breit kein Anzeichen von Wasser!

Als sie kurz vor Sonnenuntergang im Camp eintrafen, wurden sie dort bereits von Michelle erwartet. Sie trat ihnen erwartungsvoll entgegen.
“Hallo, Mr. MaGivér! Haben sie schon Erfolg gehabt?”
“Nein, leider noch nicht.” MacGyver schüttelte verneinend den Kopf.
Er sah Michelles enttäuschtes Gesicht und fuhr fort: “Wir haben doch erst heute mit der Suche begonnen! Es wäre wirklich ein außerordentlicher Glücksfall gewesen, wenn wir bereits am ersten Tag auf Wasser gestoßen wären. Außerdem gibt es hier im Umkreis noch mindestens ein Duzend andere Gebiete, in denen auch Wasser vermutet wird.
Michelles Gesicht hellte sich auf. “Sie haben recht. Ich habe wahrscheinlich zu viel erwartet. Manchmal bin ich einfach zu ungeduldig.” Sie lächelte. “Ich bringe wunderbare Neuigkeiten. Die Einbrecher haben alle größeren Maschinen zurückgelassen. Wahrscheinlich waren sie ihnen einfach zu schwer. Einige Maschinen wurden beschädigt, aber der Ingenieur hat mir versichert, daß alle Schäden reparabel seien. Und nun das Beste!” Michelle strahlte triumphierend. “Ich habe mit Pete telefoniert! Die Phoenix Foundation übernimmt sämtliche Kosten, die durch den Diebstahl entstanden sind.”
MacGyver grinste. “Ich habe ihnen doch gesagt, daß Pete die Sache in Ordnung bringen wird.”
“Ja, ich weiß,” antwortete Michelle. “Ich bin ihnen so dankbar, Mr. MaGivér. Ihnen und Pete! Ohne sie beide stünde ich jetzt wieder ganz am Anfang.”

Das Abendessen war köstlich. Lea hatte sich selbst übertroffen. MacGyver, der seit dem Morgen nichts mehr gegessen hatte, stürzte sich heißhungrig auf den mit Käse überbackenen Gemüseauflauf. Auch ein zweites Stück Obstkuchen zum Nachtisch lehnte er nicht ab.
“Sie haben einen gesunden Appetit, Mr. MaGivér!” meinte Michelle amüsiert, als MacGyver schließlich sein Besteck zu Seite legte und sich gesättigt im Stuhl zurücklehnte.
“Ich sorge dafür, daß ihnen Lea morgen etwas mehr zum Mittagessen einpackt.”
MacGyver lächelte verschmitzt. “Daran ist sicher die ungewohnte körperliche Anstrengung schuld. Wir waren den ganzen Tag damit beschäftigt, die Ausrüstung abzuladen und anschließend wieder aufzuladen. ”
“Was machen sie denn beruflich, Mr. MaGivér? Vermutlich sind sie als Physiker eher an die Arbeit im Labor gewöhnt!?”
MacGyver lachte. “Ich bin weder Physiker noch verbringe ich besonders viel Zeit im Labor. Man könnte Physik eher als Hobby von mir ansehen. Eines von vielen.”
“Aber Pete hat mir doch erzählt, daß SIE den Hygro-Spektrometer entwickelt hätten!” Michelle war verwirrt.
“Das ist nun wirklich zuviel der Ehre. Ich habe nur einige Ideen dazu beigesteuert,” erklärte MacGyver bescheiden. “Die größte Arbeit hatte Ken James, ein Physiker der Phoenix Foundation. Er ist der eigentliche Leiter dieses Projekts.”
“Und womit verbringen sie sonst ihre Zeit, wenn sie nicht gerade Ideen zu anderer Leute Projekte beisteuern?” fragte Michelle scherzhaft.
“Ich reise im Auftrag der Foundation herum und versuche zu helfen, wo gerade Not am Mann ist. Man könnte mich als eine Art Feuerwehrmann bezeichnen. Vor zwei Wochen war ich noch auf einer Forschungsstation am Nordpol und habe mich fast zu Tode gefroren - und jetzt sitze ich hier mitten in der Wüste und komme beinahe um vor Hitze.” MacGyver grinste und fügte hinzu. “Meine Arbeit ist jedenfalls nie langweilig!”
“Ich beneide sie!” seufzte Michelle. “Ich stelle er mir faszinierend vor, ständig in der Welt herumzureisen.”
“Ja, meistens ist es das auch! Aber es hat auch seine weniger schönen Seiten,” antwortete MacGyver nachdenklich.
Michelle schaute ihn fragend an und wartete auch eine Erklärung. Doch MacGyver war nicht in der Stimmung, weiter darauf einzugehen.
“Möchten sie noch eine Tasse Tee, Mr. MaGivér?” Michelles Worte schreckten MacGyver aus seinen Gedanken auf.
“Nein danke. Aber bitte - sagen sie doch ’Mac’ zu mir!”
“Mac?”
“Ja, so nennen mich meine Freunde.”
“Vielen Dank. Mein Name ist Michelle.”
“Es freut mich, sie kennenzulernen, Michelle!” MacGyver nickte ihr lächeln zu.
“Sagen sie, Michelle, was hat sie eigentlich dazu veranlaßt, Entwicklungshelferin zu werden? Es gibt nicht viele Menschen, die ihr ganzes Leben nur dem einen Ziel widmen - nämlich Hunger und Elend zu bekämpfen.”
Michelle senkte verlegen ihren Blick. “Meine Eltern waren Missionare in Gabun. Sie haben ihr ganzes Leben damit verbracht, der einheimischen Bevölkerung den christlichen Glauben nahezubringen. Wir lebten in bitterer Armut und wußten abends oft noch nicht, ob wir am nächsten Tag genug zu Essen haben würden. Mein Vater war der Meinung, daß er sich als Missionar nicht von seiner ‘Schäfchen’ unterscheiden dürfe.” Michelles Stimme wurde hart. Gedankenverloren begann sie, mit der Gabel Rautenmuster in die Tischdecke einzugravieren.
“Ich habe bald erkannt, daß man das Elend durch religiösen Bemühungen am wenigsten lindern kann. Als ich 15 war, starben meine Eltern bei einer Choleraepidemie. Ich lebte dann einige Jahre bei Freunden meines Vaters, und eines Tages lernte ich Bernard kennen. Er war damals Entwicklungshelfer in Ghana. Wir heirateten noch im gleichen Jahr. In Ghana fing ich schließlich an, mich für die praktische Seite der Entwicklungshilfe zu interessieren. Bernard hat mir alles beigebracht, was man bei der Durchführung eines Entwicklungshilfeprojekts wissen muß. Und nicht nur das. Er hat mir gezeigt, wie man auf eigenen Füßen steht.”
MacGyver war von Michelles Lebensgeschichte fasziniert. Hinter der beinahe leidenschaftslos vorgebrachten Schilderung verbarg sich eine Fülle von Emotionen, deren wahres Ausmaß er nur ahnen konnte.
“Wo hält ihr Mann sich jetzt auf?”
“In Paris. Er hat eine Anstellung bei der UNO.”
“Sicher ist es sehr schwierig, eine Ehe über eine solche Entfernung aufrecht zu erhalten!?”
“Wir sind geschieden,” antwortete Michelle ruhig.
“Das tut mir leid.” MacGyver hätte gern noch mehr erfahren, aber als er Michelles verschlossenen Gesichtsausdruck sah, behielt er seine Fragen für sich.
“Ich glaube, ich sollte jetzt zu Bett gehen,” meinte er schließlich. “Der morgige Tag wird sicher wieder anstrengend.”
Michelle nickte zustimmend. Sie glättete mit den Fingern hastig das in die Tischdecke eingeritzte Rautenmuster und erhob sich von ihrem Stuhl. “Ich hoffe nur, sie haben morgen mehr Glück. Je schneller wir auf Wasser stoßen, desto früher können wir mit dem Bau des Bewässerungssystems anfangen.”
“Ich werde mir Mühe geben!” antwortete MacGyver lächelnd.

MacGyvers Optimismus wurde in den nächsten Tagen auf eine harte Probe gestellt. Mit Tareks Hilfe suchte er nach und nach alle in Frage kommenden Gebiete ab. Es gab nicht das geringste Anzeichen von Wasser! Michelle wurde immer deprimierter und auch MacGyver war kurz davor, sich das Scheitern seiner Mission einzugestehen. Das Wissen, daß dieser Fehlschlag den Erfolg des gesamten Bewässerungsprojektes in Frage stellen konnte, lastete schwer auf ihm. Natürlich gab es immer noch die Möglichkeit, Wasser aus entfernten Oasen heranzuleiten. Doch die anfallenden Kosten für das Wasser und den Bau einer Pipeline waren viel zu hoch, um das Projekt in seinem gegenwärtig geplanten, großen Maßstab durchzuführen.
Während ihrer gemeinsamen Abendstunden bemühten sich MacGyver und Michelle angestrengt, die Mißerfolge der vergangene Tage für eine Weile zu vergessen. Michelle fand in MacGyver einen guten Zuhörer. Nach ihrer Trennung von Bernard hatte es niemanden mehr gegeben, dem sie ihre Gedanken hätte anvertrauen können. Doch zu dem Mann mit den verständnisvoll blickenden, dunklen Augen hatte sie sofort tiefes Vertrauen gefaßt. Bald legte sie ihre anfängliche Scheu ab und erzählte mehr und mehr über sich selbst. Sie war selbst überrascht, daß sie MacGyver Dinge erzählen konnte, von denen nicht einmal ihr Mann etwas wußte.
Die Schilderung ihrer entbehrungsreichen Kindheit berührten MacGyver tief. Jeder andere Mensch wäre froh gewesen einer solchen Vergangenheit den Rücken zukehren zu können. Nicht so Michelle! Sie hatte sich ihrer Vergangenheit gestellt und fühlte ein inneres Bedürfnis anderen zu helfen. Je mehr er über sie erfuhr, desto liebenswerter erschien sie ihm. Er hätte tagelang mit ihr zusammensitzen und ihr zuhören können. Die Abende erschienen ihm viel zu kurz.

Am fünften Tag ihrer Suche stießen Tarek und MacGyver plötzlich auf einen Geröllwall, der ihnen den Weg versperrte. Tarek stellte den Motor ab und stieg aus. “Wir müssen jetzt das Dschemel benutzen,” sagte er.
MacGyver schaute sich verwundert um. In dieser Einöde war weit und breit keine Menschenseele zu entdecken. Neugierig folgte er Tarek, der schon dabei war, den Geröllwall hinaufzuklettern. Auf der anderen Seite des Abhangs stand eine kleine Lehmhütte, vor der ein junger Afrikaner saß und döste. Als er die Ankunft MacGyvers und seines Begleiters bemerkte, sprang er auf und trat ihnen erwartungsvoll entgegen. Die Afrikaner begannen, sich angeregt auf arabisch zu unterhalten. Es war eine Unterhaltung, die von heftigen Armbewegungen begleitet wurde und die immer mehr an Lautstärke zunahm. MacGyver befürchtete bereits einen handfeste Auseinandersetzung, als sich beide grinsend die Hände gaben und MacGyver bedeuteten, ihnen zu folgen.
“Das sind die Dschemel,” meinte Tarek und zeigte auf mehrere Tiere, die friedlich hinter der Hütte standen und kauten.
“Kamele!” MacGyver war überrascht.
Es war schon einige Jahre her, seit er das letzte Mal auf einem Kamel gesessen hatte. Er konnte sich noch gut daran erinnern, wie er damals zusammen mit Pete durch die Wüste geritten war. Und auch dieser Kamelritt sollte ein Erlebnis werden, an das er noch länger zurückdenken sollte.
Sie verteilten die empfindlichen Meßgeräte in die Seitenkörbe der Kamele und verschlossen die Körbe sorgfältig. Dann führte Tarek ein gesatteltes Tier heran und rief laut einen Befehl. Das Tier ging zunächst mit den Vorderbeinen in die Knie und setzte sich dann auf die Hinterbeine. Zum Schluß verlagerte es sein Gewicht wieder nach vorne und lag schließlich am Boden.
“Sie können jetzt aufsteigen, Monsieur,” sagte Tarek.
MacGyver nickte. Kaum hatte er auf dem Sattel Platz genommen, stand das Kamel auf. Dabei schleuderte es seinen Reiter heftig nach vorne. Der Ruck traf MacGyver völlig unvorbereitet. Diese ‘Kleinigkeit’ hatte er ganz vergessen! Er verlor das Gleichgewicht und versuchte mit aller Kraft sich am Sattel festzuhalten. Vergeblich! In hohem Bogen flog er über den Kopf des Kamels hinweg und landete im Sand. Benommen blieb er für einige Sekunden auf dem Rücken liegen. Erst als er den jungen Afrikaner laut lachen hörte, richtete er sich langsam auf und betastete seine Glieder. Glücklicherweise hatte er keine Verletzung davongetragen - abgesehen von seinem schmerzenden Hinterteil und einem leicht angegriffenen Selbstbewußtsein. Als Tarek sah, daß MacGyver nichts passiert war, fing er ebenfalls an zu lachen. MacGyver war etwas verlegen, stimmte aber dann in das Gelächter der beiden mit ein.

Auch an diesem Tag stießen sie nicht auf Wasser. Mittlerweile hatten sie fast alle Gegenden im Umkreis von 100 km abgesucht und die Chancen für einen Erfolg wurden immer geringer. Deshalb erschien es MacGyver beinahe wie ein Wunder, als die Nadel des Spektrometers am Nachmittag des darauffolgenden Tages plötzlich doch noch ausschlug. Tarek und er waren an diesem Tag besonders weit in das Tassili-Gebirge vorgedrungen um noch einige letzte Meßversuche vorzunehmen. Viel Hoffnung besaßen sie nicht mehr. Dann waren sie jedoch auf ein Gebirgstal gestoßen, das ungewöhnlich dichten Pflanzenbewuchs aufwies. Diesmal wurden sie nicht enttäuscht. Die Meßergebnisse zeigten ein reichhaltiges Wasservorkommen in 50 Metern Tiefe an!

Michelle hatte sich bereits Sorgen gemacht, als der Jeep zwei Stunden nach Sonnenuntergang endlich eintraf. Doch sobald sie die strahlenden Gesichter der beiden Ankömmlinge sah, fiel ihr ein Stein vom Herzen. Ungeduldig lief sie ihnen entgegen.
“Willkommen! Ihr habt doch nicht etwa.... ?” Sie wagte es kaum auszusprechen. “Ihr seid doch nicht etwas auf Wasser gestoßen?” flüsterte sie.
MacGyver nickte grinsend. “Ich habe es schon fast nicht mehr für möglich gehalten. Aber die Meßergebnisse lassen keinen Zweifel zu. Wir haben es endlich gefunden!”
Er war überrascht, als ihm Michelle plötzlich ungestüm um den Hals fiel, ihn fest umarmte und dann auf die Wange küßte.
“Mac! Ich bin so glücklich. Wie kann ich Dir jemals danken?” stieß sie atemlos hervor.
MacGyver antwortete nicht, schaute sie nur lange intensiv an und lächelte. Plötzlich wurde ihr bewußt, daß ihre Arme ihn immer noch umschlungen hielten. Beinahe hastig löste sie ihre Umarmung und fuhr sich verlegen über ihr Haar.
“Wie geht es jetzt weiter?” fragte sie schnell.
“Ich muß auf jeden Fall noch weitere Messungen vornehmen, um die geeigneten Bohrplätze genau festzulegen.” antwortete MacGyver. “Das schaffe ich aber nicht an einem Tag. Tarek und ich werden deshalb ein oder zwei Nächte dort draußen übernachten müssen.”
Michelle überlegte.
“Würden sie die Stelle auch ohne Tarek wiederfinden?” wollte sie wissen.
“Ich denke schon. Aber weshalb?”
“Weil ICH sie begleiten werde! Ich möchte, daß Tarek nach Ohanet fährt und sich um die Einstellung weiterer Arbeiter kümmert.”
“Aber Madame, das kann auch jemand anderer machen. Übernachten im Zelt ist nicht ungefährlich. Das ist kein passender Ort für Madame.” Tarek war entsetzt.
Michelles Entschluß stand jedoch bereits fest. “Tarek. Ich habe sie eingestellt, damit sie sich um die Arbeiter kümmern. Und ihre Rekrutierung hat jetzt absoluten Vorrang.”
“Mein Bruder Mano kann doch Monsieur begleiten. Sie dürfen sich nicht einer solchen Gefahr aussetzen! Außerdem ist die Fahrt sehr anstrengend.”
“Früher oder später muß ich mir die Gegend sowieso anschauen,” entgegnete Michelle ungeduldig. “Darüber hinaus werde ich ja nicht allein sein - Mr. MaGivér ist ja da.”
Tarek gab sich geschlagen. Er schaute Michelle besorgt an, wagte aber keinen Einwand mehr. Schließlich war sie der Boß.
“Wann soll es losgehen, Mac?” wollte Michelle wissen.
“Sobald ich morgen früh die Geräte gereinigt und neu geeicht habe,” antwortete MacGyver. Er zögerte einen Augenblick und fügte dann hinzu. “Bist du wirklich sicher, daß du dir das zumuten willst? Tarek hat in gewisser Beziehung recht: es wird sicher sehr anstrengend werden!”
Nun wurde Michelle ärgerlich. “Mac! Vergiß nicht, daß ich in Afrika aufgewachsen bin. Ich weiß ganz genau, was mich da draußen erwartet. Und auch wenn ich eine Frau bin, heißt das noch lange nicht, daß ich bei jeder kleinen Anstrengung gleich zusammenbreche. Ihr Männer seid so überheblich! Ihr glaubt immer, daß ihr alles besser könnt!” Sie drehte sich abrupt um und verschwand in der Hütte, während ihr die beiden überraschten Männer mit offenen Mündern nachstarrten.

MacGyver hatte keine Schwierigkeiten, das Gebirgstal wiederzufinden. Nach zwei Stunden holpriger Fahrt brachte er den Jeep unter einem schattenspendenden Dornenbaum zum Halten und stellte den Motor ab.
“Hier sind wir!” sagte er zu Michelle.
Michelle stieg aus und schaute sich um. Der grüne Pflanzenbewuchs war ein Fest für das nur an Sand und Geröll gewöhnte Auge. Michelles anfänglich noch skeptischer Blick verwandelte sich schnell in Begeisterung. “Mac! Dieses Tal ist wunderbar. Es ist der ideale Platz für einen Förderbrunnen. Schau Dir nur die Büsche an! Diese hier brauchen besonders viel Wasser!”
MacGyver lachte und fing an, die Geräte abzuladen. “Nun müssen wir nur noch geeignete Bohrstellen finden, dann kannst du den Bau der Pipeline planen.”

Sie brachten den ganzen Tag damit zu, die Talsole systematisch zu vermessen und den Verlauf der Wasserader zu kartieren. MacGyver war von Michelles Ausdauer überrascht. Sie wirkte so zart und zerbrechlich, und trotzdem konnte er kein Zeichen von Müdigkeit bei ihr entdecken. Sie konzentrierte sich völlig auf ihre Arbeit und schien alles um sie herum vergessen zu haben. Ihr zäher Wille war beeindruckend.
Und wie hübsch sie war! Immer wieder schaute MacGyver sie verstohlen an und genoß den Anblick ihrer schlanken Figur und ihrer graziösen Bewegungen. Er fühlte sich unwiderstehlich zu ihr hingezogen.
Wenn Michelle aufsah, wandte MacGyver seinen Blick rasch ab und versuchte sich den Anschein zu geben, als ob er in seine Arbeit vertieft wäre. So bemerkte er nicht, daß Michelle ihn mit genau dem gleichen Ausdruck anstarrte, mit dem er sie selbst noch vor einigen Sekunden betrachtet hatte.
Kurz vor Sonnenuntergang schlugen sie gemeinsam die Zelte auf, sammelten Holz für ein Lagerfeuer und machten es sich dann neben der Feuerstätte bequem. Lea hatte ihnen allerhand Leckerbissen eingepackt, die sie genüßlich verspeisten. Das Essen verlief schweigsam. Beide starrten in das Feuer und hingen jeder ihren eigenen Gedanken nach. Die angenehme Stille wurde nur ab und zu durch das laute Zirpen der Grillen unterbrochen. Es wurde zunehmend kälter, und Michelle fing an zu frieren. "Ist dir kalt?" fragte MacGyver, dem Michelles Schaudern nicht entgangen war.
Er stand auf, nahm seine Jacke und hängte sie über ihre Schultern. Dann warf er Feuerholz nach und setzte sich neben sie in den Sand. Bald loderten die Flammen heftiger und das Knistern des Feuers verstärkte sich.
Nach einer Weile sagte Michelle leise: "Mac, ich glaube, ich muß mich bei dir entschuldigen." Sie vermied es ihn anzusehen und schaute verlegen auf ihre verschlungenen Hände. MacGyver warf ihr einen überraschten Blick zu.
"Entschuldigen? Wofür?"
"Für das, was ich gestern zu dir gesagt habe. Du weißt schon...wegen der männlichen Überheblichkeit und so... Es tut mir leid!"
MacGyver lachte laut auf. "Völlig unrecht hattest du damit ja nicht."
Michelle blickte ihn überrascht an. "Du bist mir nicht böse? Ich dachte nur..."
Sie zögerte. "Du hast heute kaum mit mir gesprochen - und da nahm ich an..."
"...daß du mich in meiner männlichen Eitelkeit getroffen hättest?" ergänzte MacGyver.
"Nun ja. Etwas in der Art...!"
"Mach' dir bitte deswegen keine Gedanken. Das habe ich schon wieder vergessen." Er lächelte.
"Aber weshalb warst du dann heute so schweigsam?" Michelle war perplex.
MacGyver wandte sich ihr zu und sah ihr lange in die Augen. Dann meinte er halb ernst, halb scherzhaft: “Das liegt wahrscheinlich daran, daß mich deine Gegenwart verwirrt. Ich weiß einfach nicht, was ich sagen soll."
"Ich verwirre Dich? Aber Mac, das meinst du doch wohl nicht ernst, oder? Nach allem, was ich von dir weiß, scheinst du mir nicht der Mann zu sein, dem es so schnell die Sprache verschlägt. Wahrscheinlich habe ich dich doch gekränkt und jetzt..."
"Shhh...", MacGyver beugte sich vor, legte seinen Zeigefinger auf Michelles Lippen und brachte sie damit zum Schweigen. Dann drehte er ihr Kinn behutsam zu sich und küßte sanft ihren Mund. Michelle stockte zunächst vor Überraschung der Atem, und sie blickte MacGyver mit weit aufgerissenen Augen an. Doch dann legte sie ihre Hände um seinen Nacken, schloß die Augen und erwiderte den Kuß zärtlich.
War die erste Berührung ihrer Lippen noch scheu und zurückhaltend gewesen, so waren die folgenden Küsse um so leidenschaftlicher. MacGyver umfaßte Michelles Taille und zog sie näher zu sich heran. Sie schmiegte sich fest an ihn, und ohne ihre hungrigen Lippen voneinander zu lösen ließen sie sich eng umschlungen in den Sand gleiten. Sein Mund wandert die Linie ihres schlanken Halses entlang und bedeckte sie mit Küssen. Michelles Puls raste. Ihr Hände glitten erregt über seinen Rücken und schoben ihm das Hemd bis zu seinen breiten Schultern hoch. MacGyver richtete sich auf und streifte es sich hastig ab. Michelle genoß den Anblick seiner Muskeln, die im Feuerschein glänzten. MacGyver beugte sich zu ihr herab und ihre Körper preßten sich begierig aneinander. Sie vergaßen beide Raum und Zeit.
Das Feuer war beinahe erloschen und nur die Glut spendete noch etwas Wärme. Sie lagen erschöpft nebeneinander im Sand. Eine kühle Brise strich angenehm über ihre erhitzen Körper. MacGyver streichelte mit seinen langen Fingern liebkosend über Michelles Gesicht. Als er Tränen auf ihren Wangen spürte, fragte er erstaunt: "Du weinst?" Michelle wandte ihren Kopf ab und sagte leise: "Wir hätten das nicht tun dürfen."
"Weshalb nicht?" MacGyver war überrascht. "Wir sind doch zwei erwachsene Menschen."
"Bitte frage mich nicht. Es hätte einfach nicht passieren dürfen," wiederholte Michelle mit erstickter Stimme und zog sich hastig an.
MacGyver war ratlos. Er konnte sich den plötzlichen Umschwung nicht erklären.
“Michelle? Habe ich etwas falsch gemacht?” fragte er leise und setzte sich auf.
“Nein, dich triff keine Schuld. Es liegt ganz allein an mir.” Michelle schüttelte unter Tränen den Kopf erhob sich.
“Willst du mir nicht sagen...?”
“Bitte, Mac! Ich möchte jetzt allein sein.” Michelle verschwand ihn ihrem Zelt und MacGyver blieb allein in der Dunkelheit zurück.
Als er später im warmen Schlafsack lag grübelte er noch lange über ihr seltsames Verhalten nach. Er kam zu dem Schluß, daß er zu schnell vorgegangen war. Anstatt ihr mehr Zeit zum Nachdenken zu geben, hatte er sie einfach überrumpelt. Warum hatte es sich nicht besser in der Gewalt gehabt? Nun war es zu spät und die Sache war nicht wieder rückgängig zu machen! Er hätte sich ohrfeigen können.

MacGyver erwachte mitten in der Nacht mit einem Ruck. Im Zelt war es stockdunkel und es dauerte eine Weile, bis er begriff, wo er sich befand. Das Zirpen der Grillen war verstummt und kein Laut war mehr zu hören. Es war kalt geworden und MacGyver fröstelte. Er zog seinen Schlafsack bis unter das Kinn, drehte sich auf die Seite und war kurz davor wieder einzuschlafen, als er ein leises Flüstern vernahm. Sofort war er hellwach und setzte sich auf.
“Michelle?” rief er leise in Richtung des Zelteingangs.
Das Flüstern verstummte.
“Michelle? Ist alles in Ordnung?”
Es kam keine Antwort. MacGyver tastete nach der bereitliegenden Taschenlampe, knipste sie an und befreite sich aus seinem Schlafsack. Dann zog er sich hastig an, öffnete den Reisverschluß des Zelteingangs und trat hinaus ins Freie.
Er hatte sich kaum aufgerichtet, als ihn plötzlich von hinten zwei kräftige Arme umklammerten. Die Taschenlampe fiel ihm aus der Hand, schlug auf dem Boden auf und erlosch. Es dauerte nur den Bruchteil einer Sekunde, bis MacGyver seinen Schrecken überwunden hatte und anfing, sich heftig zu wehren. Er versuchte mit aller Kraft sich aus der Umklammerung des hinter ihm stehenden Mann zu befreien. Doch er mußte bald einsehen, daß er der Stärke seines Gegners nicht gewachsen war.
Als MacGyver seinen Widerstand abrupt aufgab, lockerte sich der eiserne Griff sofort. Doch auf diesen Augenblick hatte MacGyver nur gewartet. Er trat mit dem Fuß heftig nach hinten aus und traf seinen überraschten Gegner am Schienbein. Ein Schmerzensschrei erklang und die Umklammerung gab nach. MacGyver stieß die Hände seines Gegners beiseite. Dann griff er dessen Arm, bückte sich und schleuderte den Mann schwungvoll über seine Schulter hinweg auf die Erde.
Der Kampf hatte nur ein paar Sekunden gedauert. Es war dunkel und nur ein leises Stöhnen zeigte MacGyver an, an welcher Stelle sein Gegner unsanft gelandet war. MacGyver tastete nach der auf dem Boden liegenden Taschenlampe, als er plötzlich von einem grellen Lichtstrahl erfaßt wurde. Geblendet schloß er die Augen. Seine Arme wurden von beiden Seiten gepackt und brutal auf den Rücken gezerrt. Der stechende Schmerz in den Schultern ließ ihn aufschreien. Verzweifelt begann er aufs neue sich zu wehren. Da traf ihn ein Faustschlag in den Magen. Stöhnend sackte er zusammen und gab seine Gegenwehr auf.
Auf arabisch erklang ein kurzer Befehl. Daraufhin wurde MacGyvers Kopf von hinten fest umklammert und jemand preßte ihm einen süßlich riechenden Lappen auf den Mund. Chloroform! Der wohlbekannte Geruch versetzte MacGyvers Sinne in höchste Alarmbereitschaft. Er versuchte seinen Kopf zur Seite zu drehen und der betäubenden Chemikalie auszuweichen, doch gegen die Übermacht hatte er keine Chance. “Die Luft anhalten!” schoß es ihm durch den Kopf. “Nicht atmen!”. Doch das war leichter gesagt als getan. Sein Herz raste und seine Lungen drohten zu bersten. Er spürte, wie ihm schwindelig wurde. Schließlich wurde der Drang zu atmen übermächtig. Ihm schwanden die Sinne.

Das Dröhnen wurde lauter und lauter. Immer wieder fiel das Flugzeug in tiefe Luftlöcher und der einzige Passagier wurde auf seinem Sitz unsanft hin- und hergeschüttelt. Als MacGyver sich vorbeugte und durch das kleine Kabinenfenster hinunter auf die weit unter ihm liegenden Berge blickte, wurde ihm mulmig. Diese verflixte Höhenangst! Plötzlich geriet das Flugzeug in ein besonders tiefes Luftloch. MacGyvers Magen krampfte sich noch stärker zusammen und ihm wurde übel. Als die Maschine schlagartig wieder in ihrem Fall gebremst wurde, schlug sein Kopf heftig gegen die Scheibe.
“Jack!” rief er zornig. “Das ist allein deine Schuld! Du und deine kleinen Spielchen! Jack, hörst du mich?” Es kam keine Antwort. MacGyver erhob sich hastig und zwängte sich nach vorne zur Pilotenkanzel. “Jack?”
Doch der Pilotensitz war leer! Der Schreck fuhr MacGyver durch alle Glieder. Seine Übelkeit verstärkte sich und er fing an zu keuchen. “Jack, wo bist Du?” schrie er mit panikerfüllter Stimme. “Wie kannst Du nur unseren einzigen Fallschirm nehmen und mich im Stich lassen?” Plötzlich wurde die Pilotenkanzel taghell von einem grellen Blitz erleuchtet, dem gleich darauf ein ohrenbetäubender Schlag folgte. Das Flugzeug wurde heftig erschüttert und stürzte dann steil nach unten. “Jaaaaaaaack!”
Als MacGyver mit einem Ruck erwachte und die Augen öffnete hallte ihm sein stummer Angstschrei noch in den Ohren. Er lag keuchend auf dem Rücken und immer wieder überrollten ihn Wellen von Übelkeit. Sein Körper wurde pausenlos hin- und hergeworfen und er fühlte sich völlig zerschlagen. Es dauerte eine Weile bis ihm klar wurde, daß sich das Dröhnen des Flugzeugs in Wahrheit nur in seinem Kopf abspielte.
MacGyver stöhnte und wollte sich an seine schmerzhaft pochende Stirn fassen. Doch irgend etwas hielt seine Arme fest und er vermochte sich nicht zu bewegen. Angestrengt versuchte er, mit den Augen das Halbdunkel zu durchdringen. Trotz seiner Benommenheit konnte er die Umrisse des neben ihm liegenden Spektrometers erkennen. Verwirrt grübelte er über seine momentane Situation nach, als er von einem besonders heftigen Stoß getroffen wurde. Die Desorientierung verschwand im selben Moment und MacGyver wurde bewußt, daß er sich auf der Ladefläche eines fahrenden Wagens befand. Seine Arme waren ihm mit Stricken fest hinter dem Rücken zusammengebunden worden und auch seine Füße waren gefesselt. Er versuchte, seine Hände zu befreien und zerrte an den Stricken. Vergeblich! Je kräftiger er zog, desto schmerzhafter schnitten sie ihm in die Handgelenke. Sterne begannen vor seinen Augen zu tanzen und er begann zu würgen.

“Mac?” flüsterte eine Stimme neben ihm. MacGyver wandte überrascht den Kopf. “Michelle, bist du das?” fragte er mit zusammengebissenen Zähnen.
“Ja! Gott sei Dank, daß du wieder zu dir gekommen bist. Ich befürchtete schon....” Sie beendete den Satz nicht.
“Was ist passiert?” MacGyver schluckte schwer und versuchte seiner Übelkeit Herr zu werden.
“Wir sind überfallen worden. Vermutlich von algerischen Revolutionären. Es sind mindestens drei, vielleicht aber auch mehr. Ich konnte sie in der Dunkelheit nicht genau erkennen.”
“Ist alles in Ordnung mit dir?” MacGyver klang besorgt.
“Ja, mir ist nichts passiert. Aber ich hatte schon Angst, daß dir etwas zugestoßen wäre. Du warst so lange bewußtlos!”
“Es geht mir gut. Wenn man einmal davon absieht, daß ich mich fühle als ob ich zuviel Sahnetorte gegessen hätte.” MacGyver zog eine Grimasse, die Michelle allerdings nicht sehen konnte. Er versuchte sich aufzusetzen, doch die straff über die Ladefläche gezogene Plastikplane machte diesen Versuch zunichte.
“Wie lange sind wir schon unterwegs?” wollte er wissen.
“Ich habe jedes Zeitgefühl verloren. Es kommt mir vor wie eine Ewigkeit.” Michelle seufzte. “Aber es scheint bereits hell zu werden, deshalb vermute ich, daß wir schon mindestens seit vier Stunden unterwegs sind.
“Weißt du, wohin unser kleiner Ausflug geht?”
“Ich habe nicht die geringste Ahnung. Ich hoffe bloß, daß wir bald da sind. Meine Arme sind völlig taub!”

Es wurde langsam heller unter der Plane. Heller und wärmer. Die Sonne war gerade erst aufgegangen, und trotz ihrer noch schwachen Strahlung stieg die Temperatur unter der blauen Plastikfolie schnell an. Die heiße, stickige Luft machte den beiden Gefangenen das Atmen schwer. Der Wagen holperte stärker und schüttelte sie immer heftiger hin und her.
MacGyvers Übelkeit legte sich langsam und er begann nach Gegenständen Ausschau zu halten, die sich zum Durchtrennen der Fesseln verwenden ließen.
Schließlich fiel sein Blick auf das Spannungsmeßgerät und das in der Nähe liegende Stativ des Spektrometers. ‘Das könnte funktionieren!’ dachte er hoffnungsvoll. Er rollte sich auf die Seite, so daß er neben das zusammengeklappte Stativ zu liegen kam und ergriff es mit seinen auf den Rücken gebundenen Händen. Dann zog er mühsam einen der metallenen Füße des Stativs heraus und versuchte, die Glasscheibe des Spannungsmeßgerätes damit zu zertrümmern. Immer wieder stieß er zu.....und immer wieder verfehlte er sein Ziel.
“Höher,” dirigierte Michelle, “weiter links. Jetzt wieder weiter nach unten.”
Das Holpern des Wagens machte das Zielen nicht gerade einfacher. Endlich!
MacGyver hörte das Glas hinter seinem Rücken splittern. Der Schweiß rann ihm von der Stirn und ihm war schwindelig. Erschöpft lehnte er sich zurück und schloß für einige Sekunden die Augen. Dann tastete er vorsichtig mit den Fingern nach einer geeigneten Glasscherbe.

MacGyver hatte die Stricke um Michelles Handgelenke beinahe durchtrennt, als der Wagen anhielt und die Plane zur Seite geschoben wurde. Vom grellen Sonnenlicht geblendet schlossen die beiden Gefangenen für einen Augenblick die Augen.
Zwei mit Tüchern vermummte Männer öffneten die Wagenklappe und zerrten Michelle und MacGyver grob von der Ladefläche herunter. Ein Dritter zog ein Messer und zerschnitt ihre Fesseln. Alle drei waren bis an die Zähne bewaffnet. MacGyver sah Maschinengewehre, Revolver und Pistolen. An den Gürteln hingen Handgranaten und Messer.
Bisher hatten sie noch kein Wort gesprochen.
“Was wollen sie von uns?” rief Michelle entrüstet und rieb sich ihre schmerzenden Handgelenke. “Wie können sie es wagen, uns zu überfallen und zu entführen!”
MacGyver gab ihr ein Zeichen, sich still zu verhalten. Er blickte sich um. Sie befanden sich immer noch in der Wüste. Direkt vor ihnen glitzerten goldgelbe Sanddünen im Sonnenschein. Hinter ihnen ragte eine schwarze, steile Felswand in den Himmel empor. Zwischen Sandwüste und Felswand erstreckte sich der schmale, steinige Fahrweg, den sie hergekommen waren. Auf ihm waren neben Michelles Jeep noch zwei weitere Wagen abgestellt.
MacGyver wandte sich an den Entführer, der ihnen die Stricke gelöst hatte und fragte: “Wer ist hier der Anführer? Sie sind das?”
Eine Stimme ertönte hinter seinem Rücken und er drehte sich überrascht um.
“Nein, das bin ich.” Ein vierter Entführer kam hinter einem der Wagen hervor. Im Gegensatz zu den anderen versteckte er sein Gesicht nicht hinter einem Tuch. Er blickte MacGyver grimmig an.
“Was soll das Ganze?” MacGyver trat auf ihn zu. “Wieso haben sie uns entführt? Diese Dame ist bei der UNO und wir sind mit dem Einverständnis der algerischen Regierung hier.”
“Ich weiß. Sie ist Madame Bonnet.” Er deutete mit dem Kopf auf Michelle und fuhr in perfektem Englisch fort: “Sie gehört zu den Leuten, die ihre Nase in Dinge stecken, die sie nichts angehen. Und sie sind Mr. MacGyver, ein Amerikaner.” Beim Wort ‘Amerikaner’ schnaubte er verächtlich.
“Es scheint mir, daß sie nicht allzu viel von unserer Arbeit halten.” MacGyver bemühte sich um Gelassenheit. “Aber das ist doch noch lange kein Grund, uns zu entführen! Was wollen sie überhaupt?”
“Wir wollen der Armut in Algerien ein Ende machen.”
“Nun, dann haben wir das gleiche Ziel!” stellte MacGyver trocken fest.
Der Anführer schaute MacGyver voll Verachtung an. “Sie sind ein Heuchler! Genau wie die verlogene algerische Regierung. Nach außen hin gibt sie sich den Anschein, als ob sie tatsächlich am Wohl der Bevölkerung interessiert wäre. In Wahrheit ist es ihr aber vollkommen egal, ob die Bevölkerung hungert. Hauptsache der Profit stimmt.”
“Sie wollen doch wohl nicht ernsthaft behaupten, daß die Hilfsprojekte der UNO wegen des Profits durchgeführt werden?” warf Michelle zornig ein.
“Madame Bonnet,” schnaubte der Anführer, “die Industrieländer haben nur eines im Sinn: nämlich wie sie unser Land ausbeuten können. Glauben sie wirklich, daß sie für eine Sache Geld investieren würden, die ihnen keinen Gewinn einbringt?”
Bevor Michelle antworten konnte, lenkte MacGyver ein: “Es mag stimmen, daß manche Entwicklungshilfeprojekte nicht nur aus humanitären Gründen ins Leben gerufen werden. Ich möchte das nicht abstreiten. Aber was hat das alles mit uns zu tun? Glauben sie, daß unsere Entführung an dieser Sache etwas ändert?”
“Sie werden uns dabei behilflich sein, endlich das wahre Gesicht der Regierung an die Öffentlichkeit zu bringen,” antwortete der Rebell kurzangebunden.
MacGyver sah ihn verständnislos an. “Können sie das etwas näher erläutern?” fragte er vorsichtig.
“Ganz einfach. Wenn sie verschwinden, wird dieses Projekt scheitern und die verlogene Propagandastrategie unserer Regierung wird fehlschlagen. Dann werden wir zur Stelle sein und die Macht übernehmen.” Die Stimme des Entführers war eiskalt.
MacGyver spürte, wie ihm einen Schauder den Rücken hinunterlief und sich seine Nackenhaare sträubten.
“Wenn wir nicht mehr da sind, wird unsere Arbeit von anderen weitergeführt werden,” widersprach er heftig. “Sie werden durch unsere Entführung überhaupt nichts erreichen.”
Der Anführer schüttelte den Kopf. “Das Verschwinden einer UNO-Mitarbeiterin und eines Amerikaners werden viel Staub aufwirbeln. Vor allem, wenn sich dann herausstellt, daß der Regierungschef selbst deren Entführung befohlen hat.” Er lachte zufrieden. “Sie werden nie gefunden werden und alle Welt wird mit den Fingern auf die Regierung zeigen. Keiner wird vermuten, daß wir etwas damit zu tun haben.”
“Und wie wollen sie erreichen, daß man die Regierung verdächtigt?” fragte MacGyver ungläubig.
“Oh, nichts einfacher als das. Wir haben an ihrem Lagerplatz ein kleines Souvenir zurückgelassen. Sobald man es entdeckt, wird jeder Bescheid wissen.”
Michelle machte erregt einen Schritt nach vorne. “Damit werden sie nicht durchkommen!” rief sie empört. “Was sie tun, ist irrsinnig und völlig sinnlos.”
Der Anführer lachte und sagte etwas auf arabisch. Zwei der Männer kamen auf die b
 

Harry

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Sengende Hitze
« Antwort #1 am: 16. November 2005, 18:20:22 »
Es dämmerte bereits, als MacGyver den langen und gefährlichen Abstieg endlich hinter sich gebracht hatte. Glücklicherweise war sein kleiner Ausflug ohne Verstauchung oder gar Knochenbrüche vonstatten gegangen. Erschöpft sank er neben Michelle nieder, die im Schatten eines Felsen saß und seine Ankunft mit großer Erleichterung aufnahm.
“Gott sei Dank bist du wieder da! Ich hatte schon Angst, du würdest nie mehr zurückkommen.”
“Es gab einige Augenblicke, da habe ich das auch gedacht,” antwortete MacGyver trocken. “Diese Klettertour möchte ich nicht noch einmal wiederholen!”
“Und?” Michelle schaute ihn gespannt an. “Wie sieht es auf der anderen Seite aus?”
“Leider nicht sehr gut. Nur Wüste! Ich glaube nicht, daß wir sie durchqueren können. Wir würden vorher verdursten. Ich fürchte, wir müssen hier bleiben und auf Rettung warten.”
Michelles Schultern sackten herab, sie lehnte sich an den Felsen und schloß die Augen.
“Ohne Wasser werden wir höchstens vier oder fünf Tage aushalten,” meinte sie leise. “Warum versuchen wir es nicht einfach? Ich möchte nicht einfach hier sitzen bleiben und auf den Tod warten.”
MacGyver schüttelte den Kopf. “Wenn wir uns vom Wagen entfernen, werden sie uns nie finden. Unsere Chancen sind viel größer, wenn wir hierbleiben. Hier haben wir wenigstens Schatten.”
“Oh Mac. Glaubst du wirklich, sie entdecken uns hier?” Sie seufzte.
“Aber natürlich!” MacGyver versuchte optimistisch zu klingen. Aufmunternd legte er seinen Arm um Michelles Schultern. “Du wirst sehen. Morgen werden sie uns schon suchen. Es wird bestimmt nicht lange dauern bis sie uns finden.”
Wie gern hätte Michelle MacGyvers Worten Glauben geschenkt. Aber sie kannte die Wüste! Die Suche nach zwei vermißten Personen in dieser Einöde kam der Suche nach einer Nadel im Heuhaufen gleich.

So heiß der Tag gewesen war, so kalt wurde die Nacht. Michelle und MacGyver sammelten im Dunkeln mühsam trockenes Gestrüpp und schichteten es zu einem kleinen Haufen auf. Dann befestigte MacGyver die Abdeckplane an der Ladeklappe des Jeeps und benutzte die metallenen Füße des Spektrometer-Stativs um ein provisorisches Zelt zu errichten. So waren sie wenigstens ein bißchen vor der Kälte geschützt.
“Hast du zufällig ein Feuerzeug?” fragte MacGyver, der vergeblich seine Hosentaschen durchsucht hatte.
Michelle schüttelte verneinend den Kopf. “Du weißt doch - ich rauche nicht.”
MacGyver dachte kurz nach. Dann öffnete er die Kühlerhaube des Wagens und baute die Autobatterie aus. Michelle schaute gespannt zu, wie er aus der Fülle der elektrischen Kabel zwei Stück herauszog und diese an die Batterie anschloß. Er erzeugte einen Funkenschlag indem er die beiden Kabelenden zusammenbrachte und setzte damit das trockene Gestrüpp in Brand.
MacGyver und Michelle setzten sich dicht an das Feuer und wärmten sich auf. Leider brannte das Gestrüpp nicht lange und bald war nur noch ein kleines Häufchen Asche übrig. Sie rückten näher zusammen und versuchten sich gegenseitig mit ihren Körpern zu wärmen.
“Wenn die Umstände ein wenig anders wären, würde ich es richtig genießen.” sagte MacGyver und befeuchtete seine trockenen Lippen mit der Zunge.
“Was genießen?”
“Camping unter freiem Himmel! Nur die Sterne über mir! Dazu eine wunderschöne, begehrenswerte Frau im Arm....” Er blinzelte Michelle zu und beugte sich vor, um sie zu küssen. Doch Michelle wich schnell zurück und er hielt abrupt in seiner Bewegung inne.
“Es tut mir leid!” meinte er zerknirscht. “Ich bin manchmal ein solcher Esel!” Dann fügte er hinzu: “Was gestern passiert ist, war allein meine Schuld. Kannst Du mir nochmals verzeihen?”
“Deine Schuld?” Michelle blickte ihn überrascht an.
MacGyver machte eine verlegenes Gesicht. “Naja, ich habe dich bedrängt. Ich habe dich dazu gebracht, etwas zu tun, das du gar nicht wolltest.”
Michelle gab keine Antwort und starrte in die Dunkelheit. Nach einer Weile sagte sie mit fester, entschlossener Stimme: “Mac, ich glaube ich schulde dir eine Erklärung.”
“Das brauchst du nicht. Ich verstehe dich schon. Es ist...”
“Mac,” unterbrach sie ihn, “laß mich bitte ausreden!” MacGyver verstummte.
“Ich habe dir doch erzählt, daß ich verheiratet war. Und daß Bernard jetzt in Paris bei der UNO arbeitet.”
“Ja.” MacGyver nickte.
“Ich habe dir auch gesagt, daß Bernard und ich geschieden sind.”
“Richtig.”
Michelle schluckte schwer und holte dann tief Luft. “Das war gelogen!”
MacGyver glaubte, sich verhört zu haben. “Gelogen? Was meinst du damit?”
“Wir sind noch verheiratet.” erklärte Michelle leise und schlug die Augen nieder.
MacGyver starrte Michelle fassungslos an. “Ihr seid NICHT geschieden?” rief er mit lauter Stimme und sprang entsetzt auf.
“Mac, bitte versteh’ doch! Wir sind schon seit zwei Jahren nicht mehr zusammen!”
“Warum hast du mir das nicht gleich gesagt?” MacGyver war außer sich. “Wie kannst du mich bei einer solchen wichtigen Sache anlügen?”
“Ich wollte dich nicht anlügen!” verteidigte sich Michelle und stand ebenfalls auf. “Eigentlich ist unsere Scheidung nur noch eine Formalität. Ich fühle mich schon lange nicht mehr als verheiratete Frau.”
“Und was war dann gestern abend? Wenn du dich wirklich nicht mehr als verheiratete Frau fühlst, warum bist du dann weggerannt? Hattest du plötzlich doch Gewissensbisse?” MacGyver lief aufgebracht hin und her. Michelle antwortete nicht.
“Oh, ich weiß schon. Du dachtest, so ein kleines Abenteuer könnte ganz nett sein und MacGyver wäre dafür genau der Richtige. Und MacGyver, dieser Esel, fällt auch noch auf dich herein! Es mag ja durchaus sein, daß du es tatsächlich bereut hast - aber erst hinterher!”
Michelle machte ein Gesicht, als ob er sie geschlagen hätte. Sie griff nach seinem Arm.
“Mac, hör mir bitte zu!”
MacGyver wandte verletzt seinen Kopf ab.
“Mac, es ist nicht so, wie du denkst! Ich wollte dich bestimmt nicht kränken!”
MacGyver reagierte nicht.
“Mac. Ich liebe dich!” Tränen liefen ihre Wangen hinab.
Als er Michelle hinter sich weinen hörte, war MacGyvers Zorn plötzlich wie weggeblasen. Er drehte sich um und nahm sie in seine Arme. “Es tut mir leid!” flüsterte er. “Vergiß was ich gesagt habe. Ich bin ein solcher Idiot.” Er drückte sie fest an sich und streichelte sie tröstend.
Michelles Weinen verstummte. “Glaub mir, ich war bestimmt nicht auf ein Abenteuer aus,” versicherte sie ihm.
“Ich weiß,” antwortete MacGyver. Er strich ihr zärtlich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und küßte sie dann sanft auf die Stirn. “Das habe ich auch nie wirklich von dir gedacht.”
Er zögerte einen Augenblick und fuhr dann fort: “Michelle?”
“Ja?”
“Ich liebe dich auch!”
Michelle lächelte glücklich und schmiegte sich fest an seine Brust.
Plötzlich lachte sie leise. MacGyver schaute sie überrascht an. “Was ist los?”
“‘Esel’? ‘Idiot’?” Sie kicherte. “Sind das die einzigen Bezeichnungen, die dir für dich einfallen?”

Während MacGyver und Michelle zusammengekauert unter der Plane saßen und sich gegenseitig wärmten, liefen in Algier die Telefondrähte heiß. MacGyvers Vermutung war richtig gewesen: man hatte ihr Verschwinden noch am selben Abend bemerkt.
Als es nämlich Tarek am Nachmittag nicht gelungen war, mit Michelle in Funkkontakt zu treten, setzte er sich kurzerhand in den Wagen und fuhr zur Vermessungsstelle. Dort fand er zunächst nur die Spuren eines abgebrannten Lagerfeuers und die noch deutlich zu erkennenden Abdrücke der beiden Zelte vor.
Tarek untersuchte die Gegend genauer und sein Blick fiel auf ein Stück Metall, das in der Sonne glänzte. Es war eine Identifizierungsmarke, wie sie die algerischen Regierungssoldaten um den Hals trugen. Neben dem Anhänger lag die abgerissene Kette. Der Boden um die Fundstelle war zerwühlt, als ob hier vor kurzem ein Kampf stattgefunden hätte.
Was machten algerische Soldaten in dieser Gegend? Und wo waren Michelle und MacGyver? Eine böse Vorahnung beschlich Tarek und per Funk meldete er seinen Fund der UNO-Leitstelle in Algier.

MacGyver war steif vor Kälte. Ächzend richtete er sich auf und reckte sich. Die durchwachte, in unbequemer Haltung verbrachte Nacht und seine gestrige Kletterpartie hatten deutlich ihre Spuren hinterlassen - er war müde und spürte jeden seiner Knochen einzeln. Sein Mund war ausgetrocknet und sein knurrender Magen erinnerte ihn daran, daß er seit vorgestern nichts mehr gegessen hatte.
MacGyver seufzte. Die Morgendämmerung war gerade hereingebrochen und es war Zeit, sich an die Arbeit zu machen, bevor es zu heiß dazu würde.
Vorsichtig weckte er Michelle. Wenigstens hatte sie etwas schlafen können. Michelle öffnete die Augen und lächelte, als sie MacGyver neben sich knien sah. Zärtlich strich sie ihm über die Wange. Als sie jedoch ihre Umgebung wahrnahm, endete ihr Lächeln abrupt. Sie war zunächst der Meinung gewesen, daß ihr gestriges Erlebnis nur ein Alptraum gewesen sei. Nun sah sie sich der grausamen Realität gegenüber: sie saßen hier in der Wüste fest und würden wahrscheinlich binnen einiger Tage verdurstet sein.
“Michelle, wir müssen anfangen!” sagte MacGyver sanft.
“Womit anfangen?”
“Wir müssen irgendwie versuchen, den Suchtrupp auf uns aufmerksam zu machen.”
“Und wie hast du dir das vorgestellt?”
MacGyvers Blick wanderte die Felswand entlang bis hinauf zum Grat. Er machte ein unglückliches Gesicht und meinte: “Ich fürchte, ich muß nochmals dort hinauf.”
“Oh Mac, das kann doch nicht dein Ernst sein!” rief Michelle erschrocken.
“Leider doch. Hätte ich nur bereits gestern daran gedacht!” schalt er sich ärgerlich.
“Woran?”
“Auf dem Gipfel ein Signal zu hinterlassen. Wenn Suchflugzeuge hier auftauchen, werden sie das Signal sehen und uns hier finden.”
MacGyver zog sein Taschenmesser aus der Hosentasche, entfaltete die blaue Plastikplane und schnitt sie in gleich große quadratische Stücke. “Heute nacht müssen wir leider ohne Zelt auskommen,” kommentierte er sein Tun. Er entfernte die Außenspiegel des Wagens und wickelte sie zusammen mit dem Stativ des Spektrometers in ein Stück der Folie ein. Dann löste er das dünne, metallene Abschleppseil von der Zugwinde, schnürte alles fest zu einem Paket zusammen und warf sich dieses über die Schulter.
“Und was soll ich in der Zwischenzeit machen?” fragte Michelle. “Ich kann doch nicht nur hier herumsitzen und auf dich warten.”
MacGyver überlegte.
“Am besten sammelst du Steine und legst sie dort oben auf der höchsten Düne zu einen großen Pfeil zusammen. Der Pfeil muß groß genug sein, damit man ihn vom Flugzeug aus sehen kann. Du kannst die Steine auf eine Plane legen und nach oben ziehen.” Michelle nickte.
“Außerdem wäre es gut, wenn du noch etwas Gestrüpp sammeln würdest.”
Er wandte sich zum Gehen. “Ich werde versuchen vor Mittag wieder zurück zu sein.”
“Mac!”
“Ja?” Er wandte sich nochmals um.
“Sei bitte vorsichtig!”
“Bin ich doch immer!” Er lächelte ihr aufmunternd zu und begann den Aufstieg.

“Wieviel Suchflugzeuge sind im Einsatz?” Pete umklammerte krampfhaft den Telefonhörer und schnappte dann nach Luft. “Was?” rief er entgeistert. “Nur zwei?”
Er lauschte den Worten auf der anderen Seite der Leitung und sagte dann ärgerlich. “Es ist mir egal, was die algerische Regierung dazu sagt. Das hier ist ein Notfall! Sorgen sie gefälligst dafür, daß alle verfügbaren Flugzeuge eingesetzt werden oder es wird ein unangenehmes Nachspiel geben.” Aufgebracht stauchte er den Hörer auf die Gabel.
MacGyver und Michelle vermißt! In der Wüste! Und die algerische Regierung war nicht bereit, mehr als zwei schäbige Flugzeuge für die Suche einzusetzen!
Wütend trommelte er mit der Faust auf den Schreibtisch und dachte nach. Es wäre am besten, wenn er sich selbst um die Sache kümmerte. Er konnte nicht einfach hier sitzen bleiben und darauf warten, bis andere endlich einen Finger rührten.
Er tastete nach dem Interkom-Knopf.
“Margret, buchen sie mir sofort einen Flug nach Algier!”
“Algier?” kam die Stimme seiner überraschten Sekretärin aus dem Lautsprecher.
“Ja, Algier!” wiederholte Pete ungeduldig. “Den erstbesten Flug!”
“Sehr wohl, Mr. Thornton. Soll ich einen oder zwei Plätze buchen?”
Pete zögerte. Er war schon lange nicht mehr allein auf Reisen gegangen. Seit er den größten Teil seines Augenlichts verloren hatte, war er auf Hilfe angewiesen. Doch Simmons, der ihn gewöhnlich begleitete, lag gerade mit einem Gips im Krankenhaus. Er mußte also jemand anderen finden.
“Zwei Plätze, Margret. Ich werde ihnen den Namen meiner Begleitung später nennen.”
“Ich werde mich sofort darum kümmern, Mr. Thornton.”
Pete lehnte sich zurück und dachte nach. Es war bitter, daß er nur wegen seiner eigenen Hilflosigkeit ständig andere von deren Arbeit wegreißen mußte. Wen könnte er diesmal mitnehmen? Am besten jemanden, der nicht nur für ihn allein abgestellt war. Jemand, der sich auch aktiv an der Suche beteiligen konnte. Jemand, der fliegen konnte.
- Jemand wie Jack!
Pete biß sich auf die Lippen. Jack Dalton war der letzte, den er sich als sein Begleiter wünschte. Er war nicht gerade zuverlässig, und seine halsbrecherischen Eskapaden endeten ständig in einer Katastrophe. Diese Katastrophen trafen aber Jack nie allein! Oh nein! Jack besaß nämlich die besondere Gabe, seine Kameraden jedesmal tief in sein Schlammassel mithineinzuziehen. Doch Jack war auch ein treuer Freund von MacGyver! Und wenn es darum ging, MacGyver aus der Patsche zu helfen, mußte man ihn nicht erst zweimal bitten.
Pete hörte auf zu grübeln. Beinahe widerwillig griff er zum Telefonhörer.

Den Blick starr nach oben gerichtet, kletterte MacGyver langsam aber stetig die Felswand nach oben. Zwar waren ihm die gefährlichen Stellen nun bereits vertraut, aber infolge seiner zunehmenden Erschöpfung kam ihm der Aufstieg noch weitaus anstrengender vor als am Tag zuvor. Auf dem Grat angekommen, ließ er sich keuchend auf den Boden fallen und schloß die Augen. Der Durst quälte ihn und sein Kopf dröhnte. Widerwillig raffte er sich auf. Er stellte das Stativ in das Zentrum einer freien, von weitem sichtbaren Stelle und verankerte es mit Hilfe des Seils im felsigen Untergrund. Mit den Werkzeugen seines Taschenmessers bohrte er Löcher in die Plane und steckte sie auf das Stativ. Sofort begann der blaue Plastikfetzen im warmen Wüstenwind leicht hin- und herzuflattern. Mit Hilfe von Mullbinden, die er im Erste-Hilfe-Kasten gefunden hatte, befestigte er die beiden Spiegel am Stativ und richtete sie in unterschiedliche Richtung aus. Mit etwas Glück würden sie das Sonnenlicht reflektieren und dadurch die Aufmerksamkeit des Suchtrupps erregen. MacGyver überprüfte nochmals die Verankerung des Seils und machte sich dann auf den Rückweg.
Michelle hatte in der Zwischenzeit mit schwarzen Granitbrocken einen fünf Meter langen und drei Meter breiten Pfeil ausgelegt, der auf den im Sand steckenden Jeep zeigte. Sie schwitzte und ihre Muskeln zitterten von der ungewohnten Anstrengung des Steineschleppens. Müde setzte sie sich in den Schatten eines Felsen. Nach einer Weile fiel ihr das Gestrüpp ein, das sie sammeln sollte. Mühsam erhob sie sich und machte sich wieder an die Arbeit.

Als MacGyver gegen Mittag am Jeep anlangte, hatte Michelle bereits einen riesigen Berg aus Ästen zusammengetragen. Ihre Ausdauer überraschte ihn immer wieder aufs neue.
“Alle Achtung,” meinte er anerkennend. “Du hast eine ganze Menge geschafft!”
Michelle nickte nur schwach. Sie fühlte sich, als ob sie in einem Alptraum gefangen wäre. Während der letzten Stunde war sie beinahe wie in Trance hin- und hergegangen und hatte ununterbrochen Zweige herangeschleppt. Sie hatte nicht einmal wahrgenommen, daß sie ihre Hände zerkratzte und daß diese daraufhin zu bluten anfingen. Ihr Kopf fühlte sich an wie aus Watte.
“Vielleicht solltest du dich jetzt ein wenig ausruhen,” schlug MacGyver vor und schaute sie besorgt an. “Ich werde hier weitermachen.”
Michelle schüttelte widerspenstig den Kopf und setzte ihre Arbeit fort. MacGyver wollte sie zuerst daran hindern, ließ sie aber dann doch gewähren. Er brauchte ihre Mitarbeit dringend.
Während der nächsten zwei Stunden grub er im weichen Wüstensand fünf nebeneinanderliegende, quadratische Löcher - jeweils zwei Meter breit und ein Meter tief. Radkappen dienten ihm als Grabwerkzeug. Schließlich füllte er die Gruben bis zum Rand mit Gestrüpp und stellte in das Zentrum jeweils einen der Plastikbecher, die er im Handschuhfach des Wagens gefunden hatte. Dann deckte er die Gruben mit den noch übriggebliebenen Teilen der Plastikplane zu und dichtete die Ränder mit Steinen und Sand ab.
Michelle hatte mit ihrer Arbeit schon vor einer geraumen Weile aufgehört und schaute MacGyver zu, wie er in die Mitte der straff gespannten Plane, direkt über dem Auffangbehälter, einen einzelnen Stein plazierte.
“Der Stein soll ein Gefälle erzeugen,” erklärte MacGyver, als er ihren verständnislosen Blick sah. “Die Sonne scheint auf die Plane und erhitzt die Grube. Das in den Büschen enthaltene Wasser verdunstet und kondensiert wieder an der Unterseite der Folie. Dann läuft es das Gefälle entlang bis zur Mitte und tropft direkt in den Auffangbehälter.”
“Du meinst, wir können aus diesem trockenen Gestrüpp tatsächlich Wasser gewinnen?” fragte Michelle ungläubig.
MacGyver zuckte mit den Schultern. “Ich hoffe es. Wahrscheinlich nicht sehr viel, aber jeder Tropfen Wasser ist besser als keiner.”
Er faßte Michelle am Arm. “Jetzt bleibt uns nichts anderes übrig als es uns gemütlich zu machen und auf Hilfe zu warten.”

Der Pilot der kleinen einmotorigen Maschine flog nun schon die dritte Runde über den nördlichen Ausläufern des Tassili-Gebirges, wo sich MacGyver und Michelle zuletzt aufgehalten hatten. Der Tank seines Flugzeugs war fast leer und er hatte immer noch keine Spur der beiden Vermißten entdeckt. Doch diese Tatsache verwunderte ihn nicht besonders. Die Chancen, in den Gebirgstälern zwei Personen aus der Luft zu entdecken, waren minimal. Und wer garantierte, daß sich die beiden überhaupt noch in dieser Gegend befanden? Offiziell wurde zwar behauptet, daß sich die beiden Ausländer verirrt hätten. Aber er hatte auch munkeln hören, daß sie von Regierungssoldaten entführt und ermordet worden seien. Falls das zutraf, war die ganze Suche von vornherein sowieso hoffnungslos. Wahrscheinlich hatte man sie irgendwo verscharrt und kein Mensch würde je erfahren, was aus ihnen geworden war.
Die Nadel der Tankuhr näherte sich bedrohlich dem roten Bereich. Noch eine letzte Schleife, dann drehte der Pilot ab und flog nach Ohanet zurück. Auf dem Rückflug kamen ihm zwei andere Flugzeuge entgegen, die gerade dabei waren, ihre Suche in den ihnen zugewiesenen Sektoren aufzunehmen. Zunächst waren nur zwei Maschinen eingeteilt worden, doch ohne daß der Pilot den Grund dafür erfahren hatte, beteiligten sich plötzlich noch vier weitere Flugzeuge an der Suchaktion. Der Suchradius wurde daraufhin von 50 auf 100 Kilometer ausgedehnt. Der Pilot schüttelte den Kopf. Er bezweifelte, daß die Vermißten jemals gefunden wurden, selbst wenn zehn mal soviel Flugzeuge die Gegend absuchten.

Den ganzen Nachmittag über saßen sie dösend im Schatten und versuchten ihren Hunger und vor allem ihren Durst zu ignorieren.
Ihre Münder waren wie ausgedorrt. Die Zunge fühlte sich an wie ein Stück Holz und der Hals schmerzte. Sie versuchten sich abzulenken und zwangen sich, an angenehme Dinge zu denken. Doch so sehr sie sich auch anstrengten, am Ende kreisten ihre Gedanken doch immer wieder um das eine Thema, das sie so hartnäckig zu ignorieren versuchten.
“Glaubst du wirklich, das wir es schaffen werden?” unterbrach Michelle das Schweigen.
“Natürlich!” Die Antwort kam schnell. Etwas ZU schnell! Michelle glaubte ihm nicht. Sie meinte nachdenklich:
“Weißt du Mac, ich hätte mir nie träumen lassen, daß ich einmal so enden würde. Ich meine - ein Autounfall oder ein Flugzeugabsturz, vielleicht...- oder vielleicht sogar ein Bombenanschlag!” Sie schwieg eine Weile und fuhr dann leise fort. “Mein Mann wurde damals in Ghana bei diesem Attentat, von dem ich dir erzählt habe, beinahe getötet. Er verlor dabei ein Bein. Als er dann aus dem Krankenhaus kam, war er völlig verändert. Er ließ niemanden mehr an sich heran, auch mich nicht. Er war reizbar und wir stritten bei jeder Gelegenheit.” Michelle verstummte.
“Und dann habt ihr euch getrennt?” fragte MacGyver sanft.
“Als er einen Büroposten bei der UNO annahm, dachte ich zunächst, es würde wieder mit ihm bergauf gehen. Aber eines Abends kam er nach Hause und hatte getrunken. Das tat er sonst nie! Aber an jenem Abend..... Jedenfalls haben wir uns heftig gestritten und er hat mich geschlagen. Nicht daß du glaubst, Bernard sein ein brutaler Mensch! Er hatte mich noch nie vorher geschlagen!” verteidigte Michelle ihren Mann. “Aber dieser Vorfall war der Tropfen, der das Faß zum Überlaufen brachte. Ich konnte es einfach nicht mehr länger ertragen. Eine Woche später haben wir uns getrennt und kurz darauf habe ich ein neues Projekt in Ghana übernommen.”
“Und seitdem hast du deinen Mann nicht mehr gesehen?”
“Nur einmal in Genf. Bei einem Kongreß. Wir standen uns wie zwei Fremde gegenüber. Wir wechselten ein paar höfliche Floskeln und gingen dann wieder unserer Wege. Die Begegnung war nur kurz, aber sie hat mir endgültig gezeigt, daß es zwischen uns aus ist.”
Sie schwiegen.
MacGyver kämpfte mit seinen Gefühlen. Er liebte Michelle, und gestern noch hatte sie ihm erklärt, daß auch sie ihn liebe und daß sie nichts mehr für ihren Mann empfinde. Und er hatte ihr geglaubt! Doch jetzt konnte er sich des Eindrucks nicht erwehren, daß Michelle sich selbst gegenüber nicht völlig ehrlich war. Ihr liebevoller Ton, mit dem sie von ihrem Mann sprach, ihn sogar verteidigte, und der Schmerz in ihrer Stimme als sie von der Trennung erzählte.... all das verstärkte in ihm die Gewißheit daß sie ihrem Mann immer noch tiefe Gefühle entgegenbrachte.
Heftige Gewissensbisse plagten ihn. Er wußte jetzt, daß er sich wegen seines intimen Zusammenseins mit ihr keine Vorwürfe zu machen brauchte. Sie hatte es auch gewollt, und er hatte nicht wissen können, daß sie verheiratet war. Und trotzdem hatte er ein schlechtes Gewissen! Nicht nur weil sie eine verheiratete Frau war, sondern vor allem weil sie ihren Mann immer noch liebte. Ob sie es nun wußte oder nicht.
Und er hatte sich zwischen sie gedrängt!

Wie Pete es richtig vorausgesehen hatte brauchte er Jack nicht zweimal fragen. Nachdem er ihn über die Sachlage informiert hatte, rief Jack beinahe freudig in den Telefonhörer: “Mac braucht wirklich meine Hilfe? Meine, Jack Daltons, Hilfe?”
Pete trommelte mit seinen Fingern ungeduldig auf den Schreibtisch und machte ein unglückliches Gesicht “Ja, Jack,” antwortete er mit erzwungener Ruhe. “Vielleicht wird noch jemand gebraucht, der ein Flugzeug fliegen kann.”
“In Ordnung, Pete,” rief Jack erregt. “Ich bin schon unterwegs.”
Petes Unruhe nahm rapide zu. Ausgerechnet diesen Pechvogel wollte er mitnehmen. Vielleicht war es doch ein Fehler gewesen, Jack um Hilfe zu bitten. Er bereute schon jetzt seinen Anruf.
“Jack, wenn du vielleicht im Moment nicht kannst.... Ich bin sicher, daß ich auch jemand anderen finden werde.” Er versuchte überzeugend zu klingen. Vielleicht konnte er das Unheil doch noch abwenden.
“Was? Ich soll hierbleiben und herumsitzen, während mein Kumpel mich braucht?” erwiderte Jack fast beleidigt. “Wozu hat man Freunde! Wann geht’s los?” Petes Schultern sackten herab. Die Entscheidung war gefallen.

24 Stunden landeten sie auf dem Flugfeld des kleinen Flughafens von Ohanet, wo die Suche nach den beiden Vermißten koordiniert wurde. Infolge der Zeitverschiebung war es bereits später Nachmittag.
“Himmel, diese Hitze ist ja nicht auszuhalten!” stöhnte Jack nun schon zum dritten Mal und öffnete einen weiteren Knopf seines verschwitzten Hemds. Er ergriff Petes Arm und half ihm beim Aussteigen aus dem Flugzeug. Gemeinsam machten sie sich auf den Weg zum Flughafengebäude.
Im Kontrollraum herrschte geschäftiges Treiben. Der Raum war winzig, und mit den sich darin aufhaltenden fünf Menschen schien er bereits mehr als überfüllt zu sein. Zwei Fluglotsen beobachteten konzentriert die vor ihnen stehenden Monitore und sprachen hin und wieder Anweisungen in ihre Mikrofone. Eine Frau Mitte fünfzig im blauen Kostüm stand vor einer großen Wandkarte, auf der ein quadratisches Raster aufgezeichnet war. Fast alle Quadrate im Umkreis von 30 Zentimetern um eine rot markierte Stelle herum waren mit kleinen Fähnchen bestückt. Die außerhalb dieses Radius liegenden Felder waren dagegen noch leer. An einem überdimensionierten Tisch im Zentrum des Raumes saßen zwei weitere Personen und sahen zu, wie die Frau ein zuvor noch leeres Feld auf der Karte mit einem Fähnchen versah.
Der Algerier, der Jack und Pete zum Kontrollraum geleitet hatte, trat auf die beiden am Tisch sitzenden Männer zu und meldete: “Excusez moi, Monsieurs! Les Monsieurs Thornton et Dalton sont arrivés!”
“Willkommen, meine Herren!” Der ältere der beiden Männer erhob sich und schüttelte ihnen die Hände. “Ich bin Kerim Rieux, Beauftragter der algerischen Regierung. Darf ich vorstellen?”
Er zeigte auf den schlanken, dunkelhaarigen Mann neben ihm.
“Bernard Bonnet. Er ist Mitarbeiter der UNO und leitet die Suchaktion. Darüber hinaus ist er der Mann von Madame Bonnet.” Bernard machte keine Anstalten aufzustehen. Er blickte die Neuankömmlinge finster an und nickte ihnen zur Begrüßung kurz zu.
“Und das ist Madame Dubois, die rechte Hand von Monsieur Bonnet.” Die Frau im blauen Kostüm war inzwischen an den Tisch herangetreten.
“Sehr erfreut!” antwortete Pete. “Ich bin Peter Thornton und das ist Jack Dalton.”
Nachdem der Formalitäten Genüge getan waren, forderte Kerim die beiden Amerikaner mit einer einladenden Handbewegung auf, Platz zu nehmen.
“Wir haben sie bereits erwartet,” sagte er freundlich. “Leider haben wir noch keine Spur der beiden Vermißten entdecken können,” fügte er schnell hinzu und kam damit ihrer Frage zuvor.
Bernard hatte noch kein Wort gesprochen. Er beobachtet schweigend, wie Jack für Pete den Stuhl zurechtrückte und ihm beim Hinsetzen behilflich war. Er runzelte die Stirn. “Ich möchte nicht unhöflich erscheinen, Mr. Thornton. Aber was erhoffen sie sich von ihrem Hiersein?” wollte er wissen “Sie können überzeugt sein: wir tun bereits alles, was getan werden kann.”
Pete entging die Schärfe in Bernards Stimme nicht. “Mr. Bonnet, ich zweifle keine Sekunde daran, daß die sie alles vollkommen im Griff haben!” antwortete er beschwichtigend.
“Bitten sehen sie uns einfach als besorgte Freunde von Mr. MacGyver an, die sich an der Suche beteiligen möchten. Wir beabsichtigen auf keinen Fall, in ihre Kompetenzen einzugreifen!”
Bernards finstere Mine hellte sich bei diesen Worten langsam auf.
Noch am Tag zuvor hatte er sich über Mr. Thorntons Hilfe gefreut. Seinem Einfluß war es zu verdanken gewesen, daß die algerische Regierung vier weitere Suchflugzeuge zur Verfügung gestellt hatte. Doch Bernards Dankbarkeit war schnell in Ärger umgeschlagen, als er erfahren hatte, daß der einflußreiche Amerikaner auf dem Weg hierher sei. So leicht war er nicht bereit, sich die Sache aus den Händen nehmen zu lassen! Vor allem deshalb nicht, weil es hier um seine Frau ging!
Doch nun sah es ganz so aus, als ob seine Befürchtungen unbegründet gewesen seien.
“Und wie haben sie sich ihre Beteiligung an der Suche vorgestellt?” fragte er vorsichtig.
“Ich besitze einflußreiche Freunde, die ihnen möglicherweise weiterhelfen können.” antwortete Pete. “Außerdem ist mein Begleiter, Mr. Dalton, ein erfahrener Pilot. Er könnte sie bei der Suche unterstützen.” Er verstummte erwartungsvoll.
Bernard räusperte sich. “Die uns zur Verfügung stehenden Maschinen sind pausenlos im Einsatz. Ich befürchte leider, es ist keine Maschine mehr frei.”
Jack stand auf und trat an die Wandkarte. “Ich nehme an, daß Mac und ihre Frau an dieser Stelle verschwunden sind?” Er zeigte auf die rote Markierung im Zentrum der Karte und sah Bernard fragend an.
“Richtig.” Bernard nickte. “Der letzte Funkkontakt war vor drei Tagen. Wir haben die Gegend im Umkreis von 100 km schon zweimal mit Flugzeugen abgesucht. Und natürlich durchkämmen wir die Gegend auch vom Boden aus.”
Jack zeigte auf die weiter außen liegenden Felder, in denen noch keine Fähnchen steckten. “Und was ist mit diesen Gebieten?”
Bernard zuckte mit den Schultern und seufzte. “Es würde Wochen dauern, alle Gebiete auf dieser Karte gründlich abzusuchen.” Bekümmert fügte er hinzu: “Ich möchte ihnen nichts vormachen. Auch wenn sie sich noch innerhalb des 100 Kilometer-Radius befinden sollten ist es beinahe aussichtslos, sie aus der Luft auszumachen. Diese Gegend ist gebirgig und zerklüftet.”
“Mac fällt bestimmt etwas ein, um die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen,” widersprach Pete zuversichtlich. Er erinnerte sich noch lebhaft an sein Abenteuer in Rumänien, als MacGyver mit Hilfe eines Auspuffrohrs und eines benzingetränkten Lappens eine Signalrakete gebaut und damit auf sich aufmerksam gemacht hatte.
“Falls sie überhaupt noch leben,” entfuhr es Bernard unbeabsichtigt.
“Was wollen sie damit sagen?” fragte Pete erschrocken.
“Es gibt Gerüchte, daß sie möglicherweise nicht freiwillig verschwunden sind.” Bernard machte ein grimmige Gesicht. “Es heißt, man hätte die Erkennungsmarke eines Regierungssoldaten bei ihrem Lager gefunden.”
“Das ist eine reine Erfindung,” regte sich Kerim auf. “Das ist eine typische Taktik der Rebellen. Sobald jemand verschwindet, schieben sie es uns in die Schuhe. Ich versichere ihnen, meine Regierung hat mit dieser Sache absolut nichts zu tun.”
Bernard sah ihn zweifelnd an, enthielt sich aber einer Antwort.
Pete schluckte schwer und sagte nach einer Weile: “Wenn wir einmal davon ausgehen, daß sie sich einfach nur verirrt haben......Wie lange können sie es dann ohne Wasser aushalten?”
“Wenn sie Schatten haben.....vier oder fünf Tage,” überlegte Bernard.
“Und wenn nicht?” fragte Jack alarmiert.
“Höchstens drei.”
“Das bedeutet ja, daß sie morgen schon tot sein könnten!” rief Jack und begann aufgeregt hin- und herzulaufen. “Haben sie wirklich kein Flugzeug mehr? Ich kann doch nicht einfach hier herumsitzen!”
“Ich sagte ihnen doch schon: alle flugtauglichen Maschinen sind bereits unterwegs!” antwortete Bernard beinahe aggressiv. Seine eigene Hilflosigkeit frustrierte ihn.
Jack dachte nach. “Sie sagten flugtauglich!?” sagte er plötzlich. “Habe sie denn noch andere Maschinen hier?”
“Zur Zeit nur eine. Die Maschine von Ben Ahmed steht bereits seit einer Woche im Hangar. Er hat sie vorübergehend hier zurückgelassen. Anscheinend ist mit dem Motor etwas nicht in Ordnung. Er hatte das letzte Mal einige Aussetzer.”
“Perfekt!” Jack rieb sich erfreut die Hände.
“Sie wollen doch nicht etwa DAMIT fliegen? Das ist viel zu gefährlich!”
“Das ist mein eigenes Risiko,” widersprach Jack störrisch.
“Nein, nicht nur ihres,” entgegnete Bernard. “Wenn sie abstürzen, müssen wir sie auch noch suchen.”
“Wollen sie wirklich auf diese Chance verzichten, ihre Frau wiederzufinden?” Jack schaute Bernard ungläubig an.
“Hören sie ruhig auf Mr. Dalton.” Nun mischte sich auch Pete in die Unterhaltung ein, “Jack hat große Erfahrung mit schrottreifen Maschinen.” Jack schaute Pete gekränkt an und hätte ihm gern mit einem vernichtenden Kommentar geantwortet. Doch in Anbetracht der prekären Lage nickte er nur zustimmend.
Bernard gab nach. “In Ordnung. Wenn Ben Ahmed einverstanden ist, können sie das Flugzeug haben. Am besten lassen sie sich die Maschine gleich zeigen.”
Er erhob sich und griff nach den Krücken, die an seinem Stuhl gelehnt hatten. Mit ihrer Hilfe schritt er auf seinem einzigen Bein in Richtung Tür. “Wenn sie mich jetzt bitte entschuldigen möchten, meine Herren. Ich habe noch einige andere Dinge zu erledigen.”

Michelle bewegte sich im Schlaf und stöhnte leise. MacGyver öffnete seine Augen, nur um sie sofort wieder zu schließen. Autsch! Die vom hellen Wüstensand reflektierten Sonnenstrahlen blendeten entsetzlich. Die Sonne hatte ihre Position geändert und der Schatten, in dem sie gesessen hatten, war weitergewandert. Die Hand schützend über die Augen gelegt, öffnete er sie vorsichtig aufs Neue und sah nach Michelle. Sie lag neben ihm, ihr Gesicht gerötet, die Lippen aufgesprungen und voller Blasen. Von ihrem schönen, braunen Teint war nicht mehr viel zu erkennen.
‘Wahrscheinlich sehe ich auch nicht viel anders aus,’ dachte MacGyver und betrachtete seine rissigen, blutverkrusteten Hände. ‘Wie gut, daß es hier keinen Spiegel gibt’. Er schaute auf seine Uhr. Fünf Uhr nachmittags! Sie waren erst seit drei Tagen und zwei Nächten hier und es kam ihm bereits vor wie eine halbe Ewigkeit.
“Michelle!” sagte er mit rauher Stimme und rüttelte sie sanft an der Schulter. “Aufwachen! Wir müssen uns einen anderen Platz suchen.”
Es dauerte eine Weile, bis Michelle zu sich kam. MacGyver half ihr auf und führte sie in den Schatten. Kraftlos ließ sie sich zurück auf den Boden fallen. ‘Sie ist völlig erschöpft’ dachte MacGyver. ‘Wenn uns nicht bald jemand hier findet...’ er wagte es nicht, den Gedanken zu Ende zu denken. Er war selber nicht gerade in Hochform. Das Dröhnen in seinem Kopf nahm von Stunde zu Stunde zu, und bunte Punkte tanzten ihm vor den Augen. Sein Durst brachte ihn fast um und er konnte an nichts anderes mehr Denken als an Wasser.
Nach Einbruch der Dämmerung kühlte die Luft schnell ab. MacGyver stand auf, um nach den Gruben zu sehen. Als er die Folien zur Seite zog, machte sein Herz vor Freude und Erleichterung einen Satz: der Boden jedes der fünf Behälter war von Wasser bedeckt! Vorsichtig schüttete er die bräunliche Flüssigkeit in den leeren Plastikbehälter der Sprinkleranlage, sorgsam darauf bedacht, daß kein einziger der kostbaren Tropfen verloren ging. 1 Liter! Das war mehr, als er erhofft hatte. Natürlich bei Weitem nicht genug, aber es konnte den Unterschied zwischen Leben und Tod bedeuten.
Bevor er zu Michelle zurückkehrte, entfernte er das ausgetrocknete Gestrüpp und ersetzte es durch frisches, welches er im Laufe des Tages gesammelt hatte. Dann deckte die Gruben wieder zu und dichtete sie ab.

Als Michelle und MacGyver einige Schlucke des schalen Wassers getrunken hatten, quälte sie der Durst noch schlimmer als zuvor. Am liebsten hätten sie den Behälter in einem Zug geleert, doch sie mußten sparsam sein. Das Wasser mußte bis zum nächsten Abend reichen!
Wenigstens waren sie etwas erfrischt und konnten wieder klarer denken. MacGyver las das ausgetrocknete Gestrüpp zusammen und entfachte mit Hilfe der Autobatterie ein Feuer. Nach und nach wurde der Gestrüpphaufen kleiner, und bald war auch der letzte Zweig zu Asche verbrannt. MacGyver nahm Michelle in seine Arme und wärmte sie mit seinem Körper.
“Mac?” sagte Michelle schläfrig.
“Ja?”
“Was machst du, wenn wir das hier hinter uns haben?”
MacGyver überlegte. “Wahrscheinlich werde ich zunächst einen langen Urlaub machen. Eigentlich wäre ich jetzt beim Ski fahren, wenn mich Pete nicht hierhergeschickt hätte.” Er seufzte.
Michelle lachte. “Bestimmt würdest du mit 100 Stundenkilometern halsbrecherisch die Piste hinunterrasen und dir sämtliche Knochen brechen.”
“Also bitte,” widersprach MacGyver mit gespielter Entrüstung. “Ich bin ein sehr vorsichtiger Skifahrer! Ich habe mir bisher nur einmal den Arm gebrochen.”
“Ich bin noch nie auf einem Ski gestanden,” sagte Michelle nachdenklich. “Aber ich würde es gerne lernen.” Sie zögerte und fuhr dann leise fort: “Mac, könntest du mir nicht das Ski fahren beibringen?”
MacGyver wußte nicht, was er ihr darauf hätte antworten sollen. Vielleicht: ’Michelle, du bist immer noch verheiratet’ oder ‘Michelle, du liebst nicht mich, sondern deinen Mann’? Oder ganz banal: ‘Michelle, ich möchte nicht, daß du dir auch einen Arm brichst’?
Schließlich fragte er scherzhaft: “Gibt es denn hier in Algerien Skipisten?” Michelle sah ihn zunächst verblüfft an und begann dann zu laut lachen. Erleichtert über das gelungene Ablenkungsmanöver stimmte MacGyver in ihr Gelächter ein.
Nachdem sie sich wieder beruhigt hatte sah Michelle MacGyver lange nachdenklich an und fragte schließlich:
“Mac, warum bist du eigentlich nicht verheiratet?”
“Vielleicht weil ich noch nicht die richtige Frau getroffen habe?” antwortete MacGyver mit einer nicht ganz ernst gemeinten Gegenfrage.
“Du! Weich’ mir nicht aus!” schalt sie ihn. “Ich bin sicher, daß es in deinem Leben schon viele Frauen gegeben hat.”
MacGyver dachte nach und sagte dann: “Ich reise sehr viel und bin ständig unterwegs. Wenn ich ein Frau hätte, könnte ich das nicht mehr! Ich brauche aber meine Unabhängigkeit und meine Freiheit.”
“Mehr als eine Familie?”
Damit hatte sie einen wunden Punkt getroffen. Wie oft hatte er schon davon geträumt, mit seiner Frau abends gemütlich vor dem Kamin zu sitzen und den Kindern beim Spielen zuzusehen. Oder davon, nach seiner Rückkehr nicht jedesmal eine leere Wohnung vorzufinden, sondern dort sehnsüchtig von jemandem erwartet zu werden. Er seufzte leise.
“Ich habe viele Freunde,” wich er der Frage aus.
“Das ist doch nicht das Gleiche!” widersprach Michelle heftig.
“Natürlich nicht. Aber ich bin sehr glücklich so, wie es im Moment ist,” versicherte MacGyver mit Nachdruck. Fast glaubte er es selbst. Er war froh, daß Michelle in der Dunkelheit sein Gesicht nicht sehen konnte. Sicher hätte sie sonst gemerkt, daß er schwindelte.
“Ich werde noch ein wenig Brennmaterial sammeln,” sagte er schnell, bevor sie ihm noch weitere Fragen stellen konnte. Abrupt stand er auf. Lieber zerstach er sich im Dunkeln seine Finger, als Michelle weiter Rede und Antwort stehen zu müssen.

Jack hatte die ganze Nacht damit zugebracht, den Motor von Ben Ahmeds Flugzeug zu zerlegen und wieder zusammenzubauen. Nun stand er mit ölverschmiertem Gesicht und rußigen Händen neben der laufenden Maschine und pfiff zufrieden vor sich hin. Für einen Jack Dalton war die Reparatur ein Kinderspiel gewesen. Eine Schräubchen hier, eine Drehung da, und schon lief alles wieder wie geschmiert. Er stellte gerade den Motor ab als Pete, der von Madame Dubois geführt wurde, gemeinsam mit Bernard den Hangar betrat.
“Guten Morgen,” rief Jack gutgelaunt. “Der Tag ist noch jung! Das Flugwetter günstig! Es kann sofort losgehen!”
Bernard beäugte das alte Flugzeug kritisch. Es kam ihm so vor, als würde es jeden Augenblick auseinanderfallen. “Wollen sie mit dieser Maschine wirklich starten?” fragte er besorgt. “Sie sieht mir nicht sehr zuverlässig aus.”
“Aber keine Frage! Das Baby ist noch ein Stück der alten Garde. Robust und nicht unterzukriegen,” strahle ihn Jack zuversichtlich an. “Es fehlt ihm nur noch etwas Futter, und dann werden wir euch allen zeigen, was in ihm steckt.”
“Jack, weißt du genau, daß die Maschine auch wirklich fliegen kann?” fragte Pete. Er konnte das Flugzeug zwar nicht richtig erkennen, aber Bernards besorgte Stimme ließen ihn Fürchterliches ahnen.
“Pete,” beruhigte ihn Jack. “Du kennst mich doch. Ich würde niemals in eine Maschine einsteigen, die nicht absolut sicher ist.”
Pete schüttelte den Kopf. Natürlich kannte er Jack! Er hoffte nur, daß Jack wenigstens diesmal wußte, was er tat.
Jack wurde plötzlich ernst. “Pete, ich verspreche dir, ich werde ihn finden. Darauf kannst du dich verlassen! Und wenn ich ganz Afrika nach ihm absuchen müßte.”

Wieder hatten sie eine lange, durchwachte Nacht überstanden. MacGyver schob Michelle, die am frühen Morgen doch noch auf seinem Schoß eingeschlafen war, vorsichtig von sich herunter. Sie murmelte leise, kam aber nicht zu sich. Dann erhob er sich langsam und bewegte seine tauben Glieder. Die ersten Sonnenstrahlen prickelten ihm angenehm auf der Haut und wärmten ihn auf. Nach einem letzten Blick auf Michelle machte er sich daran, Gestrüpp zu sammeln und schichtete es in der Nähe des Jeeps auf. Der Haufen wurde nur langsam größer. Jeder Schritt kostete ihn gewaltige Anstrengungen. Da alle Sträucher, die in der Nähe gestanden hatten, bereits verbrannt waren mußte er weit gehen um Nachschub zu besorgen.
MacGyver ruhte nicht eher, bis der Haufen auf einen Meter Höhe angewachsen war. Dann ging er zum Wagen, durchtrennte den Ölschlauch und fing das Öl in einem Plastikbecher auf. ‘Das wird einen schönen Qualm geben’ dachte er zufrieden und wollte sich schon abwenden, als sein Blick auf den Behälter mit der Bremsflüssigkeit fiel. ‘Je mehr, desto besser’ sagte er sich und baute den Behälter aus.
Stunden später wurde MacGyver aus einem tiefen, bleiernen Schlaf gerissen. Michelle lag schweratmend neben ihm im Schatten und bewegte sich nicht. Es dauerte eine Weile bis MacGyver begriff, was ihn geweckt hatte. Motorengeräusche! Überstürzt sprang er auf und stolperte zum Wagen. In diesem Moment wurde ihm schwarz vor Augen und voll Panik griff er nach einem Halt. Er klammerte sich an die Tür des Jeeps und schloß die Augen. ‘Jetzt nur nicht schlappmachen,’ ermahnte er sich. Es kam ihm vor wie eine Ewigkeit, bis sein Schwindelgefühl verschwunden war und er wieder klar sehen konnte.
Das Motorengeräusch war immer noch zu hören, obgleich es inzwischen deutlich schwächer geworden war. MacGyver griff nach der Autobatterie und setzte mit zittrigen Händen den Gestrüpphaufen in Brand, den er erst vor einigen Stunden aufgeschichtet hatte. Das Holz brannte wie Zunder. Als MacGyver das Motorenöl in das Feuer kippte, stieg dicker, schwarzer Qualm empor.
MacGyver legte die Hand über die Augen und suchte den Himmel ab. Sein Herz raste wild. Er entfernte sich einige Schritte vom laut prasselnden Feuer und lauschte gespannt dem Motorengeräusch. Doch dieses wurde schwächer und schwächer, bis überhaupt nichts mehr zu hören war. MacGyver weigerte sich zunächst, der bitteren Tatsache ins Auge zu sehen. Doch schließlich mußte er sich eingestehen, daß der Pilot weder den aus Steinen geformten Pfeil noch den qualmenden Rauch gesehen hatte. Ächzend ließ er sich neben dem Feuer in den Sand fallen und ließ den Kopf hängen. Nach einer Weile richtete er sich jedoch entschlossen wieder auf. So einfach wollte er es den Rebellen nicht machen. Solange er und Michelle noch lebten, war nichts verloren!

Jack betrat den Kontrollraum. Bernard unterbrach sein Gespräch mit Pete und nickte Jack freundlich zu. “Wie ich sehe, sind sie wieder zurück,” sagte er erleichtert. “Kommen sie und trinken sie etwas.”
Jack winkte ab. “Ich möchte mich nur über den aktuellen Stand der Suchaktion informieren, dann fliege ich sofort wieder los.”
“Du solltest eine kleine Pause machen,” ermahnte ihn Pete.
“Werde ich, werde ich! Ich muß zuvor nur noch ein paar Anhalter auflesen.” Jack versuchte sorglos zu klingen, doch Pete konnte er nicht täuschen. Jack machte sich um seinen Freund genausoviel Sorgen wie er selbst, auch wenn er es nicht zugeben wollte.
“Wir haben heute morgen den Suchradius vergrößert,” sagte Bernard. Er zeigte auf die Karte. “Ich wäre ihnen dankbar, wenn sie Sektor 6A übernehmen könnten.”
Jack trat an die Karte heran. “Das ist einer der inneren Sektoren, nicht wahr?” fragte er strinrunzelnd.
“Richtig! Wir werden uns langsam von innen nach außen vorarbeiten.”
Jack schüttelte den Kopf. Bei dieser Strategie würde es Tage dauern, bis sie dazu kämen, die äußeren Randzonen abzusuchen. “Mr. Bonnet, ich würde es vorziehen, einen der Randbezirke zu übernehmen.”
Bernard hatte bereits eine heftige Erwiderung auf der Zunge, doch dann überlegte er es sich anders und schwieg. Schließlich war es unwichtig, welche Zonen zuerst abgesucht würden. Eine war so gut wie die andere! Auch wenn es ihm schwerfiel, sich das einzugestehen: nach vier Tagen in der Wüste war es höchst unwahrscheinlich, daß die beiden noch lebten.
Er sah im Geist seine Frau vor sich, wie sie ihn liebevoll anlächelte. Er bereute zutiefst, wie er sich ihr gegenüber verhalten hatte. Nach seinem ‘Unfall’ hatte er nur an sich selbst gedacht und Michelle vernachlässigt. Er hätte niemals von sich geglaubt, daß er sie sogar einmal schlagen würde.
Bernard seufzte. Wie gern würde er sich wieder mit Michelle versöhnen. Vor einem Jahr in Genf hätte er die Gelegenheit dazu gehabt, doch er hatte sie ungenutzt verstreichen lassen. Sie war so abweisend gewesen! Nun schien es beinahe so, als ob er zu lange gezögert hätte.
“Mr. Bonnet?” Jacks Stimme riß Bernard aus seiner Gedanken.
“Ja?”
“Ist alles in Ordnung mit ihnen?”
“Alles bestens,” antwortete Bernard.
“Gut. Ich werde mich also sofort wieder auf die Suche machen.” Jack wandte sich gerade zum Gehen, als das Telefon klingelte.
“Ici c’est Bonnet,” meldete sich Bernard. Er bedeute Jack zu warten und lauschte aufmerksam der Stimme am Telefon. Dann gab er einige Anweisungen und legte auf.
“Ich habe gerade von einem der Piloten erfahren, daß ihm heute morgen südlich des Tassili-Gebirges etwas aufgefallen sei,” sagte er aufgeregt und zeigte auf einen Punkt der Karte außerhalb des eingezeichneten 100 Kilometer-Radius. “Genau hier, meinte er.”
“Was denn?” fragte Pete hoffnungsvoll.
“Er konnte es nicht sagen. Er sprach aber von einem grellen Blitz, der ihn geblendet hätte.”
Pete runzelte die Stirn. “Könnte er nicht einfach von der Sonne geblendet worden sein?”
Bernard nickte und sagte: “Gut möglich. Er wußte es nicht genau. Sein Tank war leer und er mußte zurückfliegen.”
“Und warum erfahren wir das erst jetzt? Es ist bereits nach Mittag!” Pete war ungehalten.
“Anscheinend ist der Pilot zunächst zu dem Schluß gekommen, daß er sich getäuscht hätte. Diese Gegend ist völlig unbewohnt. Es gibt weit und breit kein Wasser und keine Siedlung. Er sagte, er hätte sich nicht lächerlich machen wollen. Doch jetzt hat er es sich wohl anders überlegt.”
Jack schüttelte ungläubig den Kopf. Dann rannte er zur Tür und rief: “Pete, ich bin schon unterwegs.”
“Halt,” bremste ihn Bernard. “Sie wissen noch nicht alles!” Jack stoppte an der Tür und drehte sich um.
“Was?” fragte er ungeduldig.
“Sie können im Moment nicht in diese Gegend fliegen. Dort tobt bereits seit einigen Stunden ein Sandsturm!”

Mittlerweile war der Pfeil auf die doppelte Größe angewachsen. MacGyver schleppte Stein für Stein mühsam die Düne hinauf und lud dort seine schwere Last ab. Dann stieg er langsam wieder hinab, um weitere Steine zu sammeln. Gleichmäßig setzte er einen Schritt vor den anderen. Seine Bewegungen hatten sich schon lange automatisiert und er nahm nur noch seine eigene bleierne Müdigkeit war. Sogar sein Durst quälte ihn nicht mehr. Am liebsten hätte er sich neben Michelle ausgestreckt und wie sie den ganzen Tag über geschlafen. Am Morgen war sie einmal kurz zu sich gekommen und er hatte ihr den Rest des Wassers eingeflößt. Danach war sie jedoch sofort wieder vor Erschöpfung eingeschlafen.
Ein plötzlicher Windstoß trieb ihm eine Handvoll Sand in die Augen und riß ihn aus seiner Lethargie. Er blickte sich um und nahm erstaunt die Veränderung war, die eingetreten war, ohne daß er es wahrgenommen hatte. Es war merklich kühler geworden und die Sonne war nur noch als blasser runder Fleck am Himmel zu erkennen. Heftige Windböen brausten über die Dünen hinweg und wirbelten den feinen Sand in die Höhe. Gleichmäßig verteilte er sich in der Luft und verdunkelte den Horizont.
MacGyver lief so schnell er konnte die Düne hinab und versuchte, Michelle aufzuwecken. Doch es war zwecklos. Halb ziehend, halb tragend schaffte er sie zum Wagen und setzte sie in das Führerhaus. In diesem Moment begann der Sturm mit all seiner Gewalt. Der Wind heulte und MacGyver beobachtete durch die Windschutzscheibe wie draußen die Sandmassen herumgewirbelt wurden. Bald wurde die Scheibe vom Sand zugedeckt und sie saßen im Dunkeln. Der feine Staub drang durch jede Ritze des Wagens ein und machte das Atmen zur Qual. Der Sturm rüttelte am Wagen, als ob er ihn jeden Augenblick umwerfen wolle. MacGyver versuchte die Panik zu bekämpfen, die in ihm hochstieg. Es hatte das beängstigende Gefühl, als ob sie lebendig begraben würden. Er war fast froh darüber, daß Michelle nicht bei Bewußtsein war.

Bernards Warnung vor dem Sandsturm stieß bei Jack auf taube Ohren. Ohne sich eine Pause zu gönnen tankte er seine Maschine wieder auf und flog in den Sektor, in dem der Pilot den ‘Blitz’ gesehen haben wollte. Als er die Stelle erreichte, hatte sich der Sturm bereits wieder gelegt und Jack hatte klare Sicht auf die unter ihm liegende Wüstenlandschaft.
Systematisch durchkämmte er das riesige Gebiet. In immer enger werdenden konzentrischen Kreisen durchflog er mehrmals den gesamten Sektor. Vergeblich! Er konnte keine Menschenseele entdecken. Auch der ‘Blitz’, von dem der Pilot gesprochen hatte, tauchte nicht wieder auf. ‘Wahrscheinlich war er reine Einbildung’, dachte Jack ärgerlich.
Genau wie Pete hatte Jack insgeheim gehofft, daß der ‘Blitz’ ein Signal von MacGyver gewesen wäre. Aber er wußte jetzt, daß sie beide vergeblich nach einem Strohhalm gegriffen hatten. Bei dem Gedanken, daß MacGyver jetzt vielleicht schon tot sei könnte, traten Jack die Tränen in die Augen. Hastig wischte er sie ab. Daran konnte und wollte er jetzt nicht denken!
Als das Benzin zu Ende ging, brach er seine Suche ergebnislos ab und flog zurück.

MacGyver erwachte durch ein lautes Brummen. Um ihn herum war es stockdunkel und es dauerte einige Sekunden, bis ihm einfiel, wo er sich befand. Sein Mund und seine Nase waren voller Sand und seine Augen brannten. Er hatte das Gefühl zu ersticken und schnappte nach Luft. Tastend versuchte er sich zu orientieren. Dabei stießen seine Hände auf Michelle, die auf dem Sitz neben ihm lag. Er fand ihr Gesicht und stellte fest, daß sie immer noch schlief.
Plötzlich fiel ihm das brummende Geräusch ein, das ihn aufgeweckt hatte. Seine Hand fuhr zum Türgriff und er versuchte die Tür aufzudrücken. Doch sie bewegte sich nicht. Erst als er mit aller Kraft seine Beine dagegen stemmte, begann sie sich langsam zu öffnen - Zentimeter für Zentimeter.
Sobald der Spalt groß genug war, zwängte er sich durch ihn hindurch ins Freie und blickte zum Himmel hinauf. Tatsächlich! Weit oben konnte er ein Flugzeug erkennen, das gerade über den Grat der Felswand hinwegflog und damit aus seinem Blickfeld verschwand.
“Hilfe!” schrie MacGyver so laut er konnte. Doch aus seinem Mund kam nur ein heiseres Krächzen.
“Hier sind wir!” Verzweifelt winkte er mit den Armen.
Er wandte sich schnell um und wollte nach der Autobatterie greifen, die er hinten auf den Jeep gestellt hatte. Diesmal mußten sie den Qualm einfach sehen! Doch dann hielt er mitten in seiner Bewegung inne und blieb erstarrt stehen. Die Geräte auf der Ladefläche waren verschwunden, begraben unter einer dicken Sandschicht, die auch das Dach des Führerhauses und die Kühlerhaube zugedeckt hatte. Es grenzte beinahe an ein Wunder, daß sich die Fahrertür überhaupt noch hatte öffnen lassen.
Nun erst blickte sich MacGyver genauer um. Der Haufen aus Gestrüpp, den er für das Signalfeuer gesammelt hatte, war buchstäblich vom Winde verweht worden. Was der Wind nicht weggeblasen hatte, war von Sand bedeckt. Die Gruben, die er so mühsam ausgehoben und mit Planen abgedeckt hatte, waren verschwunden. Von den fünf Planen war nur noch eine da - sie war zwischen zwei Felsen geweht worden und dort hängen geblieben.
Sein Entsetzen über den Zustand der Gruben ließen MacGyver für einen kurzen Augenblick das Flugzeug vergessen. Der Verlust des Wassers war ein bitterer Schlag!
In diesem Augenblick wurde das Motorengeräusch wieder lauter und das Flugzeug kam zurück. MacGyver konnte deutlich die rote Unterseite der Tragflächen erkennen.
“Hilfe, hier sind wir,” schrie er aufs neue.
Er rannte mit letzter Kraft die große Düne hinauf. Als er stolperte und mit dem Gesicht voran in den Sand fiel, blieb er einige Sekunden wie betäubt liegen. Dann raffte er sich wieder auf und rannte weiter.
“Hierher!” Heftig ruderte er mit den Armen. “Seht ihr den Pfeil denn nicht?” Doch so sehr MacGyver auch schrie und winkte, das Flugzeug flog unbeirrt weiter. Als MacGyver den Gipfel der Düne erreicht hatte, war es bereits außer Sicht.
Seine Knie zitterten und kraftlos sank er zu Boden. Die Ellbogen auf den Knien aufgestützt nahm er seinen Kopf in beide Hände und schloß entmutigt die Augen. Der Sturm hatte alle seine Bemühungen zunichte gemacht und der mühsam errichtete Pfeil war von den Sandmassen begraben worden.
Doch die Verzweiflung war nur von kurzer Dauer. Seine eigenen Worte fielen ihm ein: ‘Du kannst alles erreichen, wenn du dir nur Mühe gibst.’ Zu wem hatte er das eigentlich gesagt? Er konnte sich im Moment nicht daran erinnern. ‘Aus jeder Situation gibt es einen Ausweg,’ ermahnte er sich selbst. Angestrengt begann er darüber nachzugrübeln, wie dieser Ausweg diesmal aussehen könnte.

In der folgenden Nacht hatte Jack einen Alptraum. Er sah sich und MacGyver im Zentrum einer kreisrunden Sandfläche stehen, als MacGyver plötzlich im Sand zu versinken begann. Hilfesuchend streckte er seine Arme nach Jack aus, aber Jack war wie gelähmt. Wie gern hätte er nach MacGyver gegriffen und ihn festgehalten. “Hilf mir,” rief MacGyver mit flehender Stimme. Jack konnte sich nicht bewegen. Er stand nur da und schaute zu, wie sein Freund langsam vom Sand verschluckt wurde. MacGyver sah Jack erst schockiert und dann traurig an. Jack konnte diesen Blick nicht länger ertragen und rannte fort.
Er erwachte keuchend und mit schweißüberströmtem Gesicht. Sein Puls raste. Immer noch hatte er MacGyvers erstaunten Gesichtsausdruck vor Augen und er schämte sich unendlich, weil er ihn einfach im Stich gelassen hatte.
Er setzte sich auf die Bettkante und fuhr sich stöhnend durch die Haare. Langsam verblaßte der Alptraum. Doch das dumpfe Gefühl, etwas Wichtiges übersehen zu haben, konnte er nicht so leicht abschütteln. Es war ihm, als ob er eine Nachlässigkeit oder einen Fehler begangen hätte. Aber welchen Fehler?
Jack griff nach seiner Uhr. Noch zwei Stunden bis zum Morgengrauen. Er legte sich wieder auf das Bett, doch der Schlaf wollte nicht kommen. Mit offenen Augen starrte er in die Dunkelheit und grübelte. Als es schließlich draußen hell wurde, war er fest dazu entschlossen, nochmals die gleiche Stelle wie am Tag zuvor abzusuchen. Nur um sicher zu sein! Vielleicht hatte er doch etwas übersehen!

Einige Stunden später drehte Jack bereits zum dritten Mal seine Runde. Er ärgerte sich, daß er sich von seinen Alpträumen dazu hatte verleiten lassen, nochmals hierherzufliegen. Es gab noch soviele Gebiete, die noch nicht abgesucht worden waren und er verschwendete seine Zeit mit der Jagd nach Hirngespinsten.
Er griff zum Funkgerät, um seinen Rückflug anzukündigen, als sein Blick zufällig auf den Kompaß fiel. Die Nadel drehte sich ein paarmal um ihre eigene Achse und blieb dann wieder ruhig stehen. Jack klopft mit den Fingern an das Gehäuse. Die Nadel vibrierte leicht, zeigte aber immer noch in die richtige Richtung. ‘Vermutlich Magnetfeldstörungen,’ dachte Jack. ‘Oder der Kompaß müßte einmal repariert werden, wie beinahe alles an diesem Flugzeug’. Jack wollte gerade seinen Blick abwenden, als die Nadel erneut zu rotieren anfing. Jetzt wurde er neugierig. Normalerweise hätte man ihn informieren müssen, wenn in dieser Gegend mit magnetischen Störungen zu rechnen gewesen wäre. Aufmerksam beobachtete er den Kompaß. Die Rotation der Nadel dauerte nur ein oder zwei Sekunden, dann blieb sie wieder auf ihrer alten Position stehen. Nach ungefähr zehn Sekunden begann das gleiche Spiel erneut - und noch einmal - und nochmals. Jack war fasziniert. Mit Schwankungen im Erdmagnetfeld war er vertraut. Doch diese Schwankungen traten mit Unterbrechungen auf, und darüber hinaus waren die Intervalle zwischen den einzelnen Störungen absolut identisch! Es dauerte nicht lange, da fiel es ihm wie Schuppen von den Augen.
“Mac,” jubelte er laut, “das kannst nur du sein, du Teufelskerl!” Er drehte ab und begann die Suche nach der Störquelle.

MacGyver brauchte über eine Stunde, bis er die vom Sand zugedeckten Meßgeräte mit bloßen Händen ausgegraben hatte. Flimmern vor den Augen und Schwindelgefühl zwangen ihn alle paar Minuten zu kurzen Unterbrechungen. Doch schließlich hatte er es geschafft. Vorsichtig hob er die Geräte vom Wagen und stellte sie nebeneinander auf. Erleichtert stellte er fest, daß sie unbeschädigt und sogar noch funktionstüchtig waren. Ihre luftdichten Gehäuse hatten sie vor dem feinen Sand geschützt.
Mit letzter Kraft zog er die metallene Schiene des Spektrometers vom Wagen. Dann befestigte er die Feldspulen auf der Schiene und schloß sie an die Batterien an. Er setzte die Spulen unter Strom und beobachtete, wie der Meßfühler des Magnetometers ausschlug. Das aufgebaute Magnetfeld war so stark, daß es noch in mehreren hundert Metern Entfernung registriert werden konnte. Nicht nur unter der Erde, sondern auch oberhalb!
MacGyver wußte natürlich, daß störende Magnetfelder überall anzutreffen waren. Aber ein in regelmäßigen Abständen wiederkehrendes Störfeld müßte einem Piloten doch zu denken geben. Er betätigte den Spannungsregler und stellte die Intervallfrequenz auf zehn Sekunden ein. Dann ließ er sich in den Sand fallen, lehnte sich mit dem Rücken an den Wagen und schloß die Augen. Jetzt konnte das Flugzeug kommen! Sobald es auftauchte, würde er das Gerät einschalten. Beharrlich weigerte er sich auszumalen was geschehen würde, wenn dieser Augenblick niemals einträfe.

Jacks Flugzeug flog früh am darauffolgenden Morgen bereits zum dritten Mal über die beiden Vermißten hinweg, als MacGyver durch das Motorengeräusch geweckt wurde und langsam zu sich kam. Er war vor Kälte und Erschöpfung wie betäubt und besaß nicht mehr die Kraft aufzustehen. Als er sich am Wagen hochziehen wollte, wurde ihm schwarz vor Augen. Sein Kopf drohte zu zerspringen und seine Ohren dröhnten so laut, daß sie das Brummen des Flugzeugmotors übertönten. Trotz seiner Benommenheit war sich MacGyver darüber im Klaren, daß dies wahrscheinlich ihre letzte Chance war. Er geriet in Panik und mobilisierte seine letzten Energiereserven. Auf Händen und Knien kroch er so schnell er konnte zum Spektrometer. Er konzentrierte sich nur auf das eine Ziel, nämlich den Schalter des Spannungsgerätes zu betätigen. Als er es schließlich geschafft hatte, fiel er mit dem Gesicht nach unten in den Sand und gab seiner bleiernen Müdigkeit nach.
Es hätte sicher noch länger gedauert, bis Jack die beiden Vermißten gefunden hätte, wenn ihm nicht ein glücklicher Umstand zu Hilfe gekommen wäre. Er überflog gerade eine felsige Anhöhe als er auf deren Gipfel etwas Blaues flattern sah, das sich zwischen den Steinen verfangen hatte. Ein Stück Tuch oder eine Plane, sagte sich Jack richtig. Von diesem Augenblick an dauerte es nur noch ein paar Sekunden, bis er die bewußtlos am Boden liegenden Gestalt und den fast völlig unter Sand begrabenen Wagen entdeckt hatte. Eilig griff er zum Funkgerät und forderte einen Rettungshubschrauber an.

***********

Als MacGyver erwachte, nahm er als erstes den ihm wohlbekannten und zugleich verhaßten Geruch von Desinfektionsmitteln wahr. Beinahe widerwillig schlug er die Augen auf und fand seine Vermutung bestätigt. Wieder einmal befand er sich in einem Krankenhaus! Aber warum war er dieses Mal hier? Er seufzte leise und schaute sich um.
Der kleine Raum war hell und freundlich. Die durch die Schlitze der Jalousie fallenden Sonnenstrahlen erzeugten auf der gestärkten Bettdecke ein Muster aus parallelen, leuchtenden Streifen. Unterhalb des Fensters, neben einem ein winziger Tisch, saß Pete auf einem Stuhl und döste. MacGyvers Blick wanderte weiter und fiel auf die Infusionsflasche, die neben seinem Bett an einem Metallständer hing. Verständnislos beobachtete er die in regelmäßigen Abständen fallenden Tropfen. Er konnte sich nicht erklären, wie und weshalb er hierhergekommen war. Doch nach und nach schwand seine Desorientierung und er begann sich langsam an die vergangenen Tage zu erinnern. Eine Welle großer Erleichterung überflutete ihn. Sie hatten es also doch geschafft! Beinahe hatte er schon nicht mehr daran geglaubt. Und Pete war auch hier! MacGyver fühlte sich beinahe glücklich. Wenn nur die Sache mit Michelle nicht gewesen wäre. MacGyver begann über Michelle nachzugrübeln, als ihm plötzlich bewußt wurde, daß er fürchterlichen Durst hatte. Auf dem Nachttisch neben seinem Bett entdeckte er eine große Wasserflasche und eine Schnabeltasse. Hoffnungsvoll streckte er seine Hand nach der Tasse aus. Zu spät bemerkte er den dünnen, weißen Verband um seine Finger, der ihm am Zugreifen hinderte. Er stieß die Tasse um und sie rollte vom Nachttisch herab.

Das Geräusch des auf dem Boden aufschlagenden Gefäßes schreckte Pete aus seinem Nickerchen auf.
“MacGyver?” fragte er schnell.
“Ja.” MacGyvers Stimme klang krächzend.
“Mac! Gott sei Dank bist du endlich wach!” Pete stand auf und tastete sich bis an MacGyvers Bett vor. “Wie geht es dir?”
“Den Umständen entsprechend gut,” antwortete MacGyver und verzog das Gesicht. Seine Kehle schmerzte beim Sprechen.“Ich bin nur ein wenig müde.”
Pete ergriff die Hand seines Freundes und drückte sie erleichtert.
“Autsch,” entfuhr es MacGyver.
Pete ließ erschrocken los. “Entschuldige, Mac. Ich habe deine zerkratzten Hände völlig vergessen. Wie hast du das nur fertiggebracht? Der Arzt meinte, sie sähen aus, als ob sie in den Fleischwolf geraten seien. ”
“Das ist eine lange Geschichte, Pete,” seufzte MacGyver. “Wie geht es Michelle?”
“Wie dir, würde ich sagen,” antwortete Pete. “Sie ist erschöpft und wird noch einige Zeit im Bett bleiben müssen, aber sonst ist sie völlig in Ordnung.”
MacGyver schloß für einen Moment erleichtert die Augen und entspannte sich.
“Mac, möchtest du etwas trinken?” fragte Pete besorgt.
“Ich sterbe vor Durst,” antwortete MacGyver. “Doch ich fürchte, ich habe gerade die Tasse heruntergeworfen.”
“Wo liegt sie?”
“Etwa 10 cm rechts vom Nachttisch.”
Es dauerte nur ein paar Sekunden, bis Pete die Tass