Autor Thema: No ka oi kukua!  (Gelesen 4432 mal)

Harry

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No ka oi kukua!
« am: 16. November 2005, 18:13:25 »
No ka oi kukua!


1. Kapitel:



Es war einer dieser Tage, an denen man sich wünschte, man wäre erst gar nicht aufgestanden. Aber es hatte sich leider nicht vermeiden lassen.Schließlich war er eine Verpflichtung eingegangen. Nachdem seine Vertretungstätigkeit an der High School bei so vielen Kollegen und Eltern auf positive Resonanz gestoßen war, hatte man ihn gebeten, doch auch weiterhin dort tätig zu sein. Sam hatte ihn bedrängt, den Job anzunehmen. MacGyver hatte schon früher gerne seine Wissen an andere weitergegeben. Und die Schüler liebten seine lockere Art, die Dinge anzugehen, aus etwas offensichtlich Langweiligem eine spannende Reaktion hervorzurufen und ihr Interesse auf Dinge zu lenken, von denen man sagen konnte, man benötigte sie später im richtigen Leben.

MacGyver gestand es sich nicht gerne ein, aber es gefiel ihm fast, seßhaft zu sein. Seine Stunden lagen so, daß er nur an zwei Tagen an der Schule sein mußte. Der Rest der Woche stand ihm frei zur Verfügung. Er war frei und trotzdem abgesichert. Was wollte er mehr. Aber eines hatte sich nicht geändert. Auch an Schulen gab es Bürokraten, mit denen man sich herumärgern konnte. Erst heute morgen hatte er sich wieder anhören müssen, daß sein Jeep auf dem falschen Parkplatz geparkt war. Er stand mal wieder bei den Schülern. Und das Horrorszenario der Prorektorin war, daß Schüler im Gegenzug auf dem priviligierten Parkplatz der Lehrer parken könnten. Mac sah weder in dem einen noch in dem anderen ein Problem. Aber in diesem Fall kämpfte man mit Schwertern gegen Windmühlen. Und diese Frau hatte eine Art, die er nicht ausstehen konnte: arrogant, von oben herab. Es reichte schon, wenn sie einen ansah. Man fühlte sich unweigerlich schuldbewußt. Wenn sie MacGyver ansah, hatte er immer das Gefühl, als sage ihr Blick: Wie kann man als Respektsperson nur Jeans und Turnschuhe tragen? Aber all das waren nur Vermutungen. Laut hatte noch niemand seine Bekleidungsgewohnheiten kritisiert. Und die Schüler akzeptierten ihn so, wie er war. Die Prorektorin hingegen konnten sie ebenfalls nicht ausstehen. Hinter vorgehaltener Hand nannten sie sie 'Drachenkönigin'. Und das konnte MacGyver durchaus nachvollziehen.

Nach dieser schicksalhaften Begegnung am Morgen hatte er dann ganz normal seinen Unterricht durchgezogen. Und es war ihm wie immer gelungen, seine Begeisterung auf seine Studenten zu übertragen. Dann war in der Mittagspause das nächste Unglück über ihn hereingebrochen. Irgendjemand im Kollegium war auf die glorreiche Idee gekommen, ihn mit der Organisation des Semesterabschlußfestes zu betrauen. Ausgerechnet er, der Partys mied wie die Pest. Jetzt war guter Rat teuer. Mac war ein schlechter Lügner; er wußte, daß man an seinem Gesicht ablesen konnte, ob er die Wahrheit sagte oder nicht. Er hätte einfach sagen können, er habe bereits eine Woche Schiurlaub fest gebucht, z. B. um seinen Geburtstag bei Freunden in den Bergen zu verbringen. Dann wäre er verhindert gewesen, und man hätte jemand anderen dazu verdonnert, den Raum zu schmücken, das Essen zu besorgen und zu verhindern, daß die Bowle mit Hochprozentigem verlängert wurde. Aber, es wäre gelogen gewesen.

Stattdessen hatte er geantwortet, er würde es sich überlegen. Den ganzen Heimweg lang hatte er gegrübelt, wie er sich elegant aus der Schlinge befreien konnte. Hier was jetzt Diplomatie gefragt. In solchen Fällen war Pete früher ganz hilfreich gewesen, aber nun mußte er alleine damit fertig werden. Und in Gedanken sah er sich schon mit der Prorektorin den Eröffnungswalzer tanzen. Oh, Mann. Alles, bloß das nicht.

Als er zum See kam, stand ein fremder Wagen in der Einfahrt zu ihrem Haus. In der ersten Etage brannte Licht. Sam hatte also Besuch. Egal. Hauptsache, man ließ ihn in Ruhe. Er schloß die Tür auf, hängte seine Jacke auf den Haken der Garderobe und schob seine Tasche auf die Ablage. Er machte erst gar kein Licht, sondern ließ sich so, wie er war, auf die Couch fallen. Dann schloß er die Augen. Aber ein paar Minuten später fuhr er hoch. Irgendjemand hatte am Lichtschalter gedreht. Das ganze Haus erstrahlte in Festbeleuchtung. "Dad, bist du da?" Sam mußte seinen Wagen gehört haben. "Ja, wer sollte es denn sonst sein? Oder hast du Duplikate unseres Wohnungsschlüssels an Bedürftige verteilt?" - "Oh, Mann. Hast Du heute eine schlechte Laune. Aber vielleicht kann ich Dich ja etwas aufheitern. Ich habe nämlich eine Überraschung für Dich." - "Na, da bin ich aber gespannt." Mac wollte schon gerade wieder die Augen schließen, als er eine junge Frau aus Sams Zimmer kommen sah. Ihr mußte der Wagen draußen gehören. Daran bestand kein Zweifel: zu so einer Rakete gehörte eine solche Lederbraut. Mac hatte nichts gegen Ohrringe oder Nasenpiercing, aber man konnte es auch übertreiben. Und ihre kirschroten Haare standen büschelweise hoch. MacGyver ertappte sich, wie er sie anstarrte, als sie die Treppe herunterkam. "Hallo und tschüß." Sie lachte ihn an und verschwand dann.

Mac schüttelte den Kopf, als habe er eine Fatamorgana gesehen. In der Zwischenzeit was auch Sam an die Treppe gekommen. "Also, bist du bereit für die Überraschung?" - "Ich akzeptiere alles, solange du mir nicht erzählst, daß du mich mit ihr zum Großvater machst." Sam bog sich vor Lachen. "Dad", rief er vorwurfsvoll. "Das war eine Bürobotin vom National Geographical Inquirer. Sie haben mich als Fotograf verpflichtet: für eine Reportage über den Mt. Haleakala. Sie hat gerade die Tickets gebracht: vier Wochen bezahlter Aufenthalt auf Hawaii". Sam strahlte über das ganze Gesicht. "Für zwei Personen." Er was in der Zwischenzeit die Treppe heruntergetänzelt und fächelte mich den Tickets vor Mac's Nase herum. "Toll, ich freue mich für dich. Und ich bin auch erleichtert." Mac zeigte zur Tür. Dann lachten sie beide. "Und? Wen nimmst du mit?" - "Tja, das ist so eine Sache. Mein Mädchen ist leider verhindert. Und da hatte ich eigentlich an dich gedacht. Schließlich bist du ja schon mal dort gewesen." Sam zog etwas hinter seinem Rücken hervor. Es war ein blaues Aloha-Hemd. MacGyver nahm es in die Hand: "Wo hast du das denn gefunden? Ich wußte gar nicht mehr, daß ich das aufgehoben habe." - "Es war in deiner Phoenix-Andenkenkiste. Ich dachte, du kannst ein bißchen Urlaub gebrauchen und mir vielleicht den einen oder anderen Tip geben?" - "Wann soll es denn losgehen?" - "Nächste Woche Freitag. Aloha-Airlines, Flug 065 ab LA 11.00 am Pazifikzeit, an Kahului, Maui 02.00 pm Hawaiizeit. Ist das okay für dich?"

Mac sprang auf. "Du hast mir soeben das Leben gerettet. Ich hätte alles gegeben, um an diesem Freitag nicht in der Stadt zu sein." Es war der Freitag, an dem der Ball stattfinden sollte. Und er würde nicht der Wächter der Wilden Horde sein, sondern vielleicht einen alkoholfreien Maitai in einer netten kleinen Bar trinken, anschließend den Sonnenuntergang am Strand genießen und sich vom Flug erholen. "Danke, Sam. Ich nehme die Einladung gerne an." Er klopfte ihm auf die Schulter und ging dann zum Telefon, um dem Festausschuß seine Absage zu übermitteln. Der Tage endete doch besser, als er angefangen hatte. Und die fünf Stunden Flug nach Hawaii ließen sich schon irgendwie ertragen.

-1-

Die folgende Woche verging wie im Flug. MacGyver ignorierte die säuerlichen Mienen seiner Kollegen, als er sich am Donnerstag verabschiedete. Er würde seine Semesterferien unbeschwert auf Hawaii verbringen, zu einer Zeit, wo es dort am schönsten war. Abends hatten sie ihre Taschen gepackt. Ein Taxi brachte sie am Freitagmorgen zum Flughafen. Am Aloha-Airline-Schalter hatte ihnen eine freundlich lächelnde Hawaiianerin das Gepäck abgenommen und ihnen die Bordkarten gegeben. Die Boeing 737 hatte zwei Sitzreihen mit je drei Plätzen. Und Mac hatte den Fensterplatz erwischt. Na toll, dachte er. Ausgerechnet ich. Es war ihm immer noch nicht ganz gelungen, seine Höhenangst in den Griff zu bekommen. Also stand es außer Frage, daß er die Aussicht genießen würde. Durch die Fenster im Warteraum am Gate konnte er einen Blick auf die Maschine werfen. Sie sah zumindest besser aus, als einige von denen, mit denen Jack Dalton früher unterwegs war. Und diese wurde bestimmt auch besser gewartet. Es dürfte also eigentlich nichts passieren. Aber man konnte ja nicht wissen. Schließlich war 'Aloha' die Fluglinie, die 1989 als erstes mit einer Open-air-Maschine gelandet war. Er würde auf jeden Fall die gesamten fünf Stunden angeschnallt bleiben. Egal, wie ruhig der Flug verlief.

Sam kannte das Problem seines Vaters. Und er fand es toll, wie dieser dagegen ankämpfte. In der Maschine tauschte Mac als erstes mit Sam den Platz. Da saß er lieber in der Mitte oder am Gang. Sam schnallte sich an und beugte sich zu Mac herüber. "Eine Freundin von mir ist Homöopathin. Sie arbeitet viel mit Akupressur. Es soll da einen Punkt geben, der die Reiseübelkeit stoppen kann. In der Mitte zwischen Bauchnabel und dem unteren Rippenbogen. Vielleicht hilft es auch gegen Höhenangst." Mac kommentierte das erst gar nicht, sondern nickte nur. Es konzentrierte sich auf den Start. Wenn er sich erst mal in der Luft befand, war alles nur noch halb so schlimm. Und die Landung würde er auch überleben. Da hatte er mit Jack Dalton bestimmt schon schlimmeres erlebt. Also versuchte er, sich zu entspannen. Er hörte, wie die Motoren aufheulten und die Klappen geprüft wurden. Die Maschine rollte los, stoppte kurz am Anfang der Rollbahn, und dann wurde Vollschub gegeben. Als die Bremsen gelöst wurden, schoß das Flugzeug nach vorne und hob anschließend weich vom Boden ab. Dieser Pilot verstand sein Handwerk. Mac stöpselte den Kopfhörer in die Armlehne und suchte sich einen Musikkanal, der ihm gefiel. Sam saß neben ihm und schien zu schlafen. Die fünf Stunden Flugzeit würden schon irgendwie vorbeigehen.

Gegen Mittag erhielten sie ein Essen. Sogar Mac's Sonderbestellung, vegetarisch, war berücksichtigt worden. Während Sam sein Hähnchen Sukiyaki genoß, zerlegte Mac seinen Gemüseauflauf. Mmh, für den Catering-Service einer Fluggesellschaft gar nicht so übel. Und als Nachtisch eine Macadamia-Nuss, ummantelt von Schokolade. Ja, so schmeckte Hawaii. Schließlich gab es dort nicht nur Zuckerrohr und Ananas. Und die Zeit verging wirklich wie im Flug. Sam hing gebannt am Fenster. Es war zuvor noch nie dort gewesen. Es schien, als wolle er sich nichts entgehen lassen. Er bat Mac, ihm doch die Kamera aus der Tasche zu holen. Er wollte die Krater des Haleakala schon mal aus der Luft fotografieren. Für den Anflug auf Kahului flogen sie nämlich erst über die Insel hinweg, um dann auf dem Wasser zu drehen und entsprechend der vorherschenden Windrichtung die optimale Einflugschneise zu wählen.

Mac schnallte sich also ab, um die Kamera aus dem Fach über ihnen zu nehmen. Plötzlich ging eine Erschütterung durch das Flugzeug. Es war, als fiele es in ein tiefes Loch. Aber der Pilot fing die Maschine ab. Gleichzeitig setzte er die Anschnallzeichen. MacGyver beeilte sich, sich wieder hinzusetzen. Er war kalkweiß im Gesicht. Sam nahm ihm die Kamera aus der Hand, aber das registierte er nicht. Er starrte nur krampfhaft nach vorne. Die freundliche Stimme der Chef-Stewardess teilte ihnen mit, daß vor Maui eine Schlechtwetterfront lag, die sie durchfliegen würden. Das könnte Ruckeln und Schaukeln verursachen, wäre aber nicht gefährlich. Oh, Mann. Mac erinnerte an Sams Worte über Akupressur, und seine Finger tasteten nach dem entsprechenden Punkt. Sanft ließ er den Zeigefinger über der Stelle kreisen. Und er spürte, wie die Magensäfte sich beruhigten. Mac schloß die Augen und stellte sich vor, sich auf einer Wildwasserfahrt durch den Grand Canyon zu befinden. So ließ sich das Schaukeln einigermaßen ertragen. Er verlor jedes Zeitgefühl und schreckte sogar etwas hoch, als die Reifen des Flugzeuges quietschend auf der Landebahn aufsetzten. Die Erde hatte ihn also wieder. Er machte in Gedanken drei Kreuze. Jetzt, da er diese Hürde genommen hatte, stand dem eigentlichen Urlaub nichts mehr im Weg. Als sie das Terminalgebäude erreichten, war ihr Gepäck schon auf dem Laufband. Jeder von ihnen hatte einen Rucksack als Handgepäck und eine große Sporttasche dabei. Sam's Surftasche fügte sich nahtlos in das Bild ein. MacGyver's Eishockeytasche fiel da schon etwas aus dem Rahmen. Aber es ging viel hinein. Und schließlich waren sie ja nicht nur zum Schwimmen hier. Wenn er mit Sam in dem Vulkan-Nationalpark unterwegs sein würde, brauchte man schließlich Schlafsäcke, auch wenn sie sonst ein festes Quartier hatten.

Sam mietete am Flughafen ein Auto an und ließ MacGyver als zweiten Fahrer eintragen. MacGyver traute seinen Augen nicht, als man mit einem knallroten Golf-Cabriolet vorfuhr. Schön, aber unpraktisch. Jedenfalls beim Transport von großen Taschen. Mit Mühe und Not bekamen sie alles in den Kofferraum hinein. Dann fuhren sie los, quer durch Kahului über den Highway 380 und die Bundesstraße 30, vorbei an Maalaea nach Olowalu, wo der National Geographic Inquirer ein Strandhäuschen unterhielt. Es stand ihnen für die ganzen vier Wochen zur Verfügung.

Das Haus bestand aus Holz und war großzügig angelegt. Von einem großen Wohnzimmer gingen zwei Schlafzimmer mit Waschgelegenheit aus. Es gab sogar eine Waschmaschine und einen Trockner hier. In einer Nische des Wohnraums fand sich eine kleine Küche, in der es an nichts fehlte. Ein Blick in den Kühlschrank ergab, daß es zu allererst nötig war, Lebensmittel einzukaufen. Das wäre ja schließlich auch zu viel verlangt gewesen. MacGyver und Sam teilten die Zimmer auf und packten das Nötigste aus.

MacGyver war froh, endlich in etwas Bequemes schlüpfen zu können. Es fand Sam beim Wagen. So, wie sie beide da standen, in Short und T-Shirt, sahen sie einander sehr ähnlich. Nicht wie Vater und Sohn, sondern mehr wie Brüder.  "Okay", sagte Sam. "Dann kann es ja losgehen. Also, in welche Richtung fahren wir?" - "Fahr oben an der Straße nach links. In Lahaina ist ein großes Einkaufszentrum. Da kriegen wir alles, was wir brauchen." Sam lachte: "Du und dein Gesundheitsfimmel. Aber bitte. Wir arrangieren uns ja sonst auch. Also: wenn du mir mein Steak läßt, sage ich nichts gegen Tofu und Sojabohnenkeime. Okay?" - "Ja. Und als Zeichen meines guten Willens und als Dankeschön lade ich dich in Lahaina zum Essen ein. Früher gab es dort eine kleine Fischerkneipe, die eine fantastische Köchin hatte. Fisch in allen Variationen. Du wirst es mögen, falls es noch existiert."

Sie fuhren in Richtung Lahaina, durch Zuckerrohrfelder und an Ananasplantagen vorbei. Das satte Grün der Pflanzen reichte bis zum Horizont. Und die Halme der Zuckerrohrpflanzen wogten im Seewind, der sanft vom Meer herüberbließ. Kurz hinter dem Ortseingang deutete Mac auf einen großen Komplex zur Linken. Sam bog ein und stellte den Wagen ab. Ihre Einkäufe waren schnell erledigt. Sie ließen alles im Kofferraum zurück und gingen auf die Front Street zu. Diese Straße führte direkt am Wasser entlang, quer durch den Ort. Es war die alte Hauptstraße, die viel befahren worden war, bevor man die Umgehungsstraße gebaut hatte. Heute fuhren hier fast nur noch Touristen entlang. Es schien ein Spiel zu sein: sehen und gesehen werden.

MacGyver genoß es, zu Fuß dort entlang zu gehen. Auf eine gewisse Weise hatte Lahaina den Charme der alten Walfangstadt noch nicht verloren. Die Häuser standen dicht gedrängt, einige nur wenige Meter vom Wasser entfernt. Viele davon waren auf Stelzen erbaut worden, um sich gegen die tobende See abzusichern. Fast alle Bauten waren aus Holz. Die Strom- und Telefonleitungen verliefen oberhalb, in ca. 3 Meter Höhe, an den Häusern entlang. Es wäre zu mühsam gewesen, den Lavaboden aufzuhacken und die Kabel darin zu versenken. Trotz der Touristen war Lahaina ein ruhiges beschauliches Städtchen. Vom Hafen herüber roch es nach Fisch. Und aus dem Pioneer's Inn tönte Live-Musik nach draußen. Schräg gegenüber davon lag ein kleines Haus. Sein hellblauer Anstrich hob es von den übrigen Häusern deutlich ab. Das gesamte Erdgeschoß war mit blühenden Ranken bedeckt.

Mac hielt direkt auf die schmale weiße Holztür an der Seite dieses Hauses zu. Sam folgte ihm, etwas zögerlich. Von außen machte das Haus keinen so vertrauenserweckenden Eindruck auf ihn. Im Inneren des Hauses erinnerte alles an ein Walfangschiff aus der Zeit der Jahrhundertwende. Die Tische und Bänke waren frisch gescheuert, die Zapfhähne an der Bar glänzten. Und unzählige Kerzen verbreiteten ein warmes, flackerndes Licht. Die Augen mußten sich erst an dieses Licht gewöhnen. Mac und Sam wurden an einen Tisch in der Nähe der Bar geführt. Mac warf einen Blick auf die Speisekarte: "Ist Mamma Pali hier noch Köchin?" Der hawaiianische Kellner strahlte über beide Ohren. "Du bist kein Malihini. Du warst schon einmal hier? Aloha ahiahi! Ihr werdet nicht enttäuscht sein." Sam sah seinen Vater überrascht an. Dieser zuckte nur mit den Achseln. Dann kam der Fisch, den sie bestellt hatten: Mahimahi, umringt von frischem, blanchiertem Gemüse und Süßkartoffeln. Sie tranken Eistee dazu. Das Bier wollte sich Sam für später an der Bar aufheben.

MacGyver hatte nicht zuviel versprochen. Der gedünstete Fisch fiel von den Gräten und war aromatisch gewürzt. Sam konnte sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal ein solches Mahl vorgesetzt bekommen hatte. Sie genossen schweigend. Dann bezahlte Mac und nahm sein Glas Eistee mit zur Bar. Sam gönnte sich nun ein frisch gezapfte, hawaiianisches Pils. Auch dieses Bier stand dem, was er sonst trank, in nichts nach. Sam war zufrieden. Es hatte es mal wieder geschafft, das Nützliche mit dem Angenehmen zu verbinden. Er sah sich um. Hier saßen nur Leute, die genauso glücklich zu sein schienen wie er. Hier gab es scheinbar keinen Streß. Alles war ruhig und friedlich. Manche hielten diese Inseln für das Paradies auf Erden. Da konnte schon etwas dran sein. "Woran denkst du, Sam?" - "An morgen. Ich muß morgen auf diesen Berg, um mir ein Blid davon zu machen und zu entscheiden, wo ich anfange. Kommst du mit?" Mac nippte an seinem Glas: "Ich glaube, ich lege morgen einen Strandtag ein. Mal sehen, ob ich noch halbwegs mit dem Surfbrett umgehen kann." Sam sah ihn ungläubig an: "Du wirst mir doch nicht erzählen wollen, daß du einer dieser Freaks warst?"

Plötzlich fühlte jeder der beiden eine schwere Pranke auf den Schulter. "Mein junger Freund. Dieser Mann war vor 20 Jahren auf dem Weg, einer der besten zu werden." Während Sam sich etwas erschrocken umdrehte, glitt ein breites Grinsen über Mac's Gesicht: "Das glaube ich einfach nicht. Oh, Mann. Du treibst dich immer noch hier herum. Sam, ich möchte dir einen alten Freund vorstellen." MacGyver war aufgestanden. "Der größte Meeresbiologe aller Zeiten und der größte Aufschneider, den ich kenne. Glen Kapena. Glen, das ist mein Sohn Sam." Der Fremde gab Sam die Hand. Nach diesem Händedruck glaubte Sam, seine Hand müsse ihm abfallen. Während er sie noch schüttelte, um die Durchblutung zu fördern, begrüßten sich Mac und Kapena herzlich. Kapena lud sie an seinen Tisch ein. "Ich darf euch einen alten Freund vorstellen. MacGyver und sein Sohn Sam. Mac, hier siehst du die momentane Crew der 'Aina'. Wir feiern gerade das Ende einer arbeitsreichen Woche."

Sam ließ seinen Blick in die Runde schweifen. Die Crew war genauso international wie das Völkergemisch auf Hawaii im allgemeinen: Weiße, Japaner, Koreaner, Filipinos und Hawaiianer. Aber, am eindruckvollsten war Kapena selbst. Sam schätzte ihn auf ca. 65 Jahre. Er war fast so groß wie sein Vater, nach hawaiianischen Maßstäben fast ein Riese. Sein stattlicher Körper war mit einer weißen Segeltuchhose und einem rotgeblümten Alohahemd bekleidet. Das dichte Haar war immer noch pechschwarz, seine Haut gut gebräunt. Wenn er lachte, blitzte in seinem rechten Mundwinkel ein Goldzahn. Und dieser Mann lachte gerne und laut. Kapena erzählte dieser Runde, wie MacGyver, damals noch auf Oahu, versucht hatte, die Wellen zu beherrschen. Für einen Jungen vom Land, der eigentlich lieber Ski lief und Eishockey spielte, hatte er sich erstaunlich geschickt angestellt. Er hatte ein ausgeprägtes Gleichsgewichtsgefühl bewiesen. Auch Surfen ließ sich unter physikalischen Gesichtspunkten analysieren. Druck erzeugte Gegendruck. Aber wenn man sanft durch die Wellen pflügte, ohne gegen sie anzukämpfen, ergab sich alles andere fast von selbst.

Damals hatte eine hohe Welle MacGyver in einem unbedachten Moment vom Brett geworfen. Und an der harten Korallenbank unter sich hatte er sich den Unterschenkel fast bis zu Knie aufgerissen. Sam wußte, daß MacGyver dort immer noch eine Narbe hatte, die er meist durch lange Hosen zu verdecken suchte. Für diese Saison damals waren weitere Surfausfläge gestrichen worden. Stattdessen hatte Mac sich ein anderes Betätigungsfeld gesucht. Als junger College-Absolvent auf der Suche nach dem Sinn des Lebens war er nicht wählerisch gewesen. Die meereskundliche Fakultät der Universität Hawaii hatte jemanden gesucht, der das umfangreiche Material über die unterschiedlichen Ausprägungen von Walflossen erfaßte und katalogisierte. Und Mac konnte damals das Geld gut brauchen. So konnte er einen längeren Aufenthalt finanzieren, als ursprünglich geplant war. Prof. Kapena war damals sein Chef gewesen. Und dieser hatte einen begeisterten Naturschützer und interessierten Zuhörer gefunden. Mac hatte alles Wissenswerte über Wale förmlich aufgesaugt. Und das Highlight seines Aufenthalts war eine dreitägige Fahrt mit dem Forschungsschiff der Fakultät zu den Buchten, in denen die Wale kalbten.

Es war ein imposantes Schauspiel gewesen, und Mac dachte gerne daran zurück. Diese sanften Riesen, die sich elegant durchs Wasser schoben, in Gemeinschaft jagten und mit hohen Luftsprüngen immer wieder Wasserfontänen aufsteigen ließen. Fast hatte es Mac leid getan, als Harry ihn anrief und ihm sagte, seine Bewerbung beim Geheimdienst sein angenommen worden. Er müsse zurückkommen. Auch Prof. Kapena hatte alles versucht, um ihn zu halten. Aber es war ihm nicht gelungen. Dafür hatten sie sich ca. zehn Jahre später noch einmal wiedergetroffen. Mac hatte gerade zur Foundation gewechselt. Und Glen Kapena hatte als Koriphähe in seinem Forschungsgebiet ein Gutachten zum Artenschutz von Buckelwalen für die Foundation erstellt. Kapena hatte es damals persönlich nach LA gebracht, und im Foyer der Foundation waren sie aufeinander getroffen. Damals hatte Mac versprochen, mal wieder bei Kapena vorbeizuschauen, aber immer war etwas dazwischen gekommen, oder sie hatten einander verpaßt, wenn Mac mal für einen Kurzurlaub auf den Inseln war.

Beide hatten einander viel zu erzählen, und der Abend verging wie im Fluge. Kapena war nicht mehr für die Universität tätig. Er hatte hier auf Maui seine eigene Forschungsstation gegründet. Sie wurde vom Staat Hawaii gefördert. Kapena war ein geachteter Mann, und niemand schien es zu wagen, sich ihm in den Weg zu stellen. Dann berichtete Mac von den Veränderungen in seinem beruflichen Umfeld. Und sofort begann Kapena wieder, Mac zu überreden, hier auf Hawaii zu bleiben. Aber Mac winkte lachend ab. Selbst der Hinweis auf Schnee im Winter am Mauna Loa auf der Großen Insel konnte ihn nicht erweichen. Dafür liebte er den Wintersport viel zu sehr. Und nichts ging über ein gutes Eishockey-Spiel: live, im Eisstadion und nicht über Satellit im Fernsehen.

Sam war zunächst der Unterhaltung noch sehr interessiert gefolgt. Aber je später der Abend wurde, um so müder wurde er auch. Das Bier tat ein übriges dazu. Zuletzt saßen sie nur noch zu dritt am Tisch. Die restlichen Crew-Mitglieder von Kapenas Schiff hatten sich schon zurückgezogen. Sie fuhren über das Wochenende zu ihren Familien heim. Sam tippte Mac an die Schulter: "Entschuldige, Dad. Aber ich muß morgen zeitig aufstehen. Schließlich soll ich hier einen Job erledigen." Mac blickte auf die Armbanduhr. "Oh, Mann. Schon so spät? Okay, laß uns fahren. Dieses Mal bin ich für vier Wochen hier, Glen. Wir sehen uns noch. Ich würde mal gerne deine Station sehen." - "Das läßt sich machen. Ich schicke dir morgen einen Wagen vorbei. Wo wohnt ihr doch gleich?" Mac schob ihm einen Bierdeckel mit der Anschrift des Strandhauses zu. "Also, wir sehen uns." Dann wollte Mac sein Portemonnaie zücken, aber Kapena winkte ab. "Willst du mich beleidigen? Ihr seid hier meine Gäste. Das versteht sich doch von selbst." - "Was soll ich dazu anderes sagen als: Mahalo." Sie drückten sich nochmals die Hand. Dann gingen Mac und Sam zurück zu ihrem Wagen. Die Sonne war schon längst verschwunden. Und der Mond wurde von dichten Wolken verdeckt. Es war gespenstisch leer geworden in den Straßen. Mac fuhr den Wagen zurück nach Olowalu. Der warme Fahrtwind strich sanft durch sein Haar. Die Straße führte an der Küste entlang. Man konnte hören, wie die Wellen an den Strand schlugen. Am Horizont schob sich auf dem Meer ein großer Tanker vorbei.

Sam bekam von alledem nichts mit. Er hatte seinen Kopf in die Armbeuge gelegt und schien zu schlafen. Am Strandhaus ruckte MacGyver an Sams Schulter. Und Sam stand auf, tappte schlaftrunken auf sein Zimmer und fiel, so wie er war, ins Bett. Mac setzte sich noch etwas nach draußen auf die Veranda. Auch hier war das Wellenrauschen deutlich wahrzunehmen. Und der Wind strich um das Haus. Mac konnte spüren, wie sich sein Herzschlag auf diesen Rhythmus hin ausrichtete. Er fühlte sich frei und unbeschwert. Der Stress der letzten Tage war wie weggeblasen. Vier Wochen in diesem Paradies kamen ihm vor wie eine Ewigkeit. Aloha Hawaii.
 

-2-

In der Nacht hatte es Regenschauer gegeben. Aber auf dieser Seite der Insel hielt sich Feuchtigkeit nicht lange. Die Sonne ging in diesen Breiten so schnell auf, wie sie am Abend zuvor untergegangen war, und die Wärme ließ die Feuchtigkeit verdunsten. Über den Zuckerrohrfeldern vor den Bergen hingen noch Dunstschleier, aber sie verschwanden schnell. Nach einem ausgiebigen Frühstück sah sich Sam die Karte der Insel an. Olowalu befand sich an der dem Regen abgewandten Seite, im Westen der Insel. Die West-Maui-Mountains schirmten die Westküste gegen Regenwolken ab, die vom Festland über das Meer getrieben wurden. Der höchste Punkt dieser Berge war der Puu Kukui mit 1.764 Metern Höhe. Den gesamten Ostteil der Insel bedeckte das Haleakala-Massiv. Dazwischen lag die fruchtbare Ebene, in der das Zuckerrohr angebaut wurde, das vor vielen Jahrzehnten Hawaii ein Monopol beschert hatte. In der Zwischenzeit sprach niemand mehr vom Zuckerrohr. Touristen waren zur Haupteinnahmequelle geworden. Und vom vulkanologischen Standpunkt aus gesehen, war Maui sicher. Den letzten Lava-Fluß auf Maui hatte es 1790 gegeben. Man hatte das Kratergebiet des Haleakala zum National Park erklärt. Die Universität von Hawaii unterhielt hier eine Agronomische Station. Und auf dem Gipfel des Puu Ulaula, in 3055 Meter Höhe, befand sich Science City, eine Astronomie-Forschungsstation. Hier wurde mit großen Satellitenschüsseln der Weltraum nach Signalen abgesucht.

Sam beschloß, sich zunächst einmal das Visitor Center in der Nähe des Gipfels anzusehen. Er wollten mit den Rangern sprechen, um Vorbehalte gegen sein Projekt von vornherein auszuschließen. Sam trug knöchelhohe Turnschuhe als Ersatz für Wanderschuhe. Neben seine Kameraausrüstung hatte er außerdem ein Fernglas dabei. Eine langärmelige Jacke vervollständigte seine Ausrüstung. Er verstaute alles auf der Rückbank des Cabriolets und sprang hinein. Er hupte zum Abschied und lenkte den Wagen vorsichtig über die Schotterstrecke hinauf zur Hauptstraße. Gerade, als er abbog, setzte ein Wagen, der aus Richtung Maalaea kam, den Blinker und bog in die Straße, aus der Sam gekommen war. An der Seite trug der Wagen ein Enblem mit einer großen Walfinne. Der Wagen hielt seitlich vor dem Haus. Eine rothaarige Frau stieg aus.

Ihr Alter war schlecht zu schätzen. Sie mochte so etwas um die 35 Jahre alt sein. Die roten Haare trug sie zum Zopf geflochten. Sie hatte ihre Sonnenbrille auf die Haare geschoben und sah sich um. Die Tür zum Strandhaus stand offen. Sie ging hin und klopfte an den Rahmen der Tür: "Hallo, ist jemand da?" Keine Antwort. Sie sah sich drinnen flüchtig um und trat dann wieder vor das Haus. Ihr Blick schweifte über den Strand. Und sie sah jemanden am Wasser stehen. Sie ging die Böschung hinunter und beobachtete, wie der Mann sich bückte und etwas aufhob. "Diese Korallenart kommt hier besonders oft vor. Hexacorallia. Viele Touristen sind unachtsam, wenn sie tauchen. Sie beschädigen die Riffe, und das Meer spült die abgeknickten Äste an Land." MacGyver sah sich um. Er war in Gedanken versunken gewesen und hatte nicht gehört, daß sich von hinten jemand genähert hatte. Er betrachtete aufmerksam seine Gesprächspartnerin. Sie trug eine champagnerfarbene Seidenbluse und eine beige Hose. Eine Muschelkette schmückte ihren Hals. Sie streckte ihm die Hand entgegen: "Ich vermute, sie sind MacGyver? Mein Name ist Liliuoka Nui Kapena." - "Angenehm". MacGyver war etwas verwirrt. "Sie können mich Lilian nennen. Der andere Name ist, denke ich, etwas zu umständlich für sie auszusprechen. Mein Vater schickt mich. Ich soll ihnen unsere Forschungsstation zeigen. Oder haben sie etwas anderes vor?" MacGyver schüttelt den Kopf. "Wir können sofort fahren. Ich hole nur noch ein paar Kleinigkeiten aus dem Haus." Er packte einen leichten Rucksack mit Badezeug, Sonnenmilch und Badeschlappen. Dann setzte er die Sonnenbrille auf und stieg zu Lilian in den Wagen.

Die Fahrt nach Maalaea dauerte nicht lange. Auf der anderen Seite des Sportboothafens war für die Forschungsstation ein weites Areal zur Verfügung gestellt worden. Es gab hier ein Labor im Gebäude und Ausstellungsräume. Außerhalb lagen die Bassins. Sie waren zum größten Teil verwaist. Nur in einem Becken entdeckte Mac Walfontänen, die das Wasser durchbrachen. Er trat an den Rand des Beckens: "Ich dachte, die Wale ziehen erst in ein paar Wochen wieder hierher zurück. Oder ist dies ein Tier, das in Gefangenschaft geboren wurde und ausgewildert werden soll?" Lilian strich sich eine Strähne aus dem Gesicht. "Ja und nein. Die Fontäne stammt von einem Muttertier, das letzte Saison aufgrund einer Verletzung nicht von hier fortkam. Wir haben sie hier im Bassin durchgefüttert. Und jetzt wartet sie ungeduldig auf die Rückkehr der Herde. Es kann nicht mehr sehr lange dauern. Sie ist schon sehr unruhig. Wir wissen noch nicht, wie weit ihre Gesänge tragen. Vielleicht haben sich die Anderen schon längst akustisch bemerkbar gemacht. Auf jeden Fall hat sie ihr Baby eher bekommen als alle anderen. Das hat sie ihnen voraus. Sehen sie, dort hinten ist er." Sie zeigt auf eine aufgewühlte Stelle im Wasser. "Der Kleine darf gerade toben. Und dabei lebt er sich ziemlich aus. Deshalb ist auch soviel Seegang im Bassin. Er versucht, seiner Mutter auszukommen, aber sie hat ihn immer im Blick." Sie sahen den Walen eine Weile schweigend zu. "Kapena ist schon sehr gespannt, ob die Herde den Kleinen akzeptieren wird. Es kommt nicht oft vor, daß Wale praktisch in Gefangenschaft geboren werden. Und Buckelwale schon gar nicht."

Sie gingen weiter, vorbei an dem Bassin, über die Pier zum Leuchtturm hin. "Kommen sie mit hinauf. Von hier oben hat man einen schönen Blick über die Bucht." Mac zögerte erst, aber nur kurz. Und sie hatte Recht gehabt. Von hier oben lag einem die ganze Insel zu Füßen. Sie deutete nach draußen. "Irgendwo vor der Bucht ist zur Zeit die 'Aina' unterwegs. Sie kontrollieren die Bucht. Wenn die Wale in die Bucht kommen, wird hier alles für den Schiffsverkehr gesperrt, damit die Tiere ihre Ruhe haben und nicht verletzt werden. Hier an der Station haben wir nur kleine Boote; einige davon mit Glasboden für Beobachtungszwecke. Die anderen Boote liegen in Lahaina. Wenn die Wale in der Bucht sind, patroullieren unsere Boote ständig zwischen Lahaina und Makena, um aufdringliche Störenfriede aufzugreifen. Es gibt genug Spinner, die meinen, Verbote seien nur dazu da, um gebrochen zu werden." Mac berechnete kurz die Strecke zwischen Lahaina und Makena. Zirka 40 km Luftlinie mußten somit überwacht werden. Aber erst mußten die Wale da sein. Mac hoffte, daß dies in den nächsten Wochen der Fall war. Denn dieses atemberaubende Spektakel wollte er nicht verpassen.

Sie stiegen vom Leuchtturm herunter und gingen zurück zum Haus. "Die meiste Arbeit fällt im Moment in Lahaina an. Wir machen dort schon die Boote klar. Für alle Fälle." Lilian sah auf ihre Armbanduhr. "Gegen Mittag wollte Kapena wieder anlegen. Haben sie Lust, mich nach Lahaina zu begleiten, oder soll ich sie in Olowalu absetzen?" - "Ich würde gerne mitkommen. Lassen sie denn die Station hier ohne Aufsicht? Ich habe sonst niemanden gesehen." - "Meine Schwester Wailua führt im Moment eine Schulklasse durch die Schauräume. Und Keo Kipahulu bereitet das Essen vor für die beiden Wale." Sie zeigte auf einen Hawaiianer, der seitlich der Pier stand und Fische zerlegte. Er winkte fröhlich zu ihnen hoch. "Können wir dann?" - "Ja, gerne."

Sie fuhren die Küstenstraße zurück nach Lahaina. Lilian stellte den Wagen in der Nähe der Hauptpier ab. Hier unterhielt die Forschungsstation ebenfalls ein Büro, ein Lager und ein Dock mit Krähnen, um größere Boote ein- und auszusetzen. An einer Ecke des Docks lagen Bojen wirr durcheinander. Lilian zeigte lachend darauf. "Ja, es ist noch eine Menge zu tun." Seitlich von der Pier hatte der Kran ein Glasbodenboot aus dem Wasser gehoben. Es lag nun aufgebockt auf zwei Holzstützen. Man hatte es gereinigt, aber einige Nähte leckten nun dort, wo man die Muscheln entfernt hatte. Hier mußten die Fugen erneut ausgespritzt werden. Einer der Arbeiter, ein Koreaner, kam auf Lilian zu und schwenkte eine Spritzpistole. "Lilian, irgendein Idiot hat hier die Düse nicht saubergemacht und den Schieber verbogen. Jetzt ist die Pistole hin. Haben wir noch eine zweite im Lager?" - "Ich sehe mal nach. Entschuldigen sie, MacGyver. Die Pflicht ruft. Ich glaube, da vorne kommt Kapena herein." Sie zeigte auf die Hafeneinfahrt. "Gehen sie schon. Ich helfe mit beim Anlegen."

Kapena stand am Steuer und winkte. Die Fender waren bereits gesetzt. Die Crew der 'Aina' verstand ihr Handwerk. Kapena mußte mit dem Bug voran in der Box anlegen. Während ein Angehöriger der Crew den äußersten Boxpfosten mit einem Tau belegte, fing MacGyver an der Pier das Tau auf, das ihm zugeworfen wurde. Er legte 2 Schlingen um den Stopper, der in die Pier eingelassen war und warf das Seil zurück. Kapena war ein geübter Schiffsführer. Er ging von Bord, während die Crew noch Aufräumarbeiten vornahm. "Aloha, MacGyver. Was sagst du zu meinem Institut?" - "Sehr eindrucksvoll. Es ist alles gut in Schuß."- "Ja, alles. Bis auf einige Kleinigkeiten." Lilian war inzwischen zurückgekommen. "Es tut mir leid, Chen. Aber es ist keine Ersatzpistole mehr vorrätig. Die Arbeit wird warten müssen." Jetzt schaltete sich MacGyver ein. "Darf ich die Spritzpistole mal sehen?" Er nahm sie in die Hand und entfernte die Kartusche mit der Füllmasse. Dann zog er sein SAK heraus und stocherte mit dem Dorn in der Düse herum. Sie war hoffnungslos verstopft. MacGyver sah sich um. "Darf ich ein paar von den Sachen verwenden, die hier herumliegen?" - "Klar. Sie wollen mir doch nicht erzählen, daß sie das reparieren können?" Lilian sah ihn ungläubig an. Kapena lachte nur still in sich hinein. Er wußte, was MacGyver vollbringen konnte, wenn man ihn gewähren ließ.

Mac sprang auf das Boot und sah sich in der Kajüte um. Dann kam er mit vollen Händen zur Pier zurück. "So, dann wollen wir mal sehen. Also, wir haben zwei Probleme. Einmal die Düse und einmal der Schieber. Als Düse würde ich vorschlagen, wir nehmen die Spitze dieses Kugelschreibers." Er schraubte den Stift auseinander und plazierte die Plastikkappe vorne an der Kartusche. Dann nahm er sich die kleine Armbrust vor, die Kapena an Bord hatte, um damit Betäubungspfeile zu verschießen, wenn sie Wale markierten. Es war keine große Armbrust, sondern vielmehr eine im Pistolenformat mit dem obligatorischen Bogen vorne und der Sehne, um die Armbrust zu spannen. Statt einer Mündung hatte sie einen Schaft, der im 90 Grad-Winkel zur Sehne stand und die Pfeile führte. Mac löste die Sehne und ersetzte sie durch einen Bindfaden. Dann positionierte er die Kartusche auf dem Schaft und richtete die Kugelschreiberspitze neben dem Zielfernrohr aus. Den Rest des Stiftes verwendete er als Bolzen, der den Boden der Kartusche bewegen würde.  Er kerbte die Stifthülle mit dem Messer ein und führte den Bindfaden hindurch. Wenn man nun kontinuierlich die Länge der Schnur verkürzte, bspw. indem man einen weiteren Stift dazu benutzte, um mit Windungen die Schnur zu verdrehen, schob sich der Bolzen vor und drückte die Dichtungsmasse durch die Düse. Das Tempo konnte man selbst bestimmen. Und die neue Düse ermöglichte ein präzises Arbeiten. MacGyver probierte es an einer Naht selbst aus.

Kapena klopfte Lilian auf die Schulter. "Na, habe ich dir zuviel versprochen? Dieser Mann ist ein Zauberer." Mac richtete sich auf und drückte dem Koreaner das Gerät in die Hand. "Du übertreibst mal wieder maßlos. Das war doch nichts." - "Ja, das stimmt. Da hast du noch ganz andere Sachen auf Lager. Willst Du nicht für mich arbeiten, solange du hier bist? Ich könnte dich gut brauchen." Mac lachte. "Das würde mich schon reizen. Seit damals lieben mir Wale besonders am Herzen. Aber ich muß mich erst mit Sam abstimmen." - "Wo ist denn dein Sohn?" - "Der ist heute morgen rauf zum Haleakala Krater gefahren. Wegen seiner Photoreportage. Sam hat ein besonderes Auge für außergewöhnliche Motive. Wir wollten eigentlich eine mehrtägige Wanderung durch den National Park machen. Es ist nur die Frage, wann die Ranger uns das OK dafür geben." - "Ich kenne den Verantwortlichen dort ganz gut. Ich schlage dir ein Geschäft vor: Ich beschaffe euch die nötigen Genehmigungen, und ihr helft mir hinterher auf der Station." - "Von meiner Seite aus geht das klar. Sam solltest du selbst fragen." - "Okay. Kommt doch heute abend zu uns zum Essen. Es ist ein großes Luau am Strand in Maalaea geplant. Ihr werdet unsere Ehrengäste sein." - "Na gut. Wann sollen wir denn dort sein?" Kapena sah auf die Uhr. "Jetzt ist es 03.00 p.m. Seid so gegen 8.00 pm am Strand. Lilian fährt dich jetzt zurück. Schließlich hast du ja Urlaub." - "Noch", frotzelte MacGyver, lachte und drückte Kapenas Hand.

Nach kurzer Zeit hielt Lilian wieder in Olowalu an der Hauptstraße. "Danke für's Bringen." - "Kein Ursache. Ich muß sowieso zurück zum Institut. Es gibt dort noch einiges vorzubereiten für heute abend." Mac sah ihr noch nach, als sie weiterfuhr. Dann ging er zum Strandhaus hinunter. Sein Badezeug hatte er nicht gebraucht. Also stieg er jetzt in die Badehose und ging zum Wasser. Die Wellen waren hier nicht stark, aber es gab eine ständige Unterströmung, die einem die Füße wegzog, wenn man nicht aufpasste. Entlang der Bucht war der Strand mit schwarzem Sand bedeckt. Lava, die das Meer kleingemahlen hatte und an den Strand spülte. Im Wasser konnte man die Hitze des Nachmittags ertragen. MacGyver schwamm ein paar Mal auf und ab und ging dann zum Haus zurück. Die Idee, Kapena etwas zur Hand zu gehen, gefiel ihm. Er trocknete sich ab und zog wieder die Bermudas und das Shirt an. Das Verandadach des Strandhauses warf genug Schatten. Und er machte es sich auf der Liege bequem, ein Glas Eistee in Reichweite.

Gegen 5.00 pm kam Sam zurück. Er hatte sich ausgiebig im Visitor Center des National Parks umgesehen und bereits an Ort und Stelle zwei Filme belichtet. Es war restlos begeistert von dieser Gegend. Motive gab es hier en masse. Dies war ein Job, den er leicht erledigen konnte. MacGyver erzählte ihm von Kapenas Angebot und der Einladung zum hawaiianischen Festessen. Sam schmunzelte: "Weiß Kapena, daß heute dein Geburtstag ist?" Mac winkte ab: "Gott sei Dank nicht. Und es sollte unser Geheimnis bleiben." Sam schüttelte den Kopf darüber. "Stell dich nicht so an. Schließlich bist du noch ziemlich fit für dein Alter." Er duckte sich, um dem Handtuch auszuweichen, daß MacGyver nach ihm warf. "Deine Reflexe sind jedenfalls noch in Ordnung", frozelte Sam weiter. Dann brachte er sich in Sicherheit, bevor Mac noch nach einem anderen Wurfgeschoß greifen konnte.

Sam hatte es mal wieder geschafft, ihn auf die Palme zu bringen. Er wurde nicht gerne auf seinen Geburtstag angesprochen. Dann hatte er immer das Gefühl, ihn ginge etwas verloren, daß er nicht festhalten konnte. Meist war er viel zu viel damit beschäftigt, die Welt zu retten oder wenigstens ein kleines bißchen dazu beizutragen. Aber an Geburtstagen kam er schon mal ins Grübeln über den Sinn des Lebens. Dann brauchte er Abwechselung, damit es erst gar nicht so weit kam. Und das Luau am Abend versprach spannend zu werden. Es war eine Art Familienfest. Ein richtiges Luau hatte ein ganz besonderes Flair, eine Ausstrahlung, die Touristenluaus nicht hatten. Traditionelle Luaus beschworen die alten hawaiianischen Geister herauf. Es wurde dabei üppig gegessen und getrunken. Alte Geschichten wurden erzählt, gesungen oder getanzt. Und alle Generationen einer Familie nahmen daran teil. Es war eine große Ehre, zu so einem Luau eingeladen zu werden.

MacGyver war inzwischen ins Haus gegangen, um sich umzuziehen. Er trug nun eine weiße Jeans und sein Aloha-Hemd, wie es sich für ein richtiges Luau gehörte. Während er noch überlegte, ob er das Hemd in die Hose stopfen oder locker hängen lassen sollte, klopfte es an seiner Zimmertür. "Ja". Sam öffnete. "Bist du mir noch böse wegen vorhin?" MacGyver lachte. "Nein, du kennst mich doch. Und es geschieht mir ganz recht." - "Ich habe etwas für dich besorgt. Die alte Hawaiianerin hat gesagt, es bringe Glück." Sam gab ihm ein Päckchen. "Alles Gute zum Geburtstag, Dad." MacGyver drückte ihm die Hand. "Danke, Sam." Dann wickelte er das Seidenpapier auseinander. Er hielt eine kurze Kette aus Muschelplättchen in der Hand. In mühevoller Kleinarbeit hatte jemand diese Muscheln behauen und die Plättchen aufgefädelt. Einige von ihnen hatten einen rosa Farbstich. MacGyver legte sie um. Sie paßte wie angegossen und fügte sich gut in den offenen Kragen seines Hemdes ein. "Mahalo, nui loa." Sam zog die Augenbraue hoch. Mac winkte ab: "Mehr hawaiianisch kann ich auch nicht. Nur: 'danke', 'bitte' und 'hallo'. Bist du fertig? Ich glaube, wir müssen los. Wer fährt?" Sam warf ihm die Wagenschlüssel zu. "Ich hatte heute morgen schon das Vergnügen, und du bist doch kutschiert worden. Oder?" MacGyver nickte. "Also gut, du hast gewonnen." Sie bestiegen das Cabrio, und MacGyver fuhr den Weg nach Maalaea, den er bereits von seinem morgendlichen Ausflug kannte.

Er parkte den Wagen am Hafen. An einem nahen Blumenstand kaufte er eine Orchideenblüte. Sam sah ihn fragend an. "Für Kapenas Frau. Es gehört sich so." Dann gingen sie hinunter zum Strand. Sam war überrascht, wieviele Leute hier auf den Beinen waren. Der Strand war nur schmal, aber jeder fand einen Platz. Kapena eilte auf sie zu, als er sie entdeckte. Er begrüßte sie überschwenglich. Kapena stellte sie seiner Gattin vor. MacGyver reichte ihr die Hand und gab ihr die Blüte. Sie dankte ihm und steckte sie ins Haar. Sie stand auf, nahm Sam an den Händen  und führte ihn zu einer Gruppe junger Leute. Sam hatte keine Chance, sich zu wehren. Kapena dagegen bedeutete Mac, an seiner Seite Platz zu nehmen. Die Sitzordnung war gestaffelt nach Rang und Persönlichkeit. MacGyver fühlte sich geehrt. Neben dem Oberhaupt der Familie saßen noch der Erste Offizier der 'Aina', der Steuermann, Keo Kipahulu und Kapenas Tochter Lilian in dieser Gruppe.

Lilian begrüßte MacGyver freundlich, aber zurückhaltend. Die Männer der 'Aina' nickten ihm zu. MacGyvers Bastelarbeit hatte ihre Bewunderung gefunden. MacGyver sah zu Sam herüber. Kapena klopfte ihm auf die Schulter: "Dein Sohn ist in guten Händen. Die Kleine da, an seiner Seite, ist meine jüngste Tochter, Wailua. Sie kann ein bißchen anstrengend sein, aber sie ist ein nettes Mädchen. Genau, wie meine Große." Lilian stand auf: "Kapena, hör auf damit." Kapena grinste sie an. Lilian wandte sich ärgerlich ab und ging zu der Stelle, wo das Schweinefleisch und die Gemüsesorten im Erdofen schmorten. Sie begann, alles freizulegen.

Unter breiten Bananenblättern lagen Fleisch, Fisch, Gemüse und Brot nebeneinander. Kapenas Gattin, Wailua und die anderen Frauen beeilten sich, ihr zu helfen, das Essen auf große Platten zu füllen. Alles wurde auf einer am Boden liegenden Holzplanke angerichtet. Kapenas Frau gab ein Zeichen und ein alter Hawaiianer blies in eine Muschel. Das Zeichen, daß das Büfett eröffnet war. Und alle langten kräftig zu. Mac nahm sich etwas Fisch und Gemüse. Kapena stieß ihn von der Seite an: "Du ist immer noch kein Fleisch, heh? Ich habe nie verstanden, was daran falsch sein soll. Polynesier essen seit Jahrhunderten Schweinefleisch. Und - hat es geschadet?" Bevor Mac antworten konnte, hatte sich Lilian eingemischt: "Kapena, muß immer alles nach deinem Kopf gehen? Warum kannst du nicht einfach akzeptieren, daß andere Menschen auch durchaus andere Meinungen haben können?" Dann wandte sie sich zu MacGyver: "Lassen sie sich von dem alten Mann nichts gefallen. Er nimmt für sich in Anspruch, der gerechte Richter über alle Menschen zu sein. Und eines Tages werden sich die hawaiianischen Götter dafür rächen." Mac sah sie fragend an. Kapena schüttelt sich vor Lachen: "Lilian glaubt, daß Pele einmal zornig auf mich sein wird. Mach dir nichts draus. Ich entschuldige mich. Ich habe es nicht so gemeint. Ein Luau ist ein Fest, an dem es allen an nichts fehlen soll. Hauptsache, es gefällt euch." Mac nickte. Er fühlte sich wohl hier. Eine sanfte Brise strich über den Strand. Der Horizont war wolkenverhangen, und die untergehende Sonne bot ein atemberaubendes Farbenspiel.

Nach dem Essen wurden am Strand große Feuer angezündet. Musikinstrumente wurden hervorgeholt: Trommeln, Gitarren, eine Geige. MacGyver winkte Sam herüber, und Kapena teilte ihm mit, daß Anfang der Woche mit einer Genehmigung für zwei Übernachtungen im Park zu rechnen war. Sam drückte Kapena die Hand: "Ich danke ihnen vielmals. Für ihre Bemühungen und für die Einladung zu diesem Fest. Es ist toll. Wailua hat mir erzählt, wie alt diese Tradition schon ist. Wahnsinn." Kapena klopfte ihm auf die Schulter. "Warte nur ab, mein Junge. Das Bester kommt erst noch." Und er schmunzelte. Es war scheinbar ziemlich leer am Strand geworden. Die Damen brachten wohl die Essenreste weg. Plötzlich wurde die große Trommel laut geschlagen. Und mit einem Mal war die Luft voll Rhythmus. Die Feuer wurden geschürt und loderten auf. Gesang war zu hören. Die Frauen kamen zurück, eine nach der anderen, bis sie eine lange Reihe bildeten. Und dann begann der Hula.

Graziös, dem Takt folgend und kraftvoll wurde er getanzt. MacGyver wußte, daß mit jedem Hula eine Geschichte erzählt wurde. Diese mußte etwas mit Wasser zu tun haben. Meist wurden alte Legenden tänzerisch dargestellt. Jede der Frauen trug einen Rock aus unzähligen aufgefädelten großen grünen Blättern. Im Haar hatten sie Blüten und um den Hals trugen sie blütenreiche Leis. MacGyver sah zu Sam herüber. Dieser beobachtete das Ganze mit glänzenden Augen. Inmitten der Reihe hatte MacGyver Wailua entdeckt. Sie trug eine weiße Blüte im schwarzen Haar. Neben ihr befand sich Lilian. Auch ihr schien der Hula im Blut zu stecken, obwohl sie sich im Äußeren von Wailua unterschied und zwar nicht nur in der Haarfarbe. Ihr rotes Haar war nun offen und floss in langen Strähnen über ihren Rücken. Wenn das Licht des Feuers darauf fiel, sah es aus wie Lava. Kapena beobachtete, wie MacGyver Lilian beobachtete. Er raunte ihm zu: "Sie ist eine gute Tänzerin, nicht wahr?" MacGyver nickte. "Wenn du willst, kann Lilian euch ein bißchen die Insel zeigen. Ich frage sie gerne." - "Das möchte ich, glaube ich, lieber selbst machen." Kapena lachte: "Du hast dich nicht verändert." Mac sah ihn von der Seite her an. "Wie meinst du das?" - "Das erkläre ich dir später. Jetzt solltest du erst mal aufpassen. Nun kommt das Beste am ganzen Hula."

Die tanzenden Mädchen und Frauen näherten sich langsam den sitzenden Männern. Die Musik wurde immer leiser und langsamer; dann verstummte sie ganz. Jede Tänzerin nahm ihren Lei vom Hals und hängte ihn ihrem Partner über. Dann folgte ein Kuß. Kapena bekam den Lei seiner Frau. Er nahm sie in den Arm und drückte sie kräftig. Wailua hatte sich Sam ausgesucht. Sie tanzte herausfordernd auf ihn zu. Sam schien die ganze Prozedur zu genießen. Bei Mac und Lilian was es etwas anders. Ihr Kuß kam nur zögerlich. Dann wandte sie sich sofort ab. Mac kam erst gar nicht dazu, sich zu wundern, denn die Vorführungen gingen sofort weiter. Jetzt war der Männerhula dran. Mac und Sam hatte Mühe, den Gastgeber zu überzeugen, daß sie doch nur zusehen wollten. Auch die jungen Männer trugen Blätterröcke über den Shorts. Ihre sonnengebräunten Oberkörper glänzten im Feuerschein. Der Männerhula war insgesamt ausdrucksstärker und kraftvoller als der der Frauen. Die Männer erzählten im Hula von der schweren Arbeit beim Fischfang, vom Hüttenbauen und Jagen. Im Hula hatten sich die klassischen Clischées bewahrt. Sam und Wailua schienen sich ganz gut zu verstehen. Wailua weihte Sam in einige Bewegungsabläufe beim Hula ein.

Später am Abend wurde es kühler. Mac ging zum Wagen, um seinen Sweater zu holen. Als er zurückkam, entdeckte er eine Gestalt am Walbecken. Eine Person kniete am Beckenrand und streichelte die Walmutter über die seepockenbesetzte runde Nase. Beim Näherkommen erkannte Mac, daß es sich um Lilian handelte. Sie sprach sanft mit dem Tier. Ihr Hawaiianisch klang melodisch und weich. Sie schreckte etwas hoch, als sie merkte, daß sie nicht länger alleine war. Mac hockte sich an den Beckenrand. "Ich wollte sie nicht erschrecken. Tut mir leid." - "Ich - hatte nicht damit gerechnet, daß jemand hier herauskommt." Dann schwiegen sie wieder. Mac zögerte. Schließlich mußte es einen Grund für ihr Verhalten geben. "Lilian. Wenn ihnen meine Gegenwart unangenehm ist, müssen sie es nur sagen. Dann gehe ich wieder." - "Nein. Ich meine, bleiben sie ruhig. Ich bin nur kein guter Gesellschafter." - "Ich fand den Tag heute in ihrer Gesellschaft sehr angenehm." - Nehmen sie es mir nicht übel, aber - das war dienstlich. Kapena hat es gewünscht." - "Sie nennen ihn nicht 'Vater' oder 'Dad', im Gegensatz zu Wailua?" Lilian schüttelte den Kopf. "Früher einmal. Jetzt bringe ich es nicht mehr über die Lippen." - "Ich vermute, er hat sie adoptiert." Sie antwortete nicht darauf. "Ich kann verstehen, wenn sie nicht darüber sprechen möchten." - "Warum eigentlich nicht. Vorher geben sie ja doch keine Ruhe. Bevor es ihnen jemand anderes erzählt, kann ich es auch selbst tun.

Kapena hat versucht, mich hawaiianisch zu erziehen, und innerlich fühle ich mich wie eine Eingeborene. Aber schon allein äußerlich werde ich es nie richtig sein." Sie schob ihre Haare von der einen Seite auf die andere. "Mein leiblicher Vater war Geschäftsführer der Hilo National Bank. Kapena war damals unser Nachbar. Kurz nach meiner Geburt brach der Kilauea Iki aus. Die dünnflüssige Lava ergoß sich quer über die Insel bis ans Meer. Es soll ein breiter Strom gewesen sein. Unser Haus stand eigentlich abseits vom Lavastrom. Es hieß, es bestünde keine Gefahr für die Anwohner.

Mein Vater stand mit Kapena vor dem Haus und beobachtete das Spektakel. Mutter war mit mir im Haus. Sie war noch zu schwach von der Geburt. Dann zweigte plötzlich ein Teil der Lava ab und ergoß sich in Richtung unseres Hauses. Vater rannte hinein, um seine Familie zu retten. Als erstes nahm er mich und drückte mich Kapena in die Arme. Dann rannte er zurück, um meine Mutter zu holen. Aber sie haben es nicht mehr geschafft. Das Haus fing Feuer und die Lava hat es weggespült. Sie sind verbrannt." Lilian schluckte. Ihre Augen waren feucht. Dann redete sie weiter. "Meine Mutter war auch Waise, und die Eltern meines Vaters konnten keinen Säugling gebrauchen. Aber Kapena hat sich erbarmt. Er hat mir das Waisenhaus erspart, mich adoptiert und wie sein eigenes Kind aufgezogen. Meine Eltern kenne ich nur von ein paar alten Fotos, die mir Kapena gezeigt hat, als ich alt genug war. Er hat alles über das Unglück aufgehoben." Sie sah aufs Meer hinaus. "Manchmal frage ich mich, wo ich jetzt wäre, wenn sich alles normal entwickelt hätte." - "Waren sie schon einmal auf dem Festland?" Sie nickte. "Ja. Ich bin dort aufs College gegangen. Mit der Lebensversicherung meines Vaters hat Kapena mir das Studium der Meereskunde in Brandeis, Mass. finanziert. Es war ganz nett dort. Aber es hat mich wieder zurück nach Hawaii gezogen."

Mac merkte, daß sie das Wort 'zuhause' bewußt zu vermeiden suchte. "Mein Dilemma ist: ich hasse und ich liebe diese Inseln. Einerseits haben sie mir das Liebste genommen, daß ein Mensch haben kann; andererseits fühle ich mich hier frei. Man muß halt lernen, mit der Gefahr zu leben, und man sollte Pele nicht unterschätzen." Sie deutete auf das Gebirge am Horizont. "Pele wacht dort über ihre Inseln, und so sehr ich es versuche, ich kann ihr nicht verzeihen. Und dafür straft sie mich." Mac kannte die hawaiianischen Mythologien über die Feuergöttin Pele, die aus dem Meer auferstanden war und die Inseln erschuf. Zusammen mit dem Wind und den Wellen regierte sie das Land. Jedenfalls hatten die ersten Polynesier daran geglaubt; und es wurde weiter und weiter überliefert.

Der Wal hatte in der Zwischenzeit genug Streicheleinheiten bekommen und begab sich in den tieferen Teil des Beckens. Lilian stand auf. "Ich glaube, ich muß ihnen noch etwas erklären. Kapena hat mir gesagt, sie lassen niemanden emotional an sich heran, weil sie glauben, daß sie Menschen, die ihnen nahestehen, Unglück bringen. Mir geht es genauso. Ich finde sie nett. Sie haben mich beeindruckt. Aber ich möchte sie nicht gefährden. Deshalb sollten wir alles so lassen, wie es ist." Dann ließ sie Mac stehen. Er blieb zurück. Das mußte er erst mal verdauen. Pete und Harry waren ja früher schon immer sehr direkt gewesen, aber das schlug sie bei weitem. Nachdenklich  ging er zu Kapena zurück. Viele am Strand waren schon nach Hause aufgebrochen. Sam alberte mit Wailua herum. Lilian war nirgendwo zu sehen.

Kapena sah Mac erwartungsvoll an: "Na, habt ihr einen Strandspaziergang gemacht?" Aber Mac war jetzt nicht in der Stimmung zu flachsen. "Was hast du Lilian von mir erzählt?" - "Nichts besonderes. Aber ihr habt so viel gemein. Und ihr habt beide eure Eltern verloren." - "Als ob das ein Kriterium ist. Das haben viele andere auch. Und im Gegensatz zu mir ist sie in einer intakten Familie aufgewachsen." - "Laß das nicht deinen Großvater hören." - "Ach, was. Laß Harry aus dem Spiel." Mac wurde ärgerlich. Kapena versuchte ihn zu beschwichtigen: "Ich kenne dieses Mädchen, seit sie klein ist. Ich weiß, was sie denkt. Ich habe gesehen, wie Du sie ansiehst. Und sie mag dich ebenfalls. Aber sie wird es dir nicht zeigen." Mac zog die Augenbraue hoch: "Wenn ich geahnt hätte, daß du mich verkuppeln willst, hätte ich deine Einladung erst gar nicht angenommen." Kapena lachte. "Das kannst du jemand anderem erzählen, aber nicht mir. Und mein Angebot gilt noch. Wenn du mit rausfahren willst, du bist jederzeit willkommen. Komm, stell dich nicht so an. Das gehört zum Leben dazu." Mac winkte ab. Er verabschiedete sich von Kapenas Frau und dankte ihr für das gelungene Fest. Dann winkte er Sam zu, und sie gingen zum Wagen. Sam war gut drauf. Der Maitai hatte ihn voll im Griff. Er schwärmte von Wailua. Seine Finger spielten mit dem Blüten des Leis. Mac enthielt sich eines Kommentars. Er dachte über Kapenas Worte nach. Es war nicht wahr, daß er niemanden an sich heran ließ. Dafür war Sam der beste Beweis. Es war nur immer etwas dazwischen gekommen. Es hatte sich halt einfach nicht ergeben. Aber bei Lilian schien das Problem tiefer zu sitzen. Es kam ihm so vor, als sollte ihr Verhalten eine Art Opfer sein. Es mußte dafür einen Grund geben. Vielleicht würde sich ja eine Gelegenheit ergeben, der Sache auf den Grund zu gehen. Ihr Verhalten hatte ihn neugierig gemacht.
 

- 3 -

Mac und Sam verschliefen fast den ganzen nächsten Morgen. Schließlich weckte sie das schrille Läuten des Telefons. Sam war als erster am Hörer. "Ja? Oh, hey? Was ist? Ja, gerne. Geht klar. Ich warte." E legte auf und strahlte über das ganze Gesicht. "Das war Wailua. Sie hat heute frei und zeigt mir die Insel. Wir fahren zum Baden nach Makena. Sie holt mich gleich ab." - "Kein Problem. Hauptsache, du vergißt deinen Job nicht." - "Keine Sorge. Ich dachte, ich lege heute noch mal einen Erholungstag ein. Dafür wollte ich morgen ganz früh zum Krater, um den Sonnenaufgang im Bild festzuhalten. Hast du Lust mitzukommen?" Mac überlegte. "Ja, mal sehen. Wir sprechen morgen noch mal darüber. Ich werde wohl gleich nach Lahaina fahren und mir Kapenas Boot ansehen." - "Wailua hat gesagt, ihr Vater führe nachmittags zum Fischen raus. Vielleicht sollest du dich beeilen?"

Das ließ sich Mac nicht zweimal sagen. Noch bevor Wailua Sam abholte, hatte er sich angezogen, eine Kleinigkeit gefrühstückt und war mit dem Wagen nach Lahaina unterwegs. Als er den Hafen erreichte, war Kapena gerade damit beschäftigt, sein Boot klarzumachen. Es handelte sich um eine kleine hochseetüchtige Motoryacht, die er allein für private Fahrten benutzte. Kapena freute sich sich sichtlich, als er MacGyver sah. Die Einladung zum Fischen ließ nicht lange auf sich warten. Er drückte Mac sogar den Schlüssel in die Hand. "Heute bist du der Steuermann. Ich zeige dir meine Lieblingsbucht bei Kahoolawe." Mac nickte ihm zu. Er orientierte sich kurz im Cockpit des Bootes und startete dann den Motor. Auf sein Zeichen warf Kapena die Heckleine los. Das Einlegen des Vorwärtsgangs bewirkte, daß sich das Boot mit dem Heck vom Steg fortschob. Kapena löste nun auch die Bugleine und nahm die Fender herein. Kurzer Gegenschub stoppte dann die Bewegung des Bootes und schob es vollständig vom Steg weg. Mac lenkte das Boot souverän aus dem dichten Gewühl im Hafen heraus.

Als sie die Ansteuerungstonne passierten, deutete Kapena nach Süden. Mac drehte das Steuerrad, bis Kurs 180 Grad anlag. Er genoß die Fahrt. Die schmale Yacht schob sich leicht durch die Wellen. Es war fast windstill. Nur ein breites Wolkenband lag über dem Horizont. Kapena übernahm zwischenzeitlich das Steuer, damit MacGyver sich einölen konnte. Die Sonne war in diesen Breiten ein gefährlicher Verbündeter des Wassers. Ihre Fahrt dauerte ca. 30 Minuten. Es war einfach, nach Sicht zu steuern. Kapena bat MacGyver, Kahoolawe westlich zu passieren. Hinter Kealaikahiki Pt. lag dann die Bucht, von der Kapena gesprochen hatte. Sie gingen vor Anker.

Während Kapena die Angelausrüstung vorbereitete, beschloß MacGyver, ein kurzes Bad zu nehmen. Er legte Sonnenbrille und Kleidung ab, bis auf die Badeshorts, und tauchte mit einem eleganten Kopfsprung ins Wasser ein. Die Gewässer vor Hawaii waren glasklar und hatten einen relativ hohen Salzgehalt. Während in flachen Buchten das Wasser leicht zu warm wurde, um erfrischend zu wirken, hatte das Wasser weiter außerhalb eine angenehme Temperatur. Mac schwamm mit kräftigen Zügen ein paar Mal hin und her. Dann kam er zum Boot zurück und zog sich über die Badetreppe auf das Sonnendeck hoch. Mittels einer Schlauchverbindung zum Frischwassertank spülte er das Salz von seiner Haut. Dann rubbelte er sich trocken.

Kapena drückte ihm eine Angel in die Hand, und sie warfen die Köder aus. Eine Weile sprach niemand ein Wort. Dann begann Kapena zu berichten: "Ich habe heute morgen mit der Parkverwaltung gesprochen. Sie sagen, sie lassen momentan niemanden in den Park hinein, weil ein Sturm aufzieht. Dort." Er deutete auf den Horizont. "Das werden die ersten Ausläufer sein. Bevor sie nicht wissen, wie stark er wird und in welche Richtung er letztendlich zieht, ist das Gebiet tabu. Es gibt dort keine Gelegenheit, sich in Sicherheit zu bringen. Und das Wetter hier kann sehr launisch sein." Mac nickte. Es gab Berichte über Hurrikans, die erst in letzter Minute abgedreht hatten. Und so sehr Meteorologen sich auch damit beschäftigten, so ganz präzise bekamen sie es nicht in den Griff. Und auch schon Sturmausläufer konnten auf den Inseln eine Menge Schaden anrichten.

Kapena fuhr fort: "Ich wollte dich fragen, ob du mir in Lahaina etwas zur Hand gehen kannst. Du kannst von uns einen Wagen bekommen und wirst verpflegt. Lilian ist eine gute Köchin." - "Laß das doch. Ich dachte, du wolltest damit aufhören." MacGyver fuhr nach einer kleinen Weile fort: "Kann es sein, daß Lilian unter Verfolgungswahn oder etwas anderem leidet? Wenn das so ist, dann braucht sie einen Psychologen oder so etwas ähnliches. Du weißt ganz genau, ich bin kein Therapeut." Er warf die Angel, die er soeben eingeholt hatte, erneut aus. "Lilian ist nicht krank, wenn du das meinst. Es hat etwas mit der Kultur dieser Inseln zu tun. Es gibt eine Legende, in der eine Frau mit flammenden Haaren die Inseln ins Verderben stürzt. Sie erzürnt Pele, und Pele zerstört alles, was sie liebt. Lilian glaubt, sie wäre diese Frau. Sie läßt sich nicht davon abbringen. Und sie führt Beweise an: ihre Eltern - und einen jungen Mann aus Brandeis, den sie sehr mochte. Es ist beim Herumalbern mit ihr vom Steg des Forschungsinstituts auf das Deck eine Bootes gefallen und hat nur überlebt, weil gerade ein Ärztekongreß im nahen Tagesgebäude stattfand und ihm sofort geholfen werden konnte. Ich war froh, dich zu treffen, weil ich dachte, du kannst dich am ehesten von uns allen in sie hineinversetzen. Ich konnte ja nicht ahnen, daß Lilian dich mag. Dann ist sie gnadenlos kalt. Ich habe das schon einmal erlebt; da hat sie einen meiner Praktikanten förmlich hinausgeekelt. Wenn sie meint, daß ihr jemand gefährlich werden kann, zieht sie die Scheuklappen auf."

Mac hatte die ganze Zeit aufmerksam zugehört. Die Phoenix-Foundation beschäftigte auch Psychologen und Psychoanalytiker, die sich mit Traumforschung oder Erscheinungen beschäftigten. Aber das jemand so hartnäckig glaubte, das personifizierte Schicksal zu sein, das hatte er noch nicht erlebt. An einen ruhigen beschaulichen Urlaub war wohl nicht zu denken. "Okay, ich kann es ja versuchen. Ich wollte mit Sam morgen früh zum Sonnenaufgang zum Haus der Sonne. Vielleicht sollte Lilian uns begleiten
 

Harry

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No ka oi kukua!
« Antwort #1 am: 16. November 2005, 18:15:55 »
2. Kapitel:


Mac rieb sich verschlafen die Augen. Es war wirklich noch verdammt früh. Und kühl war es zudem auch noch. Er stand auf und ging in sein Zimmer, um sich anzuziehen. Das letzte Mal, daß er so früh morgens am Krater war, hatte er dort oben gefroren. Das würde ihm nicht noch mal passieren. Er zog eine weite bequeme Jeans über die Shorts und einen Fleece-Pullover über das T-Shirt; außerdem griff er zu festem Schuhwerk und seiner Windjacke. Dann klopfte er bei Sam. Er stand ebenfalls fertig angezogen in der Tür. An Frühstück mochten beide so früh noch nicht denken. Sie machten ein paar Sandwiches fertig und packten für jeden ein Lunchpaket. Sam trug seine Kameraausrüstung zum Wagen. Während Mac den Provint ver-staute, schloß Sam das Verdeck des Wagens. Für eine Open-Air-Fahrt war es einfach noch zu kühl. Dann fuhren sie los. In Maalaea angekommen, sahen sie Lilian vor dem Walbesucher-zentrum stehen. Sie trug ebenfalls wärmende bequeme Kleidung. Lilian sah besorgt aus. Aber es gab kein Zurück mehr. Sam stieg aus und rutschte auf die Rückbank. Lilian nahm auf dem Beifahrersitz neben MacGyver Platz. Sie fuhren in Richtung Kahului durch die Nacht. Es wa-ren kaum Fahrzeuge unterwegs.

Sie passierten Kahului südlich und fuhren hinauf zum Gipfel. Bis zum Visitor Center war die Straße hier gut ausgebaut. Als sie den Parkplatz am Ende der Straße erreichten, fanden sie dort doch schon einige andere Wagen vor. Geschäftstüchtige Fahrradverleiher karrten in Kleinbussen Touristen nach oben, um ihnen nach dem Sonnenaufgang noch eine spektakuläre Mountainbike-Abfahrt zu bieten. Mac schüttelte darüber nur den Kopf. Es gab schon seltsame Wege, sich den Hals zu brechen. Sie würden jedenfalls mit der Rückfahrt warten, bis diese Chaoten ihre Abfahrt hinter sich hatten.

Für die Anfahrt hatten sie gute zwei Stunden benötigt. Bis die Sonne aufging, verblieb also noch etwa eine halbe Stunde. Sie beschlossen, erst einmal ein wenig zu frühstücken. Lilian lehnte es jedoch ab, etwas zu essen. Mac zuckte die Schultern dazu. Das mußte schließlich jeder selbst wissen. Hier oben in 3.000 m Höhe war es doch recht kühl. Kurz vor halb sechs half Mac Sam beim Aufstellen seiner Ausrüstung. Vom Visitor Center aus führte eine knieho-he Mauer am Parkplatz entlang. Hinter dieser Mauer fiel sofort der Hang steil ab. Vor ihm lag ein zerklüftetes Tal aus scharfkantiger Lava, das Haus der Sonne. In östlicher Richtung konnte man fast die Küste erkennen. Der Ozean war dort ein schmaler blauer Streifen am Horizont. Sam baute vor dieser Mauer sein Stativ auf und montierte seine Spiegelreflexkamera. Für die-se Sonnenaufgangphotos hatte er extra einen empfindlichen Film eingelegt. Eine zweite Ka-mera trug er am Riemen über der Schulter. Als letztes schloß Sam den Auslöser an. Er kon-trollierte den Bildaussschnitt und maß die Lux-Werte mit dem Belichtungsmesser. Danach korrigierte er kurz die Blendeneinstellung. Wenn es nach ihm ginge, konnte es jetzt losgehen. Und die Sonne ließ sich nicht lange bitten. Man nannte den Krater nicht umsonst 'das Haus der Sonne'. Ein orangefarbener Feuerball schob sich hinter den zerklüfteten Felswänden her-vor und füllte das gesamte Tal mit einem gleißenden Licht. Mac hörte den Verschluß der Ka-mera.  Sam änderte den Bildausschnitt und drückte nochmals ab. Innerhalb von Sekunden veränderten sich die Farben der Sonnenstrahlen von orange über einen Rosaton bis hin zum goldenen Gelb. Ein paar Wölkchen am Himmel in östlicher Richtung reflektierten das Licht und warfen interessante Schatten.

Die Sonne bewegte sich relativ schnell. Jedenfalls kam es Sam so vor. Er war sehr beschäftigt damit, die ultimative Kameraeinstellung zu finden. Dann war der Film in der Stativkamera belichtet, und Sam nahm die andere Kamera vor. Jetzt konzentrierte er sich mehr auf das, was ihn umgab: die Leute, die ebenfalls den Sonnenaufgang beobachteten, die metallenen Dächer von Science City, die in der Sonne gleißten und die Wolken am südlichen Horizont und an der Makena Küste. In dieser Richtung war die Bewölkung dichter. Sam fotografierte die Fahrrad-Fahrer, die sich auf ihr Abenteuer vorbereiteten. Nach Süden und Westen lag der Parkplatz praktisch in den Wolken. Sam hielt auch seinen Vater, der ein Gespräch mit dem dienstha-benden Ranger begonnen hatte,  im Bild fest. Auch Lilian entging Sams Fotografierwut nicht. Sie stand, in ihre Windjacke gehüllt, am Kraterrand und schaute gedankenversunken hinunter. Ihr rotes Haar wirkte in diesem Sonnenlicht wie Flammen. Die Touristen um Sam herum wirkten wie Eindringlinge; nicht so Lilian. So, wie sie dort stand, bildete sie eine Einheit mit der sie umgebenden Natur.

Sam gegenüber hatte MacGyver etwas angedeutet von Problemen, die Lilian mit den hawaiia-nischen Mythen hatte. Aber Sam hatte nicht genau verstanden, worum es eigentlich ging. Und es ging ihn nichts an. Nach diesem atemberaubenden Erlebnis packte Sam sein schweres Ge-rät wieder ein. In der Kamera, die er umgehängt hatte, wechselte er den Film. Er wollte sich noch etwas die Beine vertreten. Wenn man ihn schon nicht ganztags in den Park ließ, wollte er wenigstens kurzfristig etwas weiter hineingehen.

Als MacGyver sah, daß Sam mit den stationären Aufnahmen fertig war, schloß er sich  ihm an. MacGyver zog es hinauf zu Science City. Mit großen Reflektoren wurde hier das Weltall nach Signalen durchforstet. Ein schmaler Weg führte vom Parkplatz dort hinauf. Auch Lilian folgte ihnen langsam und bedächtig. Auf ihrem Weg entdeckte MacGyver unterschiedliche Lavaschichten. Sie unterschieden sich farblich: die Lavamassen waren einem ständig andau-ernden Verwitterungsprozeß ausgesetzt. Die Farbe wechselte dann von schwarz zu braun bzw. rot, je nach Mineralanteil und Alter. Sie gingen bis an den Zaun von Science City heran, sahen sich um und kehrten dann zum Parkplatz zurück. MacGyver genoß die Ausssicht und die Stille. Es bot sich ihnen ein harmonisches Bild, das vergessen ließ, daß sie sich in einen tekto-nisch instabilen Gebiet befanden. Mac verließ gedankenversunken den Weg, um bis auf eine Felsvorsprung zu gehen. Direkt darunter fiel eine Wand gerade ab, ca. 200 Mac in die Tiefe. Er vermied es, direkt nach unten zu sehen. Aber der Blick über das Tal gab ihm das Gefühl grenzenloser Freiheit.

Zu seinen Füßen hatten Flechten begonnen, einen neuen Lebensraum zu erschließen. Er bückte sich und ließ die Finger darübergleiten. Es war erstaunlich, in welch unwegsamen Ge-bieten Leben existieren konnte. Dann entdeckte er eine Türmchen, bestehend aus Lavabrok-ken. Er nahm das oberste Stückchen davon fort und wollte es gerade in die Tasche stecken, als Lilian seinen Arm ergriff. "Nein, nicht. Pele mag es nicht, wenn man ihre Opferstätten anta-stet. Nehmt niemals Lava von hier fort, oder Pele wird euch heimsuchen." Mac sah sie fragend an. "Es ist wahr; es gibt Leute, die sich die Finger verbrannten, nachdem sie Pele beraubten." Sam lachte: "Das wird doch wohl ein Zufall gewesen sein." - "Wenn sie es sagen." Lilian wurde zornig und riß Mac das Lavastück aus der Hand. Dann bückte sie sich, um es zurück-zulegen. Aber sie rutschte mit der Hand aus, und das gesamte Türmchen fiel vollständig aus-einander. Lilian stieß einen Schrei aus. Ihr Gesicht war leichenblaß. Einen Moment lang stand sie wie erstarrt. "Oh, nein", flüsterte sie. "Das ist ein böses Zeichen. Ich habe es gewußt. Ich sollte nicht hierher kommen."

Sam sah Mac fragend an. Der zuckte aber nur mit den Schultern. Lilian hatte sich in der Zwi-schenzeit wieder gefangen. Sie schichtete die Lava erneut auf und errichtete einen zweiten Turm direkt daneben. Obenauf legte sie die Blüte, die sie hinter das Ohr gesteckt trug. Sie murmelte etwas auf hawaiianisch, daß sich in Mac's Ohren wie ein Gebet anhörte. Dann drehte sie sich auf dem Absatz um und ging zurück zum Wagen: "Ich möchte bitte nach Hau-se. Bitte. Nur weg von hier." Mac gab Sam ein Zeichen, keine Fragen zu stellen. Sie stiegen ein und fuhren zurück. Während der Fahrt sprach niemand ein Wort. Lilian hielt sich krampf-haft am Türgriff fest. Sie verließ in Maalaea den Wagen ohne ein Wort und verschwand im Haus, ohne sich noch einmal unzudrehen. Sam stieg wieder nach vorne. Sie öffneten das Ver-deck des Cabrios für die Weiterfahrt nach Olowalu.

Sam war nun doch neugierig geworden. "Ich verstehe Lilian nicht. Was sollte das ganze?" Mac dachte nach. "Ich glaube, sie hat vor irgendetwas Angst. Diese Angst steckt tief in ihr drin und basiert auf den hawaiianischen Legenden. Kapena sagt, sie hält sich für den Über-bringer des Unglücks. Ich wollte sie eigentlich vom Gegenteil überzeugen. Aber, wenn es Pele wirklich gibt, dann hat sie Lilian fest im Griff." Sie stellten den Wagen vor dem Strandhaus ab und gingen eine Runde schwimmen. Eigentlich wollte MacGyver sich ablenken, aber in Ge-danken sah er immer und immer wieder Lilians blasses Gesicht und ihre weit aufgerissenen Augen, nachdem diese Opferstätte in sich zusammengebrochen war. Wenn jetzt etwas schreckliches geschah, würde Lilian sich die Schuld dafür geben. Er war Kapena keine große Hilfe gewesen. Aber wenigstens hatte er es versucht.

Nach dem erfrischenden Bad legten sie sich in die Sonne. Schließlich hatten sie etwas Schlaf nachzuholen. Gegen Mittag dann holte Wailua Sam ab. Sie wollten die Westküste entlangfah-ren. Wailua kannte dort eine geeignete Stellen zum Surfen. Mac ging ins Haus. Er schnitt sich eine Ananas auf und legte sich dann auf die Couch, um zu lesen. Aber die Müdigkeit steckte ihm noch so in den Knochen, daß er über seine Lektüre wiederum einschlief. Erst das schrille Läuten des Telefons riß ihn aus seinen Träumen. Kapena war am Apparat, und er war sehr aufgeregt. " MacGyver. Gut, daß du wenigstens da bist. Ihr müßt das Strandhaus räumen. So-fort. Kommt zu uns nach Lahaina. Dort seid ihr einigermaßen sicher." MacGyver wechselte den Hörer von der linken in die rechte Hand. "Moment mal, Kapena, nicht so hastig. Warum geht es denn überhaupt, daß du solch eine Panik verbreitest?" - "Sieh nach draußen, Mac!" Kapenas Stimme schlug fast über. Mac nahm das Telefon in die freie Hand und ging zur Terassentür. Über dem Wasser hing eine dichte Wolkenwand. Und es schien, als würde se ständig näherkommen. Der Wellengang war ziemlich hoch, und erste Böen strichen ums Haus. "Na, und. Das Wetter schlägt um." - "Mac, das Barometer ist um mehrere Bar gefallen. Die Winde flauen ab, frischen dann wieder auf und verändern ständig ihre Richtung. Sagt dir das gar nichts?" - "Doch", Mac nickte. "Es zieht ein Sturm auf." - "Ein Sturm? Wenn es nur so wäre. Der Hurrikan, den sie uns versprochen haben, kommt genau auf die Insel zu. Und es sieht nicht so aus, als ob er vorher noch abdreht. Wenn das eintritt, was ich befürchte, steht hier bald keine Palme mehr voll im Blatt. Euer Strandhaus steht zu nahe am Wasser. Pack euren Kram zusammen und komm zu unserem Haus in Lahaina. Es liegt oberhalb des Hafens in einer geschützten Mulde. Ich hoffe nur, daß Wailua und Sam rechtzeitig zurück sind. Es kann sich nur noch um Stunden handeln. Wenn du in Lahaina bist, kümmere dich um meine Frau und Lilian. Ich muß noch mal zu Dock, um die verbleibenden Boote zu sichern." - "Soll ich dir dabei helfen?" - "Nein, das schaffe ich schon. Tue bitte, worum ich dich gebeten habe." Dann legte er auf.

MacGyver fackelte nicht lange. Er stopfte seine Sachen in die Tasche und wiederholte das gleiche mit Sams Zeug. Er schloß das Cabriodach und belud den Wagen. Dann ging er noch einmal durchs Haus und verschloß alle Türen und Fenster. In einer Schublade fand er eine starke Taschenlampe, Batterien, Kerzen und ein Feuerzeug. Er packte es ebenfalls ein. Man wußte ja schließlich nie, wann man es noch mal gebrauchen konnte. Auf den Straßen herrschte Hochbetrieb. Viele Einheimische flüchteten mit ihrer Habe auf die windabgewandte Seite der Insel. Als Mac Lahaina erreichte, war es kurz vor 15.00 Uhr, aber der Himmel war fast schwarz. Kapenas Frau erwartete ihn bereits vor der Haustür. Sie wies ihm einen Platz zu, an dem er den Wagen abstellen konnte, hinter einer festen Mauer, bestehend aus betonierten Lavabrocken. Auch das Haus war von einer solchen Mauer umgeben. Man hatte bereits alles, was nicht hundertprozentig fest war, ins Haus gebracht. MacGyver trug die beiden Taschen hinein und holte dann noch seinen Rucksack und Sams Fotoausrüstung. Kapenas Frau schloß die Tür hinter ihm. Sie legte einen schweren Riegel vor. Mac sah sich um; es waren einige Leute hier versammelt, meist Familienangehörige von Kapenas Mitarbeitern. In der Not hielt man hier zusamen. Mac sah Kapenas Frau an: "Kann ich noch irgendetwas tun?" Sie nickte: "Wir müssen die Fenster noch sichern. Ich werde draußen die Läden schließen. Aber das Glas ist trotzdem bruchgefährdet." Mac griff zu einer Rolle Klebeband. "Ich werde sie von innen abkleben, damit keine Splitter herumfliegen." Er rollte lange Streifen Klebeband ab und be-gann, die Scheiben damit kreuzweise zu bekleben. Das nahm gleichzeitig auch noch die Spannung von der Scheibe. Danach konnte man nur noch warten.

Mac sah auf die Uhr. 15.30 Uhr. Er wünschte sich, daß Sam und Wailua endlich zurückkä-men. Er haßte es, auf etwas Ungewisses zu warten. In der Küche goß er zwei Gläser Milch ein. Er nippte an seinem und bot das andere Lilian an. Aber sie schob es beiseite: "Nein, dan-ke. Aber ich kann jetzt nichts trinken. Sehen sie, sie haben mir nicht geglaubt. Das ist nun Peles Rache dafür, daß wir in ihr Reich eingedrungen sind." Mac konnte darüber nur den Kopf schütteln. "Der Sturm ist seit Tagen angekündigt worden. Das hängt damit nicht zusammen." - "Doch, gewiß. Ich spüre es. Und es wird etwas Schlimmes geschehen." Sie fing hemmungslos an zu schluchzen. Mac war irritiert. Er sah Frauen nicht gerne weinen. Aber in diesem Fall wußte er nicht, wie er sich verhalten sollte. Während er noch überlegte, was er tun sollte, hörte Lilian plötzlich auf zu weinen. Sie rieb sich die Augen und warf trotzig ihr Haar zurück. "Ich glaube, ich weiß jetzt, was ich machen muß, um das Unglück abzuwenden." Sie stand auf und wollte zur Tür gehen. Doch MacGyver stellte sich davor: "Wo wollen sie hin?" - "Lassen sie mich durch! Ich will zum Strand." - "Sie gehen nirgendwo hin. Ihr Vater hat angeordnet, daß alle hier warten. Wollen sie den Märtyrer spielen? Ein Opfer für Pele?"

Sie sah ihn an und versuchte, an ihm vorbeizukommen. Aber MacGyver hielt sie an den Handgelenken fest. "Wenn sie nicht schon erwachsen wären, müßte man sie eigentlich über's Knie legen. Setzen sie sich jetzt wieder hin." Hinter ihm klopfte es an der Tür. MacGyver ließ Lilian los und entriegelte die Tür. Draußen bogen sich schon die Palmen im Wind. Man konnte die Brandung hören. Sam und Wailua hatten endlich den Weg zurück gefunden. Die Strandstraße nach Westen stand schon teilweise unter Wasser. Sie hatten den Wagen abge-stellt und waren quer durch die Zuckerrohrfelder gelaufen. Sam war verschwitzt und schmut-zig, ebenso wie Wailua. Beide waren froh, endlich ein Dach über dem Kopf zu haben. Kurz nach ihnen kamen noch einige Männer vom Dock zurück. Aber Kapena war nicht darunter. Er wollte erst sehen, daß alles gut gesichert war und niemand mehr vermißt wurde.

Sam half Mac, die Tür wieder zu verschließen. "Du glaubst nicht, wie hoch die Wellen sind. Wahrscheinlich wird der Wagen weggespült, wenn die Flut noch weiter steigt." MacGyver nickte. Das war gut möglich. Der Wind trieb das Wasser vor sich her an Land. Was der Sturm nicht mit fortriß, wurde vom Wassser fortgespült. Im Wohnzimmer hatte sich Wailua zu Lili-an gesetzt. Beide hielten sich fest umklammert. Für Wailua war es ebenfalls der erste Hurri-kan, den sie so hautnah erlebte. Das Fernsehen brachte ununterbrochen Meldungen über die Wetterlage. Verhaltensmaßregeln wurden verbreitet, und Anlaufpunkte für Schutzsuchende wurden genannt. Man sollte sich mit Lebensmitteln, Kerzen, Taschenlampen und Decken ver-sorgen. Im Hause Kapena war alles ausreichend vorhanden. Sogar ein Notstromaggregat gab es hinter dem Haus.

Plötzlich verstummte der Fernseher. Es ging nur noch ein Flimmern über den Bildschirm. Eine Windböe mußte den Sendemast erfaßt haben. Kurz darauf flackerte auch das Licht. MacGyver gab Anweisung, alle elektrischen Geräte auszuschalten und die Stecker aus den Dosen zu ziehen. Man wußte ja schließlich nie, welche Ladung noch durch die Leitung ge-schickt wurde, bevor die Stromversorgung zusammenbrach. Jetzt hockten sie also im Dunk-len, bei einigen flackernden Kerzen und warteten darauf, daß der Sturm auf das Land traf.

Sam hatte sich zu Wailua gesetzt und den Arm um sie gelegt. Sie schmiegte sich ängstlich an ihn. Ähnlich verhielten sich auch die Kinder, die anwesend waren. Sie suchten Schutz bei ihren Müttern. Selbst die Promenadenmischung eines der Dockarbeiter wich nicht von der Seite seines Herrn. Mac sah, daß Kapenas Frau immer häufiger auf die Uhr sah; sie wurde langsam unruhig. Lilian dagegen saß steif in einem Sessel, die Hände fest ineinander gekrallt. Sie starrte an die Wand, und ihre Lippen bewegten sich lautlos. MacGyver zog seine Wind-jacke an: "Ich gehe hinaus und sehe, wo Kapena bleibt." Kapenas Frau nickte ihm dankbar zu. Mac entriegelte die Tür und hastete nach draußen. Es gelang ihm nur mühsam, gegen den Wind anzukämpfen. Regen peitschte ihm ins Gesicht. Im dämmrigen Licht tastete er sich bis zur Hauptstraße vor. Dort hielt eine Streifenwagen. Der Polizist kurbelte das Fenster herunter und winkte aufgeregt: "Gehen sie zurück ins Haus. Es kann jeden Moment richtig krachen." Dann fuhren sie weiter. Mac stand einen Moment lang unschlüssig dort, als er auf der anderen Straßenseite Keo Kipahulu entdeckte. "Wo ist Glen Kapena?" brüllte er zu ihm herüber. Keo kam heran. "Ich weiß es nicht. Es war niemand mehr am Dock. Er muß wo anders untergekro-chen sein. Kommen sie schnell! Wir müssen uns beeilen." Dann eilten sie beide zum Haus zurück.

Sam war erleichtert, als er sah, daß sein Vater zurückkam. Lilian sah MacGyver an: "Wo ist Kapena?" Mac schüttelte den Kopf: "Keo sagt, am Dock ist niemand mehr. Es wird ihm schon nichts passieren." Aber er schien Lilian nicht überzeugen zu können. Sie versenkte ihr Gesicht in ihren Händen und hoffte, er würde noch zurückkommen. Aber sie warteten die ganze Nacht vergeblich.
 

-5-

Am nächsten Morgen war alles vorüber. Die Sonne schien, als wäre nichts gewesen. Der Hur-rikan hatte die Insel voll erwischt. Die Vulkankegel im Osten und Westen der Insel hatten den Wind zwischen sich kanalisiert und über die Insel hinweggeführt. Die Strandpromenade von Lahaina glich einem Trümmerfeld. Die Stelzenhäuser in der Nähe der Pier waren größtenteils zusammengebrochen und mit fortgeweht worden. Beim Pioneers Inn fehlte das halbe Dach. Das Erdgeschoß war unterspült. Zahlreiche Boote hatte der Wind auf den Strand geworfen. Die Carthaginian II lag zwar fest verankert im Dock, aber ihre Masten waren oberhalb des ersten Ausgucks abgeknickt. Die Reste baumelten an den Wanten in der Luft. Überall in den Straßen lagen Sand und hölzerne Trümmer herum. Pkws und sogar große Busse waren umge-stürzt worden. Die Lokomotive der Sugar Cane Train Company lag neben ihren Schienen in den verwüsteten Feldern. Nur ein einziger Waggon stand noch halbwegs auf den Rädern. Wenn der Wind hier solche Verwüstungen angerichtet hatte, wie würde es dann erst in Kahu-lui aussehen?

Kapenas Haus hatte hinter den Steinmauern dem Wind getrotzt. Ein paar Dachziegel waren weggeflogen, aber es waren keine Scheiben zu Bruch gegangen. MacGyver half Keo und Ka-penas Frau, die Fenster wieder frei zu machen, damit Licht ins Haus fiel. Der prachtvolle Garten, den Kapenas Frau so sorgfältig gepflegt hatte, existierte nicht mehr; der Wind hatte die hohen Bäume entlaubt und kleinere entwurzelt. Durch die Straßen fuhren Polizeiwagen, die über ihre Lautsprecher Verhaltensmaßregeln verbreiteten. Der Governeur von Hawaii hatte die Insel zum Notstandsgebiet erklärt. Touristen wurden aufgefordert, sich mit den Mi-litärhubschraubern von Kahului aus ausfliegen zu lassen. Strom- und Telefonleitungen waren größtenteils unterbrochen. Die Bevölkerung wurde aufgerufen, sich ruhig zu verhalten, zu ihren Häusern, oder was davon übrig war, zurückzukehren und bei den Aufräumarbeiten zu helfen.

Viele von Kapenas Leuten kamen dieser Aufforderung nach.  Sie wollten sehen, was von ih-rem Besitz übriggeblieben war. MacGyver sah ihnen nach. Kapenas Frau trat auf ihn zu und legte ihre Hand auf seinen Unterarm: "Bitte, helfen sie, meinen Mann zu suchen." Sie hatte Tränen in den Augen. "Ja, gewiß. Wir gehen sofort los. Bleiben sie hier bei den Mädchen. Komm, Sam. Wir gehen runter zum Dock." Sam ließ sich nicht lange bitten. Auch Keo Kipa-hulu schloß sich an. Am Dock sah es auch nicht besser aus als in der Stadt. Einige Glasboden-boote lagen zerbrochen am Strand. Die 'Aina' war eines der wenigen Boote, die den Sturm relativ unbeschadet abgewettert hatten. Sie hatte Fender und alte Autoreifen außenbords hän-gen, und man hatte ihr genügend Tau gelassen, um auf den Wellen tanzen zu können. Viele andere hatten ihre Boote vorher weggebracht, zu einer der Nachbarinseln. MacGyver und Keo nahmen die Enden auf und zogen das Boot in die Nähe des Steges. Das kostete einiges an Kraft.

Mac eilte dann unter Deck. Er hoffte, Kapena habe sich dort verschanzt. Aber er fand nieman-den vor. Als er den Niedergang wieder heraufkam, schüttelte er den Kopf: "Hier ist er jeden-falls nicht." Sam, der an der Pier gewartet hatte, deutete auf die Trümmer des Lagerschuppens. "Er wird doch wohl nicht dort drin gewesen sein?" Mac und Keo gingen ebenfalls wieder an Land. "Das will ich nicht hoffen." Keo schüttelte den Kopf. "So unvernünftig ist Kapena nicht." - "Aber nachsehen sollten wir trotzdem." Das, was einmal das Lager war, bestand jetzt nur noch aus mehreren Lagen Wellblech und Holz, durchsetzt mit Ersatzteilen für Bootsmoto-ren und sonstigem Kleinkram. Sie schoben die großen Teile soweit beiseite, wie sie konnten, aber sie fanden nichts.

Aber so einfach aufgeben wollte MacGyver dann doch nicht. Schließlich mußte er Kapenas Frau ja erzählen, was sie vorgefunden hatten. Und letztendlich gab es noch die Möglichkeit, daß Kapena auf der Carthaginian II war, der einzige Platz, wo sie noch nicht nachgesehen hatten. Sie begannen nach Kapena zu rufen. Und schließlich glaubte Mac, von irgendwo her leise seinen Name zu hören. Er blieb abrupt stehen. "Wartet mal. Ich glaube, ich habe etwas gehört." Er sah sich dort um, wo er stand. Hier lag eine Menge Wellblech herum. Der Wind hatte es in eine Ecke getrieben. Vorsichtig entfernten Mac und Sam ein paar Teile davon. Dann hielt MacGyver inne.

Er hatte in dem Chaos einen Schuh entdeckt. Einen geflochtenen Lederschuh, wie ihn Kapena getragen hatte. "Los, er muß hier drunterliegen. Beeilen wir uns." Sie begannen, systematisch die Trümmer fortzuziehen, meist nur leichtes Zeug. Aber dann verschlug es Mac fast den Atem. Der Hurrikan hatte eine der Winden, die zum Einsetzen der kleineren Boote verwendet wurden, aus der Verankerung gerissen und durch die Luft gewirbelt. Es hatte Kapena von hinten von den Beinen gerissen und ihn unter den Metallstücken begraben. Eine ziemlich schwere Last drückte auf seine Beine. MacGyver rief ihn an, aber Kapena bewegte sich nicht. Er lag auf dem Bauch, die Hände vor sich in den Boden gekrallt. "Kapena, wir werden dich hier rausholen. Los, gib uns ein Zeichen, wenn du mich verstehst." Zunächst kam keine Reak-tion, aber dann bewegten sich die Finger der rechten Hand. Kapena hielt Daumen und kleinen Finger ausgestreckt; die drei anderen waren gebeugt: "Hang loose!" Wenigstens hatte Kapena nicht seinen Humor verloren. MacGyver sah sich um; sie mußten etwas finden, womit man den schweren Eisenträger anheben konnte. Keo war zur Straße gelaufen, um jemanden von den Hilfstruppen aufzuhalten. Aber er kam bald zurück, ohne Begleitung.

MacGyver fiel ein, daß er vorhin in der Ersatzteilbaracke Wagenheber gesehen hatte. Er schickte Sam los, zwei davon zu holen. Sam beeilte sich. Aber es stellte sich heraus, daß sie praktisch wertlos waren, denn sie arbeiteten pneumatisch, und ihre Druckpatronen waren leer. Aber es lag nicht in MacGyver's Natur, so schnell aufzugeben. Auf der 'Aina' hatte er die Lun-genautomaten der Tauchausrüstungen liegen sehen. Sie waren frisch aufgeladen gewesen. Damit mußte sich doch etwas anfangen lassen. Er beeilte sich, zwei der Automaten heranzu-schaffen. Mac schraubte ein Mundstück ab und steckte den Schlauch auf den Stutzen des Wa-genhebers. Er paßte so leidlich. Dann klopfte er seine Jackentasche ab und fand noch einen Rest Klebeband. Damit klebte er die Schnittstelle ab. Sam verfuhr mit dem zweiten Lun-genautomaten genauso.

MacGyver sah zu ihm herüber. "Ist bei dir alles klar?" Sam nickte. MacGyver winkte Keo heran. "Wir versuchen jetzt, den Träger etwas anzuheben. Wenn es hoch genug ist, ziehen sie Kapena dort raus. In Ordnung?" - "Ja". Mac positionierte den Wagerheber so, daß mit mög-lichst wenig Kraftaufwand viel bewegt werden konnte. Er spürte, daß Sam ebenso angespannt war, wie er selbst. "Okay, wir sollten jetzt möglichst gleichzeitig die Ventile öffnen. Laß das Gas langsam herausströmen. Dann haben wir das Ganze besser unter Kontrolle. Wir beginnen auf 'drei'." Sam zeigte nickend, daß er verstanden hatte. Mac begann zu zählen. "Eins - zwei - drei". Dann konnte man hören, wie das Gas aus den Flaschen strömte. MacGyver kam es fast vor, als ob eine Ewigkeit verging, bis die pneumatischen Kolben der Wagenheber sich be-wegten. Kapena stöhnte, als der Träger seine Beine freigab. MacGyver rief Keo zu: "Sie müs-sen sich gleich beeilen, wenn sie ihn rausziehen. Die Kolben tragen den Träger nur, solange noch Gas in den Flaschen ist. Wenn sie entleert sind, ist es vorbei." Keo Kipahulu nickte. Ihm stand der Schweiß auf den Stirn. Er hockte hinter dem Träger, bereit, seinen Chef an den Händen dort herauszuziehen. Der Druckanzeiger an der Flasche zeigte Mac an, daß sie nun bald leer sein würde. Der Kolben des Wagenhebers war fast vollständig ausgefahren. Viel weiter würde es nicht mehr gehen. Es mußte einfach reichen. "Los", brüllte MacGyver, und Keo zog an Kapenas Armen.

Kapena war ein stattlicher Mann, und Keo Kipahulu ein schmales Bürschchen. Aber Keo war zäh. Er wußte, daß jetzt alles von ihm abhing. Als er Kapena ca. eineinhalb Meter weit gezo-gen hatte, gaben die Kolben der Wagenheber nach, und der Träger sackte nach unten. Sam hätte sich fast noch die Finger geklemmt, aber er konnte die Hand noch schnell genug weg-ziehen. MacGyver war erleichtert. Er ließ alles stehen und liegen und eilte zu Kapena. Vor-sichtig drehten sie ihn um. Kapena hatte die ganze Nacht unter diesem Träger ausgeharrt. Sei-ne Hände waren aufgeschürft, ebenso wie sein Gesicht. Seine Kleidung war durchgeweicht. MacGyver bettet seinen Kopf auf seine Jacke. "Los, Sam. Lauf zum Haus und sieh zu, daß ein Rettungswagen kommt. Er muß so schnell wie möglich in ärztliche Behandlung." Sam rannte los, so schnell er konnte. "Keo, holen sie eine Decke vom Boot. Ich habe auf der 'Aina' welche gesehen." Das ließ sich Keo nicht zweimal sagen.

Es dauerte eine ganze Weile, bis Sam zurückkam. Kapenas Familie begleitete ihn. Wailua klammerte sich weinend an den Arm der Mutter. Nur Lilian stand aufrecht und stumm, und ihr Blick schien zu sagen: "Ich habe doch gewußt, daß etwas schreckliches passiert." Dann fuhr eine Ambulanz vor. Es gab nur noch wenige auf Maui, die fahrtüchtig waren. Und diese waren pausenlos im Einsatz. Man bettete Kapenas Beine in Vakuumschienen, um zu vermei-den, daß sich die gebrochenen Knochen während des Transports weiter verschoben. Dann lud man ihn auf die Bahre und brachte ihn zum Wagen. Kapena reagierte nicht, als der Arzt ihn ansprach. Sie schloßen ihn an den Tropf an. Und man kontrollierte seine Atmung. Sie war flach, aber regelmäßig. Seine Frau durfte ihn im Rettungswagen begleiten.

Wailua ließ ihre Mutter nur ungern los, aber sie mußte sie fahren lassen. Sam nahm sie in den Arm und führte sie zum Haus zurück. Lilian stand immer noch unbeweglich am Dock und betrachtete das Trümmerfeld. MacGyver trat neben sie. "Kommen sie, Lilian. Wir fahren mit dem Wagen zum Krankenhaus." Lilian regierte nicht. "Sie haben mir nicht geglaubt, wieviel Macht Pele hat. Jetzt haben sie es mit eigenen Augen gesehen." Mac drehte Lilian zu sich um: "Hören sie auf damit, sich die Schuld zu geben. Er war einfach zur falschen Zeit am falschen Ort. Sein einziger Fehler war, daß er selbst für die Sicherheit seiner Leute sorgen wollte, und nicht auch ein wenig an sich dachte. Im übrigen war ich vor ein paar Jahren auf Big Island, als vom Halemaumau die Lava bis zum Pazifik floß. Ich kenne Peles Macht, und ich respektiere sie auch. Aber sie machen sich zu ihrer Sklavin. Und das kann es doch nicht sein, was sie wollen? Oder?"

Lilian sah ihn stumm an und wand sich dann aus seinem Griff: "Sie sind ein Haole. Sie geben nur vor, etwas zu verstehen." Dann folgte sie Sam und Wailua. Mac blieb noch für einen Au-genblick stehen. Er konnte nicht begreifen, wie jemand so verbohrt sein konnte. Er hatte das unmittelbare Bedürfnis, sich abreagieren zu müssen. Also ballte er seine Fäuste, als wollte er einen imaginären Gegner niederboxen. Aber dann hielt er inne. Gewalt hatte ihn noch nie viel weiter gebracht. Vielmehr sollte er versuchen, seine Wut in positive Energie umzuwandeln.

Als er die Straße erreichte, saßen Sam und die Frauen schon im Wagen. MacGyver setzte sich auf den Beifahrersitz. Wailua lotste Sam von der Rückbank aus nach Kahului. Lilian sagte während der ganzen Fahrt kein Wort. MacGyver schwieg ebenfalls. Seine Gedanken weilten bei Pele und der Vorstellung, wie die ganze Geschichte ausgegangen wäre, wenn der Sturm sie im Park überrascht hätte. Eigentlich sollte man gar nicht darüber nachdenken. Für Sam und ihn war es ein Glück gewesen, daß sie Kapena getroffen hatten.

Als Krankenhaus diente in Kahului eine Zeltstadt, die die National Garde in Zusammenarbeit mit dem Roten Kreuz errichtet hatte. Das ursprüngliche Krankenhaus wies eine zerstörte Fen-sterfront auf und konnte momentan nicht benutzt werden. Alle transportfähigen Kranken wur-den auf andere Inseln ausgeflogen; ebenso verfuhr man mit den Touristen, die noch auf der Insel waren. Kapena wurde ärztlich versorgt. Dann kam der Arzt zu ihnen heraus. "Ihr Mann hat viel Glück gehabt, Mrs. Kapena. Seine Beine sind zwar vielfach gebrochen, und es wird eine Weile dauern, aber es ist nicht alles verloren. Er wird wieder gehen können." Kapenas Frau standen die Tränen in den Augen. "Sobald wir ihn stabilisiert haben, fliegen wir ihn nach Oahu. Möchten sie ihn begleiten?" Seine Frau nickte. Dann sah der Arzt in die Runde. "Ist hier irgendwo ein Mr. MacGyver anwesend?" Mac trat vor: "Ja, das bin ich." - "Mr. Kapena möchte sie sehen. Er ist bei Bewußtsein. Aber bitte, nur kurz."

Mac nickte. Dann folgte er dem Arzt. Kapenas Augen waren wirklich offen. Er drehte dagar den Kopf, als er MacGyver kommen hörte. "Hallo," sagte Mac. "Du hast uns einen schönen Schrecken eingejagt." Ein Anflug von einem Lächeln glitt über Kapenas Lippen. Es war, als wolle er etwas sagen, aber MacGyver konnte es schlecht verstehen. Er beugte sich über Ka-pena, sein Ohr dicht an Kapenas Mund. "Ich wollte dir danken und dich um etwas bitten." - "Ich werde alles tun, was in meiner Macht steht." - "Die Wale! Beschütze die Wale!" Bevor MacGyver etwas antworten konnte, trat der Arzt wieder hinzu und bat ihn, die Krankenstation zu verlassen. MacGyver drückte Kapenas Hand. "Ja, ich verspreche es Dir." Dann ging er. Draußen verabschiedete er sich von Kapenas Frau. "Geben sie gut auf ihn acht. Wir werden uns um die Station kümmern." Sam nickte dazu. Dann bestiegen sie wieder den Wagen und fuhren an die Küste zurück.

Ihr Weg führte sie quer durch die Stadt. Erst jetzt wurde MacGyver das Ausmaß der Katastro-phe klar. Der Wind hatte alle oberirdisch verlaufenden Kabel mit fortgerissen. Es gab weder Strom- noch Telefonverbindungen auf der ganzen Insel. Einzig über Funk konnte man etwas erreichen. Der Governeur hatte alle offiziellen Hilfskräfte auf der Insel zusammengezogen, um die Versorgung der Bevölkerung sicherzustellen und um für Ordnung zu sorgen. Am Stadtausgang wurde der Wagen angehalten. "Darf ich mal ihre Papiere sehen?" Dagegen war nichts einzuwenden. Der Soldat überprüfte Führer- und Fahrzeugschein. "Sie fahren einen Mietwagen, und sie sind hier nicht ansässig. Alle Touristen wurden aufgefordert, die Insel zu räumen." Mac nahm seine Sonnenbrille ab. "Hören sie, wir sind nicht zum Spaß hier. Ich wurde von Glen Kapena beauftragt, während seiner Krankheit seine Forschungsstation zu unterstützen." Wailua mischte sich von hinten ein. "Ja, ich kann das bestätigen." Mac machte eine Handbewegung, die zu sagen schien: 'Na, bitte, da sehen sie es.' Der Soldat zögerte noch etwas. Aber dann gab er MacGyver die Papiere zurück. "In Ordnung, Mr. MacGyver. Wenn sie es so haben wollen. Solange sie hier niemanden von wichtigen Arbeiten abhalten, geht das klar." Mac steckte seine Papiere zurück in die Jackentasche. Er grüßte den Soldaten beim Wegfahren und reihte sich wieder in den Verkehr ein.

Der gesamte flache Mittelteil der Insel mit seinen Zuckerrohr- und Ananasfeldern war vom Sturm verwüstet worden. Es würde Jahre dauern, bis sich die Vegetation wieder von dieser Katastrophe erholen würden. Als erstes hielten sie in Maalaea. Auch hier war ziemlich viel zerstört worden. In dem Schaupavillion waren zahlreiche Scheiben zersplittert. Vitrinen waren umgeworfen und zerbrochen worden. Die Ausstellungsstücke lagen zwischen den Scherben am Boden. In einer Ecke des Raumes lagen die Knochen des Walskeletts, das unter der Decke gehangen hatte. Wailua krempelt sich die Ärmel hoch und begann, die Exponate einzusam-meln. Sam half ihr dabei. Lilian holte aus einer Abstellkammer Kartons, damit sie darin die Fundstücke sammeln konnte. Erst, wenn der Boden gereinigt und die Fenster erneuert waren, machte es Sinn, die Auslagen wieder zu ordnen.

MacGyver ging nach draußen. Der steinerne alte Leuchtturm hatte der Naturgewalt getrotzt. Auch das Bassin war noch intakt. Er vermutete, daß der Seegang bis hier herein geschwappt war. Mac beugte sich zum Beckenrand und fuhr ein paar Mal mit der Hand durchs Wasser. Der Wal ließ nicht lange auf sich warten. Bald fühlte Mac die rauhen Seepocken des Mutter-tieres zwischen seinen Fingern. Sie hatte ganz vorsichtig ihre Nase unter seine Hand gescho-ben. Mac tätschelte ihre Haut: "Na, habt ihr alles gut überstanden?" Er erhielt keine Antwort. Stattdessen öffnete sich das Atemloch des Wals und die Walkuh bliess etwas Wasser heraus. "Sie fühlt sich wohl." MacGyver drehte sich um. Lilian stand hinter ihm. "Ja, ihr und dem Kleinen geht es gut." Mac deutete aufs Wasser, wo der junge Wal ausgelassen tobte, als wäre nie etwas passiert. MacGyver stand auf. Der Wal schnaubte nochmals und schwamm dann vom Rand fort. "Wailua sollte dich gleich füttern. Ach übrigens, Keo hat uns gerade ange-funkt. Wir sollen nach Lahaina zurückkommen. Wailua hat gesagt, sie kommt hier alleine klar. Keo kann sie dann später abholen." MacGyver nickte. Lilian war jetzt der Boss hier, so-lange Kapena verhindert war.

Sie gingen zum Wagen zurück. Sam ließ Wailua nur ungerne allein zurück. Aber MacGyver vermutete, daß er in Lahaina mehr helfen konnte als hier. Sie fuhren die Küstenstraße entlang. Das Meer hatte sich wieder beruhigt und lag friedlich da, als ob nichts gewesen wäre. Der Himmel war fast wolkenfrei. Nur Äste auf der Straße und vereinzelt kleine Sandhaufen wie-sen darauf hin, daß sich doch etwas geändert hatte.

Im Hafen von Lahaina herrschte schon wieder geschäftiges Treiben. Kapenas Männer hatten erst zuhause nach dem Rechten gesehen und waren dann erschienen, um bei den Aufräumar-beiten am Dock zu helfen. Lilian sah sich im Büro und den daran angrenzenden Lager um. Vom Lager stand nicht mehr all zu viel, wie Mac bei Kapenas Rettungsaktion schon festge-stellt hatte. Das Büro stand noch, aber es lag alles wild durcheinander. Die Flutwelle, die der Wind vor sich hergetrieb, hatte das Büro halb unter Wasser gesetzt. Viele Aufzeichnungen waren bis zur Unkenntlichkeit  aufgeweicht und unwiederbringlich verloren. Lilian sah sich um: "Es gibt so viel zu tun. Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Es ist alles meine Schuld. Meine Schuld." - "Quatsch", MacGyver faßte sich in den Nacken. Jetzt ging das schon wieder los. Er konnte es langsam nicht mehr hören. "Sie steigern sich da in etwas hinein, was nicht real ist. Es ist nur Sachschaden entstanden. Niemand hat sein Leben verloren." Sie lachte hysterisch. "Ja, aber fast." - "Warum nehmen sie es nicht als Zeichen, daß alles nicht so schlimm war?" Aber Lilian hörte ihm gar nicht zu. Sie hatte die Schaltzentrale des Büros be-treten. Hier stand noch kniehoch das Wasser drin. Es lief ihr über die Füße, als sie die Tür öffnete. "Das hat gerade noch gefehlt. Das Radargerät ist hin. Ich dachte, es wäre nur die An-tenne auf dem Dach abgeknickt."

MacGyver sah sich den Schaden an. "Das wird Tage dauern, bis das alles wieder richtig läuft. Soviel Zeit wird doch wohl noch sein, oder?" Lilian überlegte. "Es könnte knapp werden. Die-se Anlage hat für uns das Meer auf Anzeichen von Walen abgesucht. Einige der Tiere haben Sender, auf die die Anlage reagiert, wenn sie in Reichweite kommen. Das Ganze ist so einge-stellt, daß wir dann genug Zeit haben, um die Absperrungen vorzubereiten. Wenn jetzt der Wind den Zug der Wale beeinflußt hat, kommen sie vielleicht eher als erwartet, und wir mer-ken es nicht." - "Also gut. Ich werde sehen, was zu retten ist, aber erst muß hier alles abtrock-nen. Sammeln sie ihre Sachen ein und sorgen sie dafür, daß der Raum gut gelüftet wird. Wi-schen sie das Wasser auf. Wenn morgen alles trocken ist, werden ich versuchen, mit dem Not-stromaggregat auf dem Wohnhaus die Anlage ans Laufen zu bringen. Ich sehe jetzt draußen nach Keo und den Bojen."

Sie arbeiteten den ganzen Tag. Als es dunkel wurde, gingen sie zum Wohnhaus zurück. Keo war nach Maalaea gefahren, um Wailua abzuholen. Auch dort gab es noch alle Hände voll zu tun. Dieser anstrengende Tag hatte sie alle sehr mitgenommen. Keo Kipahulu hatte es sich auf der Couch bequem gemacht. Die beiden Frauen waren in ihren Zimmern. Mac und Sam hatten ihre Unterlegmatten und Schlafsäcke herausgekramt und in einer Ecke des Wohnzimmers ein Lager aufgeschlagen. Sam war sofort eingeschlafen. Aber MacGyver dachte nochmal darüber nach, was alles passiert war. So dramatisch hatte er sich seinen Urlaub eigentlich nicht vorge-stellt. Und für Sam sah es auch nicht viel besser aus. Sein Auftrag war erst zum Teil erfüllt. Und es blieb abzuwarten, wann man den Krater wieder für Besucher freigab. Manchmal war Mac sich nicht sicher, ob es nicht vielleicht seine Person war, die die Katastrophen anzog. "Blödsinn", sagte er zu sich selbst. "Jetzt reagierst du schon genau wie sie." MacGyver drehte sich auf die Seite. Und er träumte von Pele. Er sah einen imaginären Kopf mit ebenen Ge-sichtszügen. In ihrer Stirn rollten sich Wellen zu Locken zusammen. Eine Hibiscusblüte steckte hinter ihrem rechten Ohr. Sie trug einen Blätterkranz auf dem Haupt und einen Kranz aus Macadamianüssen um den Hals. Darunter hing eine Korallenkette. Und ihr schwarzes Haar ergoß sich als Lava über ihre Schultern. Es sah so aus, als streckte sie die Hände nach ihm aus. MacGyver begann zu laufen. Er lief und lief und lief. Schweißperlen standen auf seiner Stirn. Er fühlte, wie ihm ihre Wärme im Nacken stand. Er versuchte, sie fernzuhalten, aber seine Arme waren irgendwie gebunden. Und die Dunkelheit kam über ihn. Er hatte das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Er fiel. Fiel, ohne irgendwo aufzuschlagen.

MacGyver riß die Augen auf. Es war bereits hell draußen, und die Sonnenstrahlen fielen durch die Fenster genau auf sein Gesicht. Er wandt sich aus seinem Schlafsack. Es war alles nur ein Alptraum gewesen. Mac zog seine Jeans an und ein T-Shirt über und trat dann vor das Haus. Das Thermometer zeigte bereits am frühen Morgen 20 Grad C an. Es würde ein schöner Tag werden, wenn nichts dazwischen kam.
 

- 6 -

Nach dem Frühstück fuhr Wailua mit Keo zurück nach Maalaea. MacGyver sah als erstes im Büro nach der Radaranlage, aber viele Kontakte waren immer noch feucht, andere angelaufen. Das Liquid-Display war beschlagen. Es kam selten vor, daß er nicht weiterwußte. Und in die-sem Fall wäre es wichtig gewesen; lebenswichtig für die Wale. Aber ohne die nötigen Ersatz-teile war hier wohl nichts viel zu  machen. Man konnte nur warten, ob sich die Feuchtigkeit vollständig verzog. Andernfalls mußte das Gerät von einem Fachmann repariert, gewartet und geeicht werden. Oder noch besser, man sollte es ersetzen, wenn Kapenas finanzielle Lage es zuließ. Frustriert ließ er eine Handvoll Kabel durch die Finger gleiten, als Sam auf ihn zutrat. "Nun, wie sieht es denn hier aus?" - "Frag lieber nicht. Ich bin schließlich kein Zauberer." - "Dann wird aber jemand ziemlich enttäuscht sein." - "Ich habe nur versprochen, daß ich es mir ansehe, nicht, daß ich ein Wunder vollbringen werde. Sieh dir diese Kiste doch an." Er tat so, als wolle er davortreten. "Ich muß jetzt erst was anderes machen, sonst platzt mir hier der Kragen."

Er zog Sam mit hinaus. Lilian kam ihnen am Steg entgegen. "Lassen sie das Gerät ruhig erst einmal stehen. Wir können jetzt jede Hand am Dock gebrauchen. Die abgeknickten Masten der Carthaginian II müssen runter, sonst drückt der Rumpf in Schieflage zu sehr gegen die Dockwände. Und es besteht die Gefahr, daß jemand durch herabstürzende Teile verletzt wird."

Man hatte bereits eine Art Kran errichtet. Mit Seilen wurden die losen Mastteile gesichert. Dann enterten ein paar Hawaiianer auf, um die Takelage zu lösen. Die Aktion dauerte den ganzen Vormittag, war aber letztendlich vom Erfolg gekrönt. Selbst Teile der Takelage waren gerettet worden und konnten nach der Wiederherstellung der Masten erneut verwendet wer-den. Lilian war zufrieden. Sie schickte die Leute nach Hause. Für heute hatten sie hier genug getan. Es wurde ruhig auf dem Dock, und MacGyver glaubte, nun endlich die Muße zu haben, vielleicht doch noch Teile der elektrischen Überwachungsanlage zu aktivieren. Vielleicht konnte man Teile vom Radar der 'Aina' verwenden. Er ließ Sam und Lilian allein zum Büro gehen und sah sich auf dem Schiff um. Er prüfte die Anschlüsse und Leitungen, aber es waren zwei verschiedene Systeme, die leider gar nicht kompatibel waren. Das wäre auch zu einfach gewesen. Außerdem bestand die Gefahr, daß hinterher beide Systeme nicht mehr einwandfrei geeicht waren. Er beschloß, die Entscheidung Lilian zu überlassen. Schließlich war sie jetzt der Boss.

Er öffnete gerade die Bürotür und setzte zu seiner Frage an, als ihn von hinten jemand mit einem schweren Gegenstand am Kopf traf. Ihm wurde schwarz vor Augen, während er zu-sammenbrach. Man zog ihn ins Büro und schloß erneut die Tür. Sam und Lilian wurden von drei maskierten Männern in Schach gehalten. Sam wollte nach seinem Vater sehen, der bewe-gungslos am Boden lag, aber einer der Maskierten hielt ihn davon ab. "Das hast du dir selbst zuzuschreiben. Ihr habt gesagt, ihr wärt allein hier." Dann drehte er sich zum eigentlichen Sprecher der Gruppe um: "Was machen wir denn jetzt? Sie werden uns verraten!" - "Wir ma-chen das, was wir ursprünglich geplant hatten. Es konnte ja niemand ahnen, daß der alte Ka-pena sowieso nicht hier sein würde. Wir bringen sie auf den alten Kahn und sperren sie dort ein, bis das Rennen vorbei ist."

Lilian wollte sich auf sie stürzen: "Ihr wollt jetzt das Rennen durchführen? Ausgerechnet jetzt?" Der Chef der Gruppe hielt ihr die Pistole an den Kopf und spannte den Hahn. "Natür-lich jetzt. Wann denn sonst? Die Polizei ist beschäftigt, um für Ordnung auf der Insel zu sor-gen. Wer kümmert sich da schon um ein paar Rennboote? Wenn du das Maul genauso auf-reißt, wie dein Alter, kannst du ihm bald im Krankenhaus Gesellschaft leisten." Er lachte. Dann zeigte er mit der Waffe zur Tür. "Los jetzt. Bewegt euch." Sam beugte sich zu MacGyver: "Dad? Kannst du mich hören?" - "Entweder ihr seht zu, wie ihr ihn bewegt, oder ich knalle ihn gleich hier ab." Sam hob beschwichtigend die Hände. "Schon gut. Nur keine Panik. Kommen sie, Lilian. Nehmen sie den rechten Arm. Ich nehme den Linken." Sie nah-men MacGyver zwischen sich und schleppten ihn durch die Tür nach draußen. Auf dem Pier, wo eine leichte Brise wehte, kehrten Mac's Lebensgeister zurück.Automatisch begann er, die Füße zu bewegen. Sein Schädel brummte, und seine Wahrnehmung war noch getrübt.

"Wo gehen wir hin, Sam?" murmelte er. "Dort rüber zum Schoner. Sie sperren uns ein, haben sie gesagt." - "Wer sind 'sie'?" - "Dad, nicht jetzt. Tu einfach, was sie sagen." Mac sah aus den Augenwinkeln, daß die Gegner zu dritt waren und Waffen hatten. So, wie es momentan aus-sah, hatten sie keine Chance. An der Carthaginian II angekommen, stieg als erstes einer der Maskierten die Gangway hinauf. Er bedeutete Lilian, ihm zu folgen. Mac hatte Mühe, die steile Rampe zu erklimmen. Sam mußte ihn stützen. Zum Schluß kamen noch die beiden An-deren nach. Im Gänsemarsch stiegen sie die Niedergänge hinunter, bis sie das Zwischendeck erreichten. Eine halbhohe Tür verschloß den Blick auf dicke Taue und Netze. Man ließ Lilian den Vortritt und stieß Mac und Sam hinterher. Dann wurde die Tür von außen abgeschlossen. Man konnte noch hören, wie sich Schritte entfernten. Sie blieben allein in der Dunkelheit zu-rück.

Mac rieb sich den Hinterkopf. Dort würde sich eine prächtige Beule entwickeln. Wenn er den Kopf schnell bewegte, fuhr ihm ein stechender Schmerz bis an die Schläfe durch und durch. Gleichzeitig stieg ihm der muffige Geruch von altem Tran in die Nase. Auch dieser Geruch trug nicht gerade zu seinem Wohlbefinden bei. Er ließ sich auf einem Haufen Seile nieder. "Hast du eine Idee, wie wir hier raus kommen, Dad?" Mac zuckte mit seinen Mundwinkeln. "Wie wäre es mit etwas Licht? Hast du Streichhölzer dabei?" - "Ja, irgendwo, in meiner Jack-entasche. Gott sei Dank, haben sie uns nicht alles weggenommen. Moment, ich hab es gleich." Sam durchwühlte seine Taschen. "Hier, ein Päckchen, 20 Stück, aus dieser Hafenkneipe." - "Okay, halte sie fest. Vielleicht finden wir noch etwas anderes." Mac tastete mit den Fingern den Boden im Halbdunklen ab. Nur durch einen Spalt in der Tür fiel etwas Licht hinein, gera-de soviel, daß man Umrisse erkennen konnte. "Lilian, sie kennen doch das Boot wie ihre We-stentasche. Was ist um uns herum?" - "Über uns sind die Kabinen und unter uns liegt das Kielschwein. Warum?" - "In Booten mit Motoren ist meist an der tiefsten Stelle ein Gaswarn-gerät angebracht." - "Das hat dieses Boot auch, weil Besucher darauf herumlaufen. Da muß man gegen jede Kleinigkeit abgesichert sein. Schließlich wird hier auch mit Gas und Strom gearbeitet." Mac tastete den Boden ab. Sein Finger verkrallte sich in einem Astloch. Das war doch wenigstens ein Anfang.. Er nahm sein SAK heraus und legte das Sägeblatt frei. Als Lili-an hörte, wie sich die Zähne der Säge durch das Holz fraßen, schrie sie fast auf: "Was machen sie da?" - "Jedes Warngerät hat eine eigene unabhängige Stromquelle. Ich versuche, nach un-ten durchzubrechen." - "Sie beschädigen das Schiff. Wissen sie, wie lange wir gebraucht ha-ben, bis es halbwegs wieder im Originalzustand war? Es muß einen anderen Weg geben."

So viel Starrköpfigkeit hatte Mac gerade noch gefehlt. Er fühlte sich ins Mittelalter zurückver-setzt. Okay, wenn sie es so wollte.Dann würden sie das Problem eben auf die alte Walfän-gerart lösen. "Sam, leer deine Taschen aus. Laß mich sehen, was du sonst noch dabei hast." Mac tat das Gleiche. Es kam nicht besonders viel zusammen: Geld, Pfefferminzbonbons, ein Labello-Fettstift, eine Sprühdose mit Mückenspray, die besagten Streichhölzer, das Taschen-messer und noch anderer Kleinkram. Damit mußte sich doch etwas anfangen lassen. Aber Mac kam es so vor, als könne er keinen klaren Gedanken fassen. Er sah, wie Sam mit einen Tauende spielte. Dann griff Sam zu dem SAK. "Ich glaube, ich habe das Beleuchtungspro-blem gelöst. Drück mal die Daumen, daß es klappt." Sam schnitt ein ca. 20 cm langes Stück vom Tau ab. Dann nahm er ein Streichholz nach dem anderen und hielt die Flamme an den Fettstift. Die Hitze verflüssigte das Fett, das nach unten auf das Tauende tropfte. MacGyver begriff, was Sam vorhatte. Eigentlich ziemlich clever. Das trockene Tauwerk saugte das Fett auf wie ein Schwamm. Mac begann, es hin- und herzudrehen, damit das Fett überall gleich-mäßig verteilt wurde. Dann hielt Sam das letzte Streichholz an den Tampen. "Unsere letzte Chance. Entweder es brennt jetzt, oder wir stehen vollständig im Dunklen."

Zuerst rußte es nur etwas. Aber dann ging die Flamme auf den Tampen über. Jetzt konnten sie sich um die Tür kümmern. Es war eine schwere, massive Holztür, die außen von einem Riegel gehalten wurde, den man verkeilt hatte. An der linken Seite befanden sich zwei Scharniere. Als dieses Schiff vom Stapel gelaufen war, wurde in der Seefahrt noch recht wenig Metall verwendet. Selbst die Bolzen in den Türscharnieren waren aus Holz. Hier konnte man anset-zen. Vorsichtig versuchte Mac, mit dem Dorn des Taschenmessers den Bolzen zu bewegen. Aber im Laufe der Jahre hatte er sich festgefressen. Schade, da mußte man wohl etwas nach-helfen. MacGyver überprüfte die Zusammensetzung des Mückensprays. Diese Dinger entfal-teten oft am meisten Wirkung auf der Haut, wenn neben den obligatorischen Trägersubstan-zen noch weitere Zusatzstoffe beigefügt wurden. Das vorliegende Spray basierte auf einer Zitronensäurekombination in Verbindung mit einer fettähnlichen Substanz, die bewirkte, daß es auf der Haut auflag und nicht zu schnell einzog oder verdunstete. Das könnten klappen.

Er sprühte beide Scharniere damit ein, bis die Flasche leer war. "Sie werden das Holz beschä-digen mit der Substanz." - "Lilian,wir müsen alle kleine Opfer bringen. Ich verspreche, ich werde nicht mehr ruinieren als nötig ist." Er wartete einen Moment und drehte dann den Kor-kenzieher des Messers in den Holzbolzen. Mit einem Taschentuch umwickelte er den Griff des Messers. Dann stemmte er sich mit Gewalt gegen die Tür und zog. Zuerst rührte sich gar nichts. Dann, erst langsam, aber dann mit einem Ruck, löste sich der Bolzen aus der Halte-rung. Mac wischte sich den Schweiß von der Stirn. "Sam? Bitte, stütze die Tür ab, damit sie mich nicht erschlägt, wenn ich den zweiten Bolzen entferne." - "Schon geschehen." Sam stemmte sich dagegen. Der zweite Bolzen leistete etwas mehr Widerstand als der erste. Aber letztendlich gab er auch nach. Die Tür wurde nun nur noch von dem Schloß gehalten. "Okay, Sam. Halte sie weiter fest. Ich werde sie jetzt aus den Angeln rücken und zur Seite schieben. Das müßte das Schloß knacken." Er stemmte sich mit aller Macht dagegen. Dann gab Mac ein Zeichen und beide sprangen zur Seite. Mit einem lauten Knall schlug die schwere Tür auf die Planken auf. Sie stiegen über sie hinweg. Vorsichtig schlichen sie über den Gang zur Treppe. Aber ihre Angst war unbegründet. Die Drei, die sie überwältigt hatten, hatten sich so sicher gefühlt, daß man einen Wache für unnötig gehalten hatte.

Oben an Deck atmete MacGyver erst einmal tief durch. Dieser Waltrangestank war einfach bestialisch. Lilian zitterte immer noch am ganzen Körper. "Was sollen wir jetzt tun?" - "Am besten, wir sagen der Polizei Bescheid, daß sie die Kerle schnappt, bevor sie mit ihren Booten auslaufen." - "Die werden anderes zu tun haben." - "Was schlagen sie als Alternative vor, La-dy? Sollen wir sie vielleicht mit der 'Aina' aufhalten?" Sie waren in der Zwischenzeit den Steg entlang gegangen. Als sie in Reichweite der 'Aina' kamen, hörten sie ein Piepen. "Was ist das für ein Geräusch?" - "Jemand piept das Funkgerät an; das kann nur Wailua sein." Mac schwang sich über die Reling, langte nach dem Sprechgerät und schaltete es ein: "Hier ist die 'Aina'. Wer spricht?" Er ließ den Sprechknopf los. "Hier ist Wailua. Ist Lilian da? Sie soll so-fort kommen. Die Walmutter tobt durch das Becken. Ich weiß nicht, was ich machen soll." - "Keine Panik. Wir kommen sofort. Machen sie jetzt bitte die Leitung frei." Er schaltete an den Anrufkanal. "Maui Police, Maui Police, Maui Police. Hier ist die 'Aina', 'Aina', 'Aina'. Das ist ein Notfall. Hören sie mich?" "Wir verstehen sie gut, 'Aina'. Sprechen sie." MacGyver be-richtete von dem Zwischenfall auf der Carthaginian II. Der Beamte versprach, die Küstenwa-che zu informieren. Aber ein Verstoß gegen ein Gebot war eigentlich erst nachzuweisen, wenn die Bojen das Queren der Bucht untersagten. Die Bojen waren aber noch an Bord der 'Aina'. Solange die Wale nicht da waren, durften sie nicht ausgebracht werden. Es war ein Teufels-kreis. Die Rennboote würde verhindern, daß die Wale in die Bucht kamen, und solange sie nicht drin waren, konnte man sie nicht schützen. "Was hat die Polizei gesagt?" wollte Lilian wissen. "Das übliche. Sie geben das Ganze an die Küstenwache." - "Scheiße", Lilian fuhr sich mit der Hand durchs Haar. "Was machen wir denn jetzt?" - "Wie fahren nach Maalaea. Wai-lua hat gesagt, die Wale benehmen sich auffällig." Lilian rannte los zum Wagen. "Schnell, das ist ein Zeichen. Die Anderen werden also bald eintreffen. Wir müssen uns beeilen."

Sie hasteten zum Wagen. Mac holte auf der Uferstraße das letzte aus dem Motor heraus. Lili-an krallte sich auf dem linken Sitz in der Kopfstütze fest. "Wir müßten sie irgendwie orten können. Es ist aber auch zu dumm, daß die Radaranlage noch defekt ist." Mac sah genervt in den Rückspiegel. "Entschuldigung. Aber genau da bin ich unterbrochen worden. Sie erinnern sich vielleicht." Lilian nickte beschwichtigend. "Mmh," MacGyver grinste auf einmal. "Sie haben doch gesagt, einige der Wale senden Ortungssignale aus? Ich glaube, ich weiß, wo wir Hilfe bekommen." Er deutete zum Haleakala. "In Science City steht das sensibelste Ohr der Welt. Das sollte eigentlich reichen." - "Okay, ich fahre mit ihnen hoch." Lilian zögerte nicht lange. "Aber irgendjemand muß Wailua helfen. Sie soll die Wale aus dem Bassin lassen und sich mit den zusätzlichen Bojen bereithalten." Sie hielten kurz an der Forschungsstation, um Sam aussteigen zu lassen. Dann fuhren sie weiter.

MacGyver schaffte den Weg hoch nach Science City in Rekordzeit. Lilian blieb nichts anderes übrig, als sich gut festzuhalten.Sie schickte ein Stoßgebet zu Pele, daß der Wagen nicht von der Straße abkommen möge oder sich überschlug. Aber diesmal war die Göttin wohl auf ihrer Seite.

In Science City trugen sie sich am Tor als Besucher ein. Das war nicht außergewöhnlich. Denn es gab hier regelmäßig Führungen. Heute waren sie allerdings die einzigen Interessen-ten. Mac sprach das junge Mädchen an, das die Führung durchführen wollte und erklärte ihr den Grund ihres Besuches. Das Mädchen war eindeutig nicht der richtige Ansprechpartner, aber sie führte sie direkt zur Steuerzentrale des Instituts. Diesmal war es Lilian, die versuchte, ihr Anliegen zu erklären. Der Name 'Kapena' machte einen enormen Eindruck auf den Astro-physiker vom Dienst. Normalerweise sah sein Aufgabenfeld zivile Nutzung eigentlich nicht vor. Aber es gelang MacGyver und Lilian schließlich, ihn von der Wichtigkeit ihrer Sache zu überzeugen. Lilian nahm den Zettel, auf dem sie die Frequenzen immer bei sich trug, aus ihrer Geldbörse. Der Wissenschaftler speiste sie in den Computer ein. "So, das dürfte reichen. Den großen Schirm können wir nicht so weit nach unten drehen, daß er das Meer abtastet. Aber wir haben noch kleinere Schüsseln; die müßten eigentlich reichen." Er drückte die 'Enter'-Taste und wartete. Die Radaranlage suchte nun nach den Frequenzen. Ein pfeifender Signal-ton zeigte nach kurzer Zeit an, daß etwas geordet wurde. "Da haben wir es ja schon. Ich lege es auf die große Anzeigetafel." Und es entwickelten sich auf der Monitorwand die Umrisse der Insel und des Festlandes. Einige kleine Punkte zogen vom Festland auf die Inseln zu. "Da sind sie." Lilian strahlte über das ganze Gesicht. "Sie ziehen von Alaska aus die ganze Küste hinunter und drehen dann auf Westkurs." - "Ich kann ihnen den Ausschnitt auch vergrößern." Ein paar Knöpfe wurden gedreht. MacGyver beobachtete, wie sich das Bild verschob. Dann legte der Wissenschaftler noch ein Raster darauf. "Bei der Geschwindigkeit, die die Tiere drauf haben, müssten sie in zwei Stunden den Einzugsbereich der Insel erreichen." - "Ja, dort schwärmt dann die Gruppe aus. Dann kann die Bucht gesperrt werden." MacGyver tippte den Wissenschaftler an: "Darf ich mal ihr Funkgerät benutzen?" - "Klar, wenn sie nicht gerade ein Gespräch mit Nepal anmelden."

Dieser Scherzbold machte jetzt auch noch Witze. "Ich rufe Maalaea Whaling Station. Könnt ihr mich hören?" - "Laut und deutlich." - "Sam, die Wale werden in ca. 2 Stunden in der Bucht sein. Ich solltet euch bereithalten. Was ist mit den Rennbooten?" - "Die Küstenwache hat ge-meldet, sie machen sich gerade zum Start bereit. Sie kommen aus Molokai. Das ist eine Pri-vatinsel. Dort können sie nicht eingreifen. Keo Kipahulu ist nach Makena gefahren. Er sagt, er hat dort ein Boot, daß annähernd so schnell ist, wie die Cigarett-Boote, die das Rennen fah-ren." - "Okay, er soll noch warten. Wir kommen dorthin. - "Alles klar. Over." - "Over and out." - "Was ist passiert?" Lilian sah MacGyver entsetzt an. "Es ist das eingetreten, was ihr Vater gefürchtet hat. Wir müssen nach Makena. So schnell wie möglich. Vielleicht besteht doch noch eine Möglichkeit, das Rennen aufzuhalten." - "In einer Stunde nach Makena? Das schaffen wir nie." Ihre Stimme schien fast hysterisch umzuschlagen. "Da müßten wir ja flie-gen können." - "Mmh, fliegen. Die Idee ist gar nicht so schlecht. Ich habe vorhin draußen Metallboxen im Gang stehen sehen. Warten sie einen Moment. Ich schaue mal eben nach, ob ich mit meiner Vermutung recht habe." MacGyver hastete zurück auf den Flur, den Gang ent-lang. In einer Nische fand er die Kisten, die er meinte. Ja, das war die Lösung. Er ging zur Radarstation zurück. "Wem gehören die Ultra-Lights, die da draußen im Flur stehen?" - "Hier arbeiten im Moment zwei Praktikanten. Sie wollten sich den Krater mal von oben ansehen, aber der Strum ist ihnen dazwischen gekommen." - "Sind die beiden heute hier?" - "Ja, sie arbeiten draußen an einer der Außenantennen, die im Wind beschädigt wurden. Warum?" - "Wir müssen so schnell wie möglich nach Makena. Die Zukunft der Wale hängt davon ab." - "Okay, fragen sie sie. Hier ist sowieso bald Feierabend." Er rief ihnen noch 'Viel Glück' hin-terher, aber das hörten sie schon nicht mehr. Aber sie hatten Glück. Gegen Auslagenerstattung und ein Trinkgeld waren die Zwei bereit, ihren Flug heute zu machen und einen Zwischenstop in Makena einzulegen. MacGyver konnte sehen, wie Lilian die Erleichterung ins Gesicht ge-schrieben stand.

Mit Fallschirmen und Paraglidern war MacGyver ja schon unterwegs gewesen. Der Flug mit einem Ultra-Light hatte heute Premiere. Diese Dinger bestanden aus einem Zwei-Takt-Motor, Aluminiumstangen und Plexiglasflügeln. Eigentlich waren sie nur für jeweils eine Person ausgelegt. Aber besondere Situationen machten besondere Zugeständnisse erforderlich. Wenn man sich schmal machte, konnte man zwischen Motor und Sitz noch jemand unterbringen. Und schließlich würde ihr Flug ja nicht lange dauern. Lilian sah MacGyver zweifelnd an. "Sie glauben wirklich, daß wir das überleben?" MacGyver nickte. "Wenn sie so wollen, nehmen sie es als Herausforderung an die hawaiianischen Götter. Ihr Leben für das Leben der Wale. Wäre das nicht ein faires Geschäft?" Lilian tat so, als wolle sie ihn in den Magen boxen. "Sie sind ein Ekel, mit dem Taktgefühl einer Honigwabe." - "Ich zahle nur heim, was sie austei-len." Bevor sie da Thema vertiefen konnten, mischten sich die beiden Piloten ein. Sie hatten ihre Fluggeräte überprüft, entsprechend getrimmt und die Flugroute festgelegt. Dem Flug stand nun nichts mehr im Wege.

Sie schlossen ihre Jacken. Mac setzte seine Mütze auf. Lilian hatte ihre Haare hochgesteckt und mit einem Tuch bedeckt. Helme für Copiloten waren leider nicht vorhanden. Also mußte es so gehen. Die Motoren liefen gleichmäßig und leise. Mit Vollgas schossen sie über den Parkplatz von Science City. Kurz vor der Kante zogen die Ultra-Lights steil nach oben. Es war ein komisches Gefühl, in diesem leichten Gestell durch die Luft zu fliegen, den Motor mit dem Benzintank direkt im Rücken. MacGyver zwang sich, nicht hinunter zu sehen. Stattdes-sen fixierte er den Nacken seines Vordermannes. Der Fahrtwind zerrte an seiner Kleidung. Lilian hingegen schien den Flug zu genießen. Sie war fast enttäusht, als sie schon nach kurzer Zeit in Makena landeten. MacGyver klopfte seinen Piloten anerkennend auf die Schulter. Er hatte eine gekonnte, weiche Landung hingelegt. Die Beiden hielten sich nicht lange auf. Sie hatten die Motoren erst gar nicht abgestellt, sondern starteten gleich wieder durch. Lilian sah ihnen nach. "Ich wußte gar nicht, daß es soviel Spaß macht, so unmittelbar durch die Luft zu gleiten. Wie ein Vogel." - "Ja, ja. Genug jetzt. Ich glaube, wir haben im Moment ein anderes Problem, oder?" Sie nickte. "Wissen sie, wo Keo Kipahulu sein Boot liegen hat?" - "Da gibt es in Makena nicht viele Möglichkeiten. Die meisten Anleger gehören zu den Hotelburgen. Es gibt nur wenige freie Plätze. Ich wußte gar nicht, daß Keo so ein Boot hat. Hoffentlich ist es schnell genug." Sie führte MacGyver zur Pier.

Dort kam ihnen Keo bereits entgegen, mit beiden Armen winkend. "Hierher. Sie müssen sich beeilen. Sie werden jeden Moment hier vorbeikommen. Ich habe schon alles vorbereitet." MacGyver glaubte seinen Augen nicht zu trauen, als Keo sie zu seine
 

Harry

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No ka oi kukua!
« Antwort #2 am: 16. November 2005, 18:16:33 »
Trotz alledem, was in der letzten Woche passiert war, bereute er nicht, hierher gekommen zu sein. Die Tage vergingen wie im Flug. Als sie nach Lahaina zurückkehrten, sahen sie sich überrascht um. Die Trümmer der Sturmnacht waren weitgehend beseitigt worden. Viele Boote waren an ihre Liegeplätze zurückgekehrt. Die Telefongesellschaft war damit beschäftigt, neue Leitungen zu ziehen. Das Paradies war zwar vom Sturm gebeutelt worden, aber es ließ sich nicht unterkriegen. Alle hielten zusammen, und jeder half jedem. Im Hafen von Lahaina drehte sich jetzt alles um die Wale. Sogar mit dem bloßen Auge konnte man sie vom Pier aus sehen. MacGyver betrat Kapenas Büro und stutzte. "Lilian? Sind sie es wirklich?" Die Gestalt, die sich soeben noch über die Radaranlage gebeugt hatte, drehte sich um. Es war wirklich Lilian, aber sie hatte sich verändert. Ihre Haare waren nun kurzgeschnitten: ein Pagenkopf mit modischen Fransen im Stirnbereich. Und sie hatte es tönen lassen. Es war nun mehr kastani-enbraun als feuerrot. Nicht mehr feurige Lava, sondern verwittertes Tuffgestein. "Hallo, MacGyver. Schön, daß sie kommen. Sehen sie nur, die Anlage ist wieder ganz in Ordnung. Wir haben sie trocknen lassen und die Kontakte gereinigt. Und Keo hat eine neue Antenne besorgt." Auf dem Radarschirm konnte man erkennen, wie die Wale in kleinen Gruppen durch die Bucht zogen. "Sie sagen ja gar nichts, MacGyver."  - "Ich  - ich freue mich für sie." - "Und was sagen sie hierzu?" Sie fuhr mit der Hand durch die Haare. "Es steht ihnen ausgezeichnet." - "Danke. Ein bißchen muß ich mich erst noch daran gewöhnen. Aber es war die einzige rich-tige Entscheidung. Sie haben recht gehabt: niemand  ist das personifizierte Unglück. Es gibt nur manchmal Ketten widriger Umstände. Ich habe mit Pele eine Art Waffenstillstand ge-schlossen." - "Ich kenne jemanden, der sich sehr darüber freuen wird." - "Ja, ich habe Dad schon angerufen. Er weiß Bescheid. Und er hat gesagt, er möchte sie noch mal sehen, bevor sie nach Hause zurückkehren." Mac nickte. Das hatte er sowieso vorgehabt.

Während der nächsten 14 Tage löste MacGyver das Versprechen ein, daß er Kapena gegeben hatte. Er fuhr mit den Patrouillen hinaus, um die Wale zu beobachten. Es gab viel zu tun. Die Neugeborenen wurden registiert und markiert. Im nächsten Jahr würde man feststellen kön-nen, wie viele den Weg nach Alaska im Sommer und zurück in die warmen Gewässer über-lebten. In Maalaea wurde das Besucherzentrum wieder eingerichtet. Nebenbei fand Mac noch Zeit zum entspannen, surfen und sonnenbaden. Fast tat es ihm leid, als der Abreisetag näher-rückte. Kapena war inzwischen von Oahu ins Kahului Hospital verlegt worden.

Am Abreisetag packten sie ihre Sachen und fuhren früh los. Wailua hatte Tränen in den Au-gen, als sie sich von Sam verabschiedete. Lilian lächelte, als sie das sah. "Ich wollte, ich könnte meine Gefühle ebenso offen zeigen wie sie. Ich werde wohl noch ein wenig an mir arbeiten müssen." Sie drückte MacGyver und Sam die Hand, drehte sich um und ging. MacGyver schüttelt den Kopf. Nach alledem fiel es ihm immer noch nicht leicht, diese Frau zu verstehen. Dann stiegen sie in den Wagen und fuhren nach Kahului. Vor dem Kranken-zimmer von Kapena trafen sie auf seine Frau: "Gehen sie nur hinein. Er erwartet sie schon." Mac klopfte an die Tür. Als keine Antwort kam, öffnete er sie einen Spalt und lugte hinein. Es sah aus, als schliefe Kapena. Aber er hatte nur die Augen geschlossen. Als er Mac und Sam hereinkommen hörte, drehte er den Kopf und sah sie an: "Aloha!" - "Aloha, Kapena. Wir kommen, um uns zu verabschieden. Wie geht es dir?" Kapena richtete sich etwas auf. "Die Ärzte sagen, ich hätte Glück gehabt, daß ihr mich so schnell gefunden habt. Es wird noch ein Weilchen dauern, bis ich die Beine wieder belasten darf. Aber nächste Woche lassen sie mich nach Hause."

"Das freut mich für dich." Kapena winkte die beiden zu sich heran. "Kommt mal her, ihr zwei. Ihr habt mir geholfen, als es nötig war. Da für möchte ich euch danken. Hier, das ist für euch. Ich hoffe, sie passen." Er schob zwei Schachteln über die Bettdecke. In jeder von ihnen lag ein silberner Ring in Form einer Walflosse. "Sie sollen euch Glück bringen und euch an euer Abenteuer hier erinnern. Setzt sie auf und gebt mir die Hand." Sie taten, was Kapena wünschte. Kapena drückte ihre Hände. "Mahalo nui loa! No ka oi kukua. Mahalo!" Dann kam die Schwester herein und schickte sie hinaus. MacGyver winkte beim Gehen noch kurz mit der Hand, den Daumen und den kleinen Finger ausgestreckt: Hang loose! Draußen auf dem Flur sah Sam seinen Vater fragend an: "Wailua hat mir ja ein bißchen Hawaiianisch beige-bracht, aber trotzdem habe ich nicht verstanden, was er gesagt hat." MacGyver sah seinen Sohn an: "Er hat sich vielmals bedankt, für die beste Hilfe, die er bekommen konnte. No ka oi kukua - die beste Hilfe."

Es waren nur wenige Passagiere, die an diesem Tag in Kahului eincheckten. Sowohl Sam als auch MacGyver hingen ihren Gedanken nach. MacGyver selbst war so abgelenkt, daß er vom Start kaum Notiz nahm. Gedankenversunken drehte er den Ring, der auf dem kleinen Finger seiner rechten Hand steckte. Als die Maschine in der Luft war und über die Insel flog, zwang Mac sich sogar, hinunter zu sehen. Die Insel würde sich bald von den Auswirkungen des Sturms erholen und wieder üppig grün sein. Und er meinte, selbst von hier oben die Wale sehen zu können. Die friedlichen Riesen der Meere. No ka oi kukua - die beste Hilfe, die man bekommen konnte. MacGyver wußte, daß er nicht nur etwas gegeben, sondern im Gegenzug auch etwas bekommen hatte. Etwas, daß man mit Geld nicht kaufen konnte. Die Natur hatte gezeigt, daß sie letztendlich stärker war als der Mensch. Sie ließ sich nicht beherrschen. Sol-che Ereignisse zeigten den Menschen ihre Grenzen und boten ihnen die Möglichkeit, charak-terlich daran zu wachsen. MacGyver fühlte sich ausgeglichen und entspannt. Was immer ihn auch zuhause erwarten sollte, er würde es lächelnd ertragen. Nichts war so schlimm, wie es wirklich aussah. Ein Teil der hawaiianischen Lebensart hatte auf ihn abgefärbt. 'Hang loose - nimm's leicht!' Und er schob die schokoladenummantelte Macadamia-Nuss, die ihm die Stewardess reichte, genüßlich in den Mund. Ja, so schmeckte Hawaii.